Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 22.03.2010, 14.14 Uhr

Vorgeblättert

Leseprobe zu Götz Aly: Unser Kampf. Teil 2

12.02.2008.

Die Jugendlichen lebten in einem Land, in dem der Busen der Knef ebenso verboten war wie die Kommunistische Partei und in dem die DDR nicht DDR genannt werden durfte. Der bis Ende 1966 tätige Vizekanzler Erich Mende (FDP) stolzierte mit dem Ritterkreuz herum, das ihm Adolf Hitler verliehen hatte. Hoteliers und Vermieterinnen setzten sich dem Verdacht der Kuppelei aus, sofern sie Unverheiratete im Doppelzimmer beherbergten; uneheliche Kinder und deren Mütter galten bis zum 30. Juni 1970 als Personen minderen Rechts, Homosexuelle als Verbrecher. Im Bundestagswahlkampf schmähten CDU-Kontrahenten den SPD-Kandidaten Willy Brandt als uneheliches Kind und Emigranten - sprich: als Vaterlandsverräter. Die CSU klebte Plakate mit der Überschrift "…an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen". Darauf prangte ein Porträt des rundlichen "Prof. Dr. Ludwig Erhard", daneben das Passfoto eines Uniformierten: "Willy Brandt - als norwegischer Major in Berlin 1946". Darunter standen die Titel von Büchern, die beide veröffentlicht hatten: für Erhard "Wohlstand für alle" und "Deutsches Gemeinschaftswerk", für Brandt "Verbrecher und andere Deutsche" und "Guerilla-Krieg".

In der Schule lernte ich bei meiner ostpreußischen Geographielehrerin Fräulein Bugsch alles über die Kurische Nehrung und die wundervolle Bernsteinküste von Palmnicken, nichts über das Sauerland. In jeder Schule hingen Plakate der Bundeszentrale für politische Bildung, die das schwarz-rot-gold gefärbte, von Stacheldrahtbarrieren durchschnittene Deutsche Reich von Aachen bis Königsberg zeigten. Darüber prangte der flammende Aufdruck: Dreigeteilt niemals! Offiziell standen Breslau und Danzig "unter polnischer Verwaltung", Königsberg und Tilsit unter sowjetischer.

Gegen diesen Immobilismus hatte der SDS im Sommer 1964 beschlossen, die Oder-Neiße-Grenze und die Existenz zweier deutscher Staaten anzuerkennen und Kontakte zur FDJ, der staatlichen Jugend- und Studentenorganisation der DDR, aufzunehmen. Auch solche Aktivitäten hatten zum Bruch mit der SPD geführt.

Der Innenminister ließ kaum eine Gelegenheit aus, das Fernsehen zur "objektiven", sprich staatsnahen Berichterstattung zu ermahnen. Joachim Fest, der spätere Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wurde wegen seiner liberalen Moderation des Fernsehmagazins Panorama derart geschurigelt, dass er 1967 seinen Posten niederlegte. Ende 1966 erklärte der Berliner Senat nach einer harmlosen Spaziergangsdemonstration auf dem Kurfürstendamm: Die Stadt brauche keine "arbeitsscheuen Provokateure". Der Rektor der Freien Universität meldete über die "Provos" entsetzt: "An ihren Rockaufschlägen trugen die jungen Radikalinskis Bilder des rotchinesischen Parteichefs Mao."(101) Es fiel nicht schwer, die Behörden des verstockten Rumpfstaats zu provozieren.

Die Rebellierenden bezeichneten den Staat bald mit stupender Regelmäßigkeit als post-, wahlweise als präfaschistisch oder vage als (tendenziell) faschistoid. Wichtiger war die mentale Verfassung der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft. Sie, nicht so sehr der Staat, trug das nazistische Restgift in sich. Die Leute pflegten den keifigen Ton und das gespannte Verhältnis zur Idee der Freiheit. Beides provozierte die Protestbewegung und schlug auf sie durch. Skandalös, so befand ein Springer-Kolumnist, dass die FU-Studentenvertreter es im Sommer 1965 wagten, Gisela May aus Ostberlin mit Brecht-Songs an der FU auftreten zu lassen - "eine linientreue, fanatische Kommunistin übrigens, die den Bau der Mauer emphatisch begrüßt hatte". Auf dem Sündenkonto der "Wirrköpfe" stand auch die Einladung an "den exaltierten Linksliteraten Erich Kuby", die "Magnifizenz Professor Lüers" in "statutengemäßer Ausübung des Hausrechtes" vor dem Auftritt der May - gottlob - verhindert hatte.

(...)

All das korrespondierte mit den Lebenserfahrungen der Studenten auf eigentümliche Weise. Wer in den Fünfzigerjahren beispielsweise im schwäbischen Leonberg groß wurde, der wusste, dass die sudetendeutschen Flüchtlinge in "Klein-Warschau" und "Klein-Moskau" hausten. Dass die Namen ehemalige Zwangsarbeitslager für Polen und Russen bezeichneten, erschloss sich viel später. Nachdem die heimatvertriebenen Schlamkows und Binoscheks in die neuerbauten Schwedenhäuser und Siedlungen hatten einziehen können, folgten italienische Gastarbeiter, umgangssprachlich: Fremdarbeiter. Dann hatten die grünen Holzbaracken ausgedient. Im Krieg waren 7.000 Zwangsarbeiter in der Kleinstadt einquartiert gewesen, jetzt stellten die Flüchtlinge mehr als die Hälfte der Einwohner. Sie bekamen eine katholische Kirche gebaut, ohne Turm, versteht sich.

Am Nachmittag traf man sich gern auf dem Bloßenberg. "Gah' ma aufs Kazettle", lautete die Verabredung. Dort stand ein mit gelblichem Rauputz versehenes Betonkreuz, und die Älteren erinnerten sich noch an die Exhumierungen von rund 400 Toten zu Beginn der Fünfzigerjahre, einer sei überhaupt nicht verwest gewesen. Der Begriff Kazettle, den wir Kinder nicht enträtseln konnten und der einfach als Flurname gebraucht wurde, meinte das Außenlager Engelbergtunnel des KZs Natzweiler-Struthof.

In einer anderen schwäbischen Kleinstadt machten die Schüler Waldläufe zur Polenlinde; so bezeichnet, weil dort 1942 zwei Polen wegen verbotener Liebesbeziehungen zu "Arierinnen" öffentlich gehenkt worden waren. Außer von Kriegsverbrechen an Deutschen wusste man in Leonberg von keiner anderen Untat zu berichten. In Dresden waren bei englischen Bombenangriffen "mehr als 300.000 Menschen verbrannt"; diese um das Zehnfache überhöhte Zahl kannte man. Zwei Tanten waren Kriegerwitwen, der eine Onkel war von italienischen Partisanen erschossen worden ("völkerrechtswidrig"), der andere bei Heiligenbeil gefallen. Dem einen oder anderen Vater der Nachbarkinder fehlte ein Bein oder ein Arm. Im Übrigen galt der Satz: Krieg ist immer grässlich.

Gewalt und Sadismus zwischen den Kindern waren an der Tagesordnung. Heute würden die Zeitungen sofort empört fragen: "Wie konnte die Gesellschaft so lange wegsehen?" Damals interessierte das kaum; kein Wunder in einer Gesellschaft, aus deren Mitte 18 Millionen Männer schießend, plündernd und mordend durch ganz Europa gezogen waren. Als "Judenfürzle" bezeichnete man sowohl kleine Silvesterknaller als auch trockene Waldreben, die man rauchen konnte. War die Klasse mit 56 Kindern laut, ging es zu "wie in einer Judenschule"; war es im Zimmer unordentlich, sah es aus "wie bei den Hottentotten". Das Kultfahrrad für Buben stammte von der Firma Vaterland, preußischblau gespritzt.

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(101) Zit. nach Rote Garde an der FU, in: konkret, 1/1967


Leseprobe 3. Teil

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