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Analog zu dem für die NS-Zeit immer wieder erörterten Thema "Was konnten die Deutschen wissen?" ergibt sich für die Mao-Bewunderer von einst die Frage: Was hätten sie, was hätte ich über die Herrschaft des Verbrechens in China 1967/68 genau erfahren können?
Sehr viel! Bereits der Beschluss, mit dem die Führung der KP Chinas die Kulturrevolution ausgerufen hatte, kündigte massive Gewalt an. Er war am 8. August 1966 in Peking veröffentlicht worden. Den Kritikern der Politik Maos wurde darin der "Kampf auf Leben und Tod" angesagt, "die ganze Härte der Diktatur des Proletariats". Der deutsche Wissenschaftler, der solche Dokumente ebenso wie die mündlichen und schriftlichen Berichte aus China fortlaufend sammelte, las und publizierte, hieß Jürgen Domes. Er saß mitten auf dem Campus der Freien Universität im Otto-Suhr-Institut. Ein Experte von hohen Graden. Bei ihm hätten wir uns leicht unterrichten können. Fortlaufend bot er einschlägige Seminare zur chinesischen Innenpolitik an.
1967 publizierte Domes Einsichten wie diese: Beginnend in Peking, Schanghai und anderen Großstädten wurden Kritiker des Parteiführers von den Rotgardisten "durch die Straßen geschleift, geschlagen, gedemütigt, gefoltert und mit Sicherheit in vielen Fällen auch getötet". Sie "zerstörten Tempel, christliche Kirchen und einige Museen und führten 'Haussuchungen' durch, denen 'bourgeoise Luxusartikel' wie Standuhren, Aquarien und Musikinstrumente zum Opfer fielen." Am 24. Januar 1967 hatte Chinas Außenminister Marschall Ch'en Yi in einer "Selbstkritik" vor Rotgardisten in Peking mitgeteilt, "dass allein im Spätsommer und Herbst 1966 mehr als 400.000 Kader physisch liquidiert worden" waren.(165) In seiner Arbeitsstelle führte Domes von Beginn der Kulturrevolution an genau Buch, wer alles aus der Führungselite Chinas verhaftet worden war, "Selbstmord" begangen hatte oder an "Herzschlag" gestorben war.(166) 1964 hatte Domes errechnet, dass die Sozialisierung der Landwirtschaft und Naturkatastrophen in China zu einer Hungersnot geführt und binnen 18 Monaten "mindestens 10,5 Millionen Todesopfer" gefordert hatten.(167)
Im Kursbuch 9, das zufälligerweise punktgenau im Juni 1967 herauskam, hatte Enzensberger eine 80 Seiten lange Eloge zum Thema "Dialektik in China. Mao Tse-tung und die Große Kulturrevolution" aufgenommen. Verfasst und mit Fußnoten förmlich gespickt hatte es der schon vorgestellte Mao-Hagiograph Schickel. Den China-Kenner Domes zitierte er nicht. Stattdessen warnte er vor den "fatalen" Flüchtlingsberichten und verwies auf Quellen wie diese: "Vorsitzender Mao feiert zusammen mit einer Million Menschen die große Kulturrevolution, in: Peking Rundschau 1966/35." In der Sache aber stützte sich der Kursbuch-Autor auf einen deutschen Ökonomen, der eine längere Studienreise nach China unternommen und darüber das zahlenstarke Buch "Die chinesische Volkskommune im 'großen Sprung' und danach" veröffentlicht hatte. Der Verfasser dieser Studie pries das chinesische Experiment als erfolgreiche Form totalitärer Entwicklungspolitik. Die Hungersnöte mit Millionen Toten verschönte er zur "Zeit der Unterernährung", an anderer Stelle zum "zeitweiligen Rückschlag". Er lobte die "beträchtliche Verminderung der städtischen Bevölkerung" zugunsten der "landwirtschaftlichen Front" und widmete dem staatlichen "Umsiedlungsamt" warme Worte: "Rückführung von mehr als 20Mill. Arbeitskräften in die Feldarbeit." Die "schroffen Maßnahmen" in China, "die stets mit großen Opfern und Verlusten verbunden sind", rechtfertigte er mit der notwendigen Kapitalbildung.(168)
Dieser in Schickels Kursbuch-Artikel immer wieder herbeizitierte Kronzeuge hieß Max Biehl. Er hatte 1940 bis 1944 die Grundsatzabteilung der Hauptabteilung Wirtschaft im deutsch besetzten Polen geleitet. Der NSDAP war er 1933 beigetreten. Als die Slowakei 1939 von Hitler-Deutschland als selbständiger Staat kreiert wurde, riet Biehl im Hamburger Wirtschaftsdienst dazu, die neue Regierung solle sofort "die Lösung der Judenfrage", "die allgemeine Enteignung des jüdischen Grundbesitzes" und eine "Neugruppierung im Kreditwesen" auf die Tagesordnung setzen. Kaum war das vollzogen, freute er sich, dass für nicht-jüdische Slowaken "Aufstiegsmöglichkeiten im Staatsdienst und in freien Berufen freigemacht" worden seien. Im besetzten Polen entwickelte derselbe Mann seine Passion für Umsiedlungsbehörden, die ihm 25 Jahre später im kommunistischen China so außerordentlich lobenswert und gut bekannt erscheinen sollten.
Im Januar 1941 teilte Biel seinen hanseatischen Lesern mit, dass Umsiedlungen die "Ausgangspunkte des deutschen Aufbauwerkes" im besetzten Polen seien: "Es würde aber zu weit führen, hier im einzelnen die Personenkreise anzugeben, die einerseits für die spätere Aussiedlung, andererseits für die Heimkehr oder Einweisung in das Generalgouvernement in Frage kommen mögen." In der von ihm mitbegründeten deutsch-polnischen Zeitschrift Die wirtschaftliche Leistung drückte sich Biehl Ende 1942 deutlicher aus: "Durch die inzwischen erfolgte Aussonderung der Juden wird der Bevölkerung des Generalgouvernements Raum für Aufstieg geschaffen."(169)
Auf solchen geistigen Grundlagen propagierte das Kursbuch 1967 die Kulturrevolution Maos. Für die, die solche Texte damals gläubig verschlungen haben, bleibt das eine biographische Schande. Hans Magnus Enzensberger erklärte im September 2007, er sei in jenen Jahren als Kursbuch-Herausgeber gewissermaßen ethnologisch interessierter "teilnehmender Beobachter" gewesen. Christian Semler, der 1970 bis 1980 die maoistische KPD mit anführte, täuschte sich und andere, als er 1998 behauptete: Man habe von der "chinesischen Utopie" in den späten Siebzigerjahren unter anderem deshalb abgelassen, "weil die Fakten der massiven politischen Unterdrückung ans Licht kamen".(170)
All das hätte Semler bequem schon am 6.Oktober 1974 wissen können, als er seinen KPD-Anhängern zum 25.Jahrestag des Bestehens der Volksrepublik China erklärte: "Die deutschen Genossen verfügten im großen schöpferischen Beitrag des Genossen Mao Tse-tung [über] einen sicheren Kompass." Im Übrigen ließ er noch jahrelang "Arbeiterdelegationen" seiner Operettenpartei zu Freundschaftsbesuchen in die Volksrepublik China aufbrechen und sie dort zu festlichen Banketts einladen. Nachdem der Große Vorsitzende am 9. September 1976 das Zeitliche gesegnet hatte, veranstalteten die deutschen Maoisten in Düsseldorf ihre zentrale Trauerfeier. Im November 1976 dienerte Semler mit seinem Zentralkomitee vor dem Zentralkomitee der chinesischen Bruderpartei in Peking.(171) Am 10. April 1976 zelebrierte er mit seiner strenggläubigen Kommunistensekte in Dortmund eine "Festveranstaltung" zum ersten Jahrestag der Eroberung von Phnom Penh durch die Massenmörder Pol Pots. Im Januar 1978 erklärte diese KPD ihre "bedingungslose Unterstützung" für Pol Pot.(172)
Auch wenn die meisten wesentlich früher zur Einsicht gelangten als die KPD-Maoisten, so gilt für die frühen Jahre der Revolte doch: Wir radikalen Linken wollten die Tatsachen lange Zeit nicht sehen. Sie störten die gemeinschaftliche Einbildung, die Lust, das in der Ferne gelegene ganz Große zu adorieren. Das allzu genaue Wissen hätte den Konsens gestört, demgemäß beim Hobeln für revolutionäre Ziele eben auch Späne fallen und Opfer in Kauf genommen werden müssen. Deshalb stempelten wir den Boten Domes zum abgefeimten "Rechten". Ende April 1968 wies Bundesforschungsminister Stoltenberg in einer Fernsehdiskussion auf die "Grausamkeiten" der chinesischen Kulturrevolution hin. Sein Gesprächspartner Rabehl entgegnete: "Das ist eine zynische Unterstellung jetzt von Ihnen."(173) Zur selben Zeit publizierte Günter Amendt (SDS) die durch und durch gegenaufklärerische Voltaire Flugschrift Nr.13 "China. Der deutschen Presse Märchenland". Freilich enthält sie viele, damals als verzerrte Darstellungen der bürgerlichen Presse denunzierte Wahrheiten.
Lese ich die Schriften von Jürgen Domes (1932-2001) heute, erkenne ich mit der selbstverschuldeten Verspätung von 40 Jahren einen Wissenschaftler, der empirisch sorgfältig arbeitete und umsichtig urteilte. Keinesfalls trübte schäumender Antikommunismus seinen Blick. Doch die Kinder der Nazis tanzten um einen kultigen Massenmörder, bewunderten einen großen Führer, der in der von Albert Speer und Joseph Goebbels bevorzugten Bildsprache den angeblich glücklichen Massen zuwinkte und gelegentlich zu ihnen sprach.
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(165) Domes, Ära Mao Tse-Tung, S. 152 f.
(166) Jürgen Domes, Stand der Dinge im VIII. ZK der KCh, Mitte Januar 1967 (Manuskript); AdsD, N Löwenthal/81
(167) Domes, Volkskommune, S. 50 f.
(168) Biehl, Volkskommune, S. 26, 49, 53, 146, 220
(169) Zit. nach Aly, Heim, Vordenker der Vernichtung, S. 243, 249, 354, 357
(170) Semler, Wiedergänger, S. 136
(171) BfV, Informationen, 11/1974; Barch, B 443/554; BfV, Informationen, 5/1975; ebd., 556; Vierteljährliche Informationen 3/1976; ebd., 547
(172) BfV, Informationen, 5/1976; ebd., 548. Am 24.4.1976 eilten zahlreiche Vertreter und Vertreterinnen des ZK der KPD und der parteinahen Massenorganisationen Liga gegen den Imperialismus und Indochina-HIlfe zu den kambodschanischen Revolutionsfeiern nach Paris (ebd.). Zur Grußadresse von 1978 an Pol Pot, Jasper u.a., Partei kaputt, S. 136
(173) Bundespresseamt, Protokoll der Sendung, geleitet von Günter Müggenburg, 3.5.1968; Barch, B 136/13316
Leseprobe 2. Teil
Archiv: Vorgeblättert
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08.02.2010. Großartig erzählt Christopher Isherwood in "Löwen und Schatten" von seiner Schul- und Studienzeit in London und Cambridge in den zwanziger Jahren, von seinen ersten Schreibversuchen und seinen ersten Freunden und Liebhabern. Hier eine Leseprobe. Mehr lesen
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01.02.2010. Karlo Adum heißt der Held in Miljenko Jergovics neuem Roman "Freelander". Er ist ein pensionierter Lehrer und begibt sich eher widerwillig auf eine Irrfahrt durch Kroatien nach Bosnien und Herzegowina. Zu einer Testamentseröffnung. Lesen Sie hier einen Auszug.
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25.01.2010. Alain Mabanckou erzählt in seinem Roman "Black Bazar" sehr selbstironisch von den Träumen afrikanischer Männer, die in Paris ihr Glück suchen. Und hin und wieder auch einen Rückschlag verschmerzen müssen. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen
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04.01.2010. Der zweite Roman von Kristof Magnusson ist so vergnüglich zu lesen wie sein erster. "Das war ich nicht" erzählt von einem jungen Banker, einem ausgebrannten Schriftsteller und einer ehrgeizigen Übersetzerin, deren Wege sich kreuzen. Hier eine Leseprobe. Mehr lesen
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14.09.2009. Kein anderer Rechtstheoretiker prägte wie Carl Schmitt das 20. Jahrhundert. Seine Legitimation der Diktatur und sein Antisemitismus führten zu seinem Aufstieg in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Linke wie Rechte lassen sich von Schmitt bis heute verführen. Reinhard Mehring legt eine umfassende Biografie vor: Carl Schmitt - Aufstieg und Fall. Lesen Sie hier einen Auszug.
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07.09.2009. Martha Gellhorn war die Kriegsreporterin des 20. Jahrhunderts, vom Spanischen Bürgerkrieg über den Zweiten Weltkrieg und den Sechs-Tage-Krieg bis zum Vietnamkrieg. Sie war auch eine manische und großartige Briefeschreiberin. Lesen Sie hier einen Auszug aus Martha Gellhorn: "Ausgewählte Briefe".
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24.08.2009. Joel entdeckt als Kind, dass er eine besondere Gabe besitzt: Er kann die Träume anderer mitträumen und sie ihnen wiedergeben. Jahre später erzählt er seiner Frau davon... Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman "Der Wiederträumer" des israelischen Autors Nir Baram. Mehr lesen
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20.08.2009. Siegfried Jägendorf gehörte zu mehr als Hunderttausend rumänischen Juden, die von den Nazis nach Transnistrien deportiert wurden. In seinem Buch "Das Wunder von Moghilev" berichtet er, wie es ihm gelang, im Ghetto von Moghilev über zehntausend Juden vor der Vernichtung zu bewahren. Lesen Sie hier einen Auszug.
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17.08.2009. Ben Hecht lernte das Metier des Krawalljournalisten als jugendlicher Fotojäger in Chicagos Unterwelt. Beste Voraussetzungen für eine Karriere in Hollywood also, wo er die Drehbücher für Ernst Lubitsch, Howard Hawks, Alfred Hitchcock und die Marx Brothers schrieb. Lesen Sie hier einen Auszug aus Ben Hechts Erinnerungen "Von Chicago nach Hollywood". Mehr lesen
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13.08.2009. Nichts hat soviel Unglück über die Menschheit gebracht wie der Glaube an eine bessere Welt, meint John Gray. In seinem Buch "Politik der Apokalypse" rechnet der britische Ideengeschichtler mit dem utopischen Denken in Religion und Politik ab und plädiert für eine rigorose Realpolitk. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen






