Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 08.37 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Vorgeblättert

Leseprobe zu Götz Aly: Unser Kampf. Teil 2

12.02.2008.

Die Jugendlichen lebten in einem Land, in dem der Busen der Knef ebenso verboten war wie die Kommunistische Partei und in dem die DDR nicht DDR genannt werden durfte. Der bis Ende 1966 tätige Vizekanzler Erich Mende (FDP) stolzierte mit dem Ritterkreuz herum, das ihm Adolf Hitler verliehen hatte. Hoteliers und Vermieterinnen setzten sich dem Verdacht der Kuppelei aus, sofern sie Unverheiratete im Doppelzimmer beherbergten; uneheliche Kinder und deren Mütter galten bis zum 30. Juni 1970 als Personen minderen Rechts, Homosexuelle als Verbrecher. Im Bundestagswahlkampf schmähten CDU-Kontrahenten den SPD-Kandidaten Willy Brandt als uneheliches Kind und Emigranten - sprich: als Vaterlandsverräter. Die CSU klebte Plakate mit der Überschrift "?an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen". Darauf prangte ein Porträt des rundlichen "Prof. Dr. Ludwig Erhard", daneben das Passfoto eines Uniformierten: "Willy Brandt - als norwegischer Major in Berlin 1946". Darunter standen die Titel von Büchern, die beide veröffentlicht hatten: für Erhard "Wohlstand für alle" und "Deutsches Gemeinschaftswerk", für Brandt "Verbrecher und andere Deutsche" und "Guerilla-Krieg".

In der Schule lernte ich bei meiner ostpreußischen Geographielehrerin Fräulein Bugsch alles über die Kurische Nehrung und die wundervolle Bernsteinküste von Palmnicken, nichts über das Sauerland. In jeder Schule hingen Plakate der Bundeszentrale für politische Bildung, die das schwarz-rot-gold gefärbte, von Stacheldrahtbarrieren durchschnittene Deutsche Reich von Aachen bis Königsberg zeigten. Darüber prangte der flammende Aufdruck: Dreigeteilt niemals! Offiziell standen Breslau und Danzig "unter polnischer Verwaltung", Königsberg und Tilsit unter sowjetischer.

Gegen diesen Immobilismus hatte der SDS im Sommer 1964 beschlossen, die Oder-Neiße-Grenze und die Existenz zweier deutscher Staaten anzuerkennen und Kontakte zur FDJ, der staatlichen Jugend- und Studentenorganisation der DDR, aufzunehmen. Auch solche Aktivitäten hatten zum Bruch mit der SPD geführt.

Der Innenminister ließ kaum eine Gelegenheit aus, das Fernsehen zur "objektiven", sprich staatsnahen Berichterstattung zu ermahnen. Joachim Fest, der spätere Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wurde wegen seiner liberalen Moderation des Fernsehmagazins Panorama derart geschurigelt, dass er 1967 seinen Posten niederlegte. Ende 1966 erklärte der Berliner Senat nach einer harmlosen Spaziergangsdemonstration auf dem Kurfürstendamm: Die Stadt brauche keine "arbeitsscheuen Provokateure". Der Rektor der Freien Universität meldete über die "Provos" entsetzt: "An ihren Rockaufschlägen trugen die jungen Radikalinskis Bilder des rotchinesischen Parteichefs Mao."(101) Es fiel nicht schwer, die Behörden des verstockten Rumpfstaats zu provozieren.

Die Rebellierenden bezeichneten den Staat bald mit stupender Regelmäßigkeit als post-, wahlweise als präfaschistisch oder vage als (tendenziell) faschistoid. Wichtiger war die mentale Verfassung der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft. Sie, nicht so sehr der Staat, trug das nazistische Restgift in sich. Die Leute pflegten den keifigen Ton und das gespannte Verhältnis zur Idee der Freiheit. Beides provozierte die Protestbewegung und schlug auf sie durch. Skandalös, so befand ein Springer-Kolumnist, dass die FU-Studentenvertreter es im Sommer 1965 wagten, Gisela May aus Ostberlin mit Brecht-Songs an der FU auftreten zu lassen - "eine linientreue, fanatische Kommunistin übrigens, die den Bau der Mauer emphatisch begrüßt hatte". Auf dem Sündenkonto der "Wirrköpfe" stand auch die Einladung an "den exaltierten Linksliteraten Erich Kuby", die "Magnifizenz Professor Lüers" in "statutengemäßer Ausübung des Hausrechtes" vor dem Auftritt der May - gottlob - verhindert hatte.

(...)

All das korrespondierte mit den Lebenserfahrungen der Studenten auf eigentümliche Weise. Wer in den Fünfzigerjahren beispielsweise im schwäbischen Leonberg groß wurde, der wusste, dass die sudetendeutschen Flüchtlinge in "Klein-Warschau" und "Klein-Moskau" hausten. Dass die Namen ehemalige Zwangsarbeitslager für Polen und Russen bezeichneten, erschloss sich viel später. Nachdem die heimatvertriebenen Schlamkows und Binoscheks in die neuerbauten Schwedenhäuser und Siedlungen hatten einziehen können, folgten italienische Gastarbeiter, umgangssprachlich: Fremdarbeiter. Dann hatten die grünen Holzbaracken ausgedient. Im Krieg waren 7.000 Zwangsarbeiter in der Kleinstadt einquartiert gewesen, jetzt stellten die Flüchtlinge mehr als die Hälfte der Einwohner. Sie bekamen eine katholische Kirche gebaut, ohne Turm, versteht sich.

Am Nachmittag traf man sich gern auf dem Bloßenberg. "Gah' ma aufs Kazettle", lautete die Verabredung. Dort stand ein mit gelblichem Rauputz versehenes Betonkreuz, und die Älteren erinnerten sich noch an die Exhumierungen von rund 400 Toten zu Beginn der Fünfzigerjahre, einer sei überhaupt nicht verwest gewesen. Der Begriff Kazettle, den wir Kinder nicht enträtseln konnten und der einfach als Flurname gebraucht wurde, meinte das Außenlager Engelbergtunnel des KZs Natzweiler-Struthof.

In einer anderen schwäbischen Kleinstadt machten die Schüler Waldläufe zur Polenlinde; so bezeichnet, weil dort 1942 zwei Polen wegen verbotener Liebesbeziehungen zu "Arierinnen" öffentlich gehenkt worden waren. Außer von Kriegsverbrechen an Deutschen wusste man in Leonberg von keiner anderen Untat zu berichten. In Dresden waren bei englischen Bombenangriffen "mehr als 300.000 Menschen verbrannt"; diese um das Zehnfache überhöhte Zahl kannte man. Zwei Tanten waren Kriegerwitwen, der eine Onkel war von italienischen Partisanen erschossen worden ("völkerrechtswidrig"), der andere bei Heiligenbeil gefallen. Dem einen oder anderen Vater der Nachbarkinder fehlte ein Bein oder ein Arm. Im Übrigen galt der Satz: Krieg ist immer grässlich.

Gewalt und Sadismus zwischen den Kindern waren an der Tagesordnung. Heute würden die Zeitungen sofort empört fragen: "Wie konnte die Gesellschaft so lange wegsehen?" Damals interessierte das kaum; kein Wunder in einer Gesellschaft, aus deren Mitte 18 Millionen Männer schießend, plündernd und mordend durch ganz Europa gezogen waren. Als "Judenfürzle" bezeichnete man sowohl kleine Silvesterknaller als auch trockene Waldreben, die man rauchen konnte. War die Klasse mit 56 Kindern laut, ging es zu "wie in einer Judenschule"; war es im Zimmer unordentlich, sah es aus "wie bei den Hottentotten". Das Kultfahrrad für Buben stammte von der Firma Vaterland, preußischblau gespritzt.

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(101) Zit. nach Rote Garde an der FU, in: konkret, 1/1967


Leseprobe 3. Teil

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Archiv: Vorgeblättert

Joan Didion: Blaue Stunden

09.02.2012. In "Blaue Stunden" erinnert sich die amerikanische Autorin Joan Didion an ihre Tochter, daran, wie es war, sie aufwachsen zu sehen und Abschied zu nehmen, als sie mit 39 Jahren starb. Es ist eine persönliche Bilanz über Erinnerung und Alter. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen

Maria Sonia Cristoff: Unbehaust

06.02.2012. Würden sich die Tiere an das erinnern, was der Mensch ihnen zumutet, wären wir (die Menschen) vom Aussterben bedroht. Lesen Sie hier einen Auszug aus Maria Sonia Cristoffs Geschichten zur unwahrscheinlichen Beziehung von Mensch und Tier: "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Mehr lesen

Lisa Kränzler: Export A

02.02.2012. Um Love and Tears geht es im Roman von Lisa Kränzler, in dem sie von Lisa erzählt, einer 16-jährigen Austauschschülerin in Kanada, hin- und hergerissen zwischen Gehorsam und Ausbruch. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Erstlingsroman "Export A". Mehr lesen

Hanna Krall: Rosa Straußenfedern

30.01.2012. Briefe, Fragmente, Zettel und Erzählungen erzählen vom Leben der polnischen Autorin Hanna Krall, ihrer Freunde und Zeitgenossen. Der Zweite Weltkrieg, die Volksrepublik Polen, Solidarnosc, vergegenwärtigen sich in ihrer Biografie. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Rosa Straußenfedern". Mehr lesen

Peter Nadas: Parallelgeschichten

26.01.2012. Peter Nadas erzählt die Geschichte der Budapester Familie Demen und ihrer Freunde, deren persönliche Schicksale mit der ungarischen und deutschen Vergangenheit verknüpft sind. Meilensteine in diesem gewaltigen Epos sind die ungarische Revolution 1956, der ungarische Nationalfeiertag am 15. März 1961 und, rückblickend, die Deportation der ungarischen Juden 1944/45 sowie die dreißiger Jahre in Berlin. Lesen Sie hier einen Auszug aus Nadas' Roman "Parallelgeschichten". Mehr lesen

Tom Bullough: Die Mechanik des Himmels

23.01.2012. Konstantin Ziolkowski, der Pionier der russischen Raumfahrt, ist das Vorbild für den kleinen, begabten Kostja in Tom Bulloughs Roman "Die Mechanik des Himmels". Arm und fast taub geht Kostja zum Studium nach Moskau und entwickelt dort am Ende des 19. Jahrhunderts visionäre Ideen von einer modernen Kosmonautik. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman. Mehr lesen

Miklos Banffy: Die Schrift in Flammen

19.01.2012. Von der untergehenden Welt der österreichisch-ungarischen Monarchie zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzählt der ungarische Adelige, Schriftsteller und zeitweise auch Außenminister Ungarns Miklos Banffy in seiner Trilogie "Siebenbürger Geschichte". Lesen Sie hier den Anfang des ersten Bandes "Die Schrift in Flammen".
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16.01.2012. Der Selbstmord einer jungen Frau bringt den Lehrer Francis aus dem Gleichgewicht, er glaubt, dass die Leiche, die seine Schüler am Strand finden, Nora ist, seine erste Liebe. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt, der er sich stellen muss. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Was uns bleibt", dem Erstlingsroman der Amerikanerin Katie Arnold-Ratliff. Mehr lesen

Sonja Margolina: Brandgeruch

24.10.2011. Sowjetunion, DDR, Perestroika, KGB, geheime Dienste jeglicher Couleur, Kirchen, Künstler, Journalisten, der kapitalistische Westen sind Themen in Sonja Margolinas Roman "Brandgeruch" über den Geheimdienstagenten Nikolaj Gribojedow. Lesen Sie hier den Anfang. Mehr lesen

Rodney Bolt: Lorenzo Da Ponte

10.10.2011. Venedig, Wien, London, New York waren die Lebensorte von Lorenzo da Ponte, als Globalisierung noch kein Thema war. Er war Lehrer, Mozarts Librettist, Tabak-, Buch- und Gemüseverkäufer, Jude und katholischer Geistlicher, hatte Frau und Kinder und stand stets vor dem finanziellen Ruin in Zeiten großer Umbrüche. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Biografie von Rodney Bolt. Mehr lesen

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06.10.2011. Vance Weston heißt der junge Held im Roman "Ein altes Haus am Hudson River" der amerikanischen Schriftstellerin Edith Wharton (1862 - 1937). Seine Träume vom Künstlerdasein führen ihn von der behüteten amerikanischen Provinz in das New York der zwanziger Jahre. Lesen Sie hier einen Auszug der deutschen Erstübersetzung. Mehr lesen

Katharina Hacker: Eine Dorfgeschichte

26.09.2011. Der Odenwald ist der Schauplatz von Katharina Hackers Erzählung "Eine Dorfgeschichte" aus der Zeit nach dem Krieg. Geheimnisse und Ängste trotzen der Sommerkindheitsidylle, wenn die Dorfbewohner und die Großeltern ihre Geschichten erzählen. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen

Christopher Hitchens: The Hitch

19.09.2011. In seiner Autobiografie erzählt Christopher Hitchens, wie aus einem britischen Trotzkisten ein amerikanischer Demokrat wurde und aus einem vehementen Vietnamkriegsgegner ein ebenso vehementer Befürworter des Irakkriegs. Auf den Vorwurf, ein Wendehals zu sein, antwortete er mit John Maynard Keynes: "Wenn sich die Fakten ändern, ändert sich auch meine Meinung - und wie steht's bei Ihnen, Sir?" Lesen Sie hier einen Auszug aus "The Hitch". Mehr lesen

Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus

12.09.2011. Nellie Bly war eine Pionierin des investigativen Journalismus und begab sich undercover 1887 in die Frauenpsychiatrie auf Blackwell's Island in New York. Wie sie das bewerkstelligte und was sie dort erlebte, können Sie in ihrem Bericht "Zehn Tage im Irrenhaus" lesen. Hier ein Auszug. Mehr lesen

Andrzej Stasiuk: Hinter der Blechwand

05.09.2011. Wladek und Pawel fahren durch die einsamsten Gegenden Südosteuropas, immer auf der Suche nach einem geglückten Geschäft. Doch auf den Second-Hand-Märkten und Basaren sind nicht die konkurrierenden chinesischen Händler die wahre Gefahr, sondern Menschenhändler. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman "Hinter der Blechwand" des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk. Mehr lesen

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