Perlentaucher - Das Kulturmagazin

| Folgen Sie uns auf Twitter | Folgen Sie uns auf Facebook | Anmelden | Mobil | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 11.02.2012, 21.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Christopher Hitchens: Der Herr ist kein Hirte. Teil 1

24.09.2007.

Kapitel sechzehn

Ist Religion Kindesmisshandlung?


     "Sag es mir selbst geradeheraus, ich rufe dich auf, antworte: Stell dir vor, du selbst hättest das Gebäude des Menschenschicksals auszuführen mit dem Endziel, die Menschen zu beglücken, ihnen Friede und Ruhe zu bringen; dabei wäre es jedoch zu eben diesem Zweck notwendig und unvermeidlich, sagen wir, nur ein einziges winziges Wesen zu quälen - beispielsweise jenes Kind, das sich mit den Fäustchen an die Brust schlug - und auf seine ungerächten Tränen dieses Gebäude zu gründen: Würdest du unter diesen Bedingungen der Baumeister dieses Gebäudes sein wollen? Das sage mir, und lüge nicht!"
Iwan zu Aljoscha in Die Brüder Karamasow


Wenn wir abwägen, ob die Religion mehr geschadet als genützt hat - und das sagt noch gar nichts über Wahrheit oder Authentizität aus -, führt uns das zu der schwierigen Frage, wie viele Kinder infolge der Zwangsindok­trination durch den Glauben psychisch und physisch irreparable Schäden davongetragen haben. Diese Zahl ist fast so schwer zu ermitteln wie die Zahl der "wahr" gewordenen spirituellen und reli­giösen Träume und Visionen, die man, um sie auch nur ansatzweise zu bewerten, denen gegenüberstellen müsste, die sich nicht bewahr­heitet haben, wobei Letztere nicht belegt oder in Vergessenheit geraten sind. Fest steht dagegen, dass die Religion immer auf den noch ungeformten und schutzlosen Verstand junger Menschen Einfluss zu nehmen versucht und alles Erdenkliche getan hat, um sich dieses Privileg zu sichern, indem sie mit den säkularen Mächten der materiellen Welt Allianzen eingegangen ist.

Ein berühmter literarischer Fall von moralischem Terrorismus findet sich in der Predigt Vater Arnalls in James Joyce? Ein Porträt des Künstlers als junger Mann. Der widerwärtige alte Priester bereitet Stephen Dedalus und seine anderen jungen Schützlinge auf den Festtag zu Ehren des heiligen Franz Xaver vor (der die Inquisition nach Asien brachte und dessen Knochen bis heute von Leuten verehrt werden, die gern Knochen verehren). Vater Arnall verängstigt seine Schüler mit einem langen, genüsslichen Vortrag über die Höllenqualen, wie er in der Kirche üblich war, als sie noch das Selbstbewusstsein dazu hatte. Ich kann hier unmöglich die ganze Tirade zitieren, doch zwei Elemente, in denen es um die Folter und um die Zeit geht, sind von besonderem Interesse. Es ist nicht zu übersehen, dass der Pries­ter mit seinen Worten darauf abzielt, den Kindern Angst einzujagen. Erstens wählt er kindliche Bilder. Im Abschnitt über Folter lässt der Teufel einen Berg zusammenschmelzen wie Wachs. Er beschwört furchtbare Krankheiten herauf und spielt geschickt mit der Angst der Kinder, dieser Schmerz könnte ewig andauern. Als er das Bild einer Zeiteinheit entwirft, sehen wir ein Kind, das am Strand mit Sandkörnern spielt und dann die Einheiten spielerisch vergrößert:

     "Nun stellt euch einen Berg aus diesem Sande vor, eine Million Meilen hoch, die von der Erde bis an die fernsten Himmel reichen, und eine Million Mei­len breit, die sich bis in den entlegensten Raum erstrecken, und eine Million Meilen in der Tiefe: und stellt euch vor, man multipliziere eine solche Masse von Partikeln Sands so oft, als da Blätter im Walde sind, Tropfen Wassers im mächtigen Ozean, Federn an Vögeln, Schuppen an Fischen, Haare an Tieren, Atome in der unermesslichen Weite der Luft ?"(1)

Seit Jahrhunderten werden erwachsene Männer dafür bezahlt, Kinder auf diese Art zu verschrecken, aber auch dafür, sie zu foltern, zu schla­gen und zu vergewaltigen, so wie sie es in Joyce? Erinnerung und der Erinnerung zahlloser anderer Menschen getan haben.
Auch die anderen menschgemachten Dummheiten und Grausam­keiten der Gottesgläubigen sind schnell festgemacht. Die Folter ist so alt wie die Garstigkeit der Menschheit, ist der Mensch doch die einzige Spezies mit der nötigen Fantasie, sich vorzustellen, wie es sich anfühlt, wenn man jemand anderem etwas antut. Wir können der Religion diesen Impuls nicht vorwerfen, aber wir können sie da­für verurteilen, dass sie die Folter institutionalisiert und perfektioniert hat. Die Mittelaltermuseen Europas von Holland bis in die Tos­kana sind vollgestopft mit Instrumenten und Geräten, mit denen fromme Männer austesteten, wie lang sie einen Menschen am Leben halten konnten, während er über dem Feuer briet. Wir müs­sen hier nicht weiter ins Detail gehen, doch es gibt sogar religiöse Bücher, die in diese Kunst einführen und zeigen, wie man mittels Schmerz Ketzerei aufspürt. Wer nicht das Glück hatte, sich an einem Autodafe zu beteiligen, also einem "Glaubensgericht", wie die Folter auch genannt wurde, durfte sich nach Gutdünken Schauermärchen und Albträume ausdenken und sie dem unwissenden Volk ver­bal verabreichen, um es in einem Zustand permanenter Angst zu halten. In einer Ära, in der es so gut wie keine öffentlichen Vergnügungen gab, entsprach eine nette öffentliche Verbrennung oder das Verstümmeln und Rädern von Menschen in etwa der Dosis an Zerstreuung, die man dem Volk vonseiten der Kirche zu gestatten wagte. Nichts macht deutlicher, dass die Religion vom Menschen erschaffen wurde, als das kranke Hirn, das sich die Hölle ausdachte, dicht gefolgt von dem arg beschränkten Hirn, dem nichts Besseres ein­fiel, als den Himmel als Ort weltlicher Behaglichkeit oder ewiglicher Langeweile zu beschreiben.

Schon die vorchristlichen Höllen waren sehr unangenehm und vom gleichen sadistischen Einfallsreichtum gezeichnet. Einige der frü­hen Höllen, die uns bekannt sind - hier vor allem die der Hindus -, hatten eine zeitliche Begrenzung. Ein Sünder wurde beispielsweise zu einer bestimmten Anzahl von Jahren in der Hölle verurteilt, wo jeder Tag sechstausendvierhundert Menschenjahren entsprach. Hatte er einen Priester erschlagen, entsprach die Strafe 149 504 000 000 Jahren. Danach durfte er ins Nirwana einziehen, was wohl mit der Vernichtung gleichzusetzen war. Es blieb den Christen vorbehalten, eine Hölle zu erfinden, aus der es kein Entrinnen gibt - eine Vorstellung, die übrigens auch gern abgekupfert wird: Ich habe einmal gehört, wie Louis Farrakhan, Anführer der häretischen "Nation of Islam" mit ausschließlich schwarzen Mitgliedern, der Menge im Madison Square Garden ein entsetzliches Gebrüll entlockte, indem er den Juden voller Verachtung zurief: "Und denkt dran - wenn Gott euch in die Öfen steckt, dann AUF EWIG!"

Die Fixierung auf Kinder und die strikte Überwachung ihrer Erziehung gehört zu jedem System absoluter Autorität. Es könnte ein Jesuit gewesen sein, der als Erster sagte: "Gib mir das Kind, bis es zehn ist, und ich werde dir den Mann geben", doch die Idee ist sehr viel älter als die Schule des Ignatius von Loyola. Wie wir vom Schicksal vieler säkularer Ideologien wissen, geht die Manipulation von Kin­dern oft nach hinten los, doch dieses Risiko gehen die Vertre­ter der Religionen offenbar ein, um den durchschnittlichen Jungen oder das durchschnittliche Mädchen mit ausreichend Propaganda zu impfen. Was haben sie auch sonst für eine Chance? Wenn die reli­giöse Unterweisung erst in einem Alter zugelassen wäre, in dem Kinder selbstständig denken können, lebten wir in einer völlig anderen Welt. Gläubige Eltern sind da geteilter Ansicht, weil sie das Mysterium und die Freude des Weihnachtsfestes und anderer kirchlicher Feiertage natürlich gern gemeinsam mit ihrem Nachwuchs erleben möchten - und nebenbei Gott, den Nikolaus und andere Figuren gut gebrauchen können, um ihre unartigen Kinder im Zaum zu halten. Wenn sich ein Kind oder auch ein junger Erwachsener zu einem anderen Glauben, geschweige denn einem anderen Kult verirrt, behaupten Eltern jedoch gern, die Unschuld ihres Kindes sei ausgenutzt worden. In allen monotheistischen Religionen wurde oder wird aus ebendiesem Grunde die Apostasie streng verboten. In ihrem autobio­grafischen Buch Eine katholische Kindheit erzählt Mary McCarthy, was für ein Schock es für sie war, als sie von einem Jesuitenpredi­ger erfuhr, dass ihr protestantischer Großvater - der gleichzeitig ihr Vormund und Freund war - zum ewigen Höllenfeuer verdammt sei, weil er die falsche Taufe erhalten hatte. Das intelligente, aber altkluge Kind gab keine Ruhe, bis die Mutter Oberin bei höheren Stellen in der Sache nachforschte. So entdeckte sie schließlich in den Schriften des Bischofs Athanasius ein Hintertürchen. Athanasius vertrat die Ansicht, dass Ketzer nur verdammt seien, wenn sie die wahre Kirche wider besseres Wissen ablehnten - und ihr Großvater konnte ja über die wahre Kirche so wenig wissen, dass er der Hölle vielleicht doch noch entkam.(2) Aber welche Qualen wurden da ei­nem elfjährigen Mädchen auferlegt! Und wie viele weniger hartnäckige Kinder schluckten solche niederträchtigen Lehren, ohne sie zu hinterfragen. Wer Kinder solcherart anlügt, ist in höchstem Maße bös­artig.

-------------------------------------
(1) James Joyce, Porträt des Autors als junger Mann, übers. von Klaus Reichert, Berlin 1972, S. 149
(2) Mary McCarthy, Eine katholische Kindheit: Erinnerungen, übers. von Maria Dessauer, Darmstadt 1981

Teil 2

Informationen zum Buch und zum Autor hier

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern |

Archiv: Vorgeblättert

Joan Didion: Blaue Stunden

09.02.2012. In "Blaue Stunden" erinnert sich die amerikanische Autorin Joan Didion an ihre Tochter, daran, wie es war, sie aufwachsen zu sehen und Abschied zu nehmen, als sie mit 39 Jahren starb. Es ist eine persönliche Bilanz über Erinnerung und Alter. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen

Maria Sonia Cristoff: Unbehaust

06.02.2012. Würden sich die Tiere an das erinnern, was der Mensch ihnen zumutet, wären wir (die Menschen) vom Aussterben bedroht. Lesen Sie hier einen Auszug aus Maria Sonia Cristoffs Geschichten zur unwahrscheinlichen Beziehung von Mensch und Tier: "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Mehr lesen

Lisa Kränzler: Export A

02.02.2012. Um Love and Tears geht es im Roman von Lisa Kränzler, in dem sie von Lisa erzählt, einer 16-jährigen Austauschschülerin in Kanada, hin- und hergerissen zwischen Gehorsam und Ausbruch. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Erstlingsroman "Export A". Mehr lesen

Hanna Krall: Rosa Straußenfedern

30.01.2012. Briefe, Fragmente, Zettel und Erzählungen erzählen vom Leben der polnischen Autorin Hanna Krall, ihrer Freunde und Zeitgenossen. Der Zweite Weltkrieg, die Volksrepublik Polen, Solidarnosc, vergegenwärtigen sich in ihrer Biografie. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Rosa Straußenfedern". Mehr lesen

Peter Nadas: Parallelgeschichten

26.01.2012. Peter Nadas erzählt die Geschichte der Budapester Familie Demen und ihrer Freunde, deren persönliche Schicksale mit der ungarischen und deutschen Vergangenheit verknüpft sind. Meilensteine in diesem gewaltigen Epos sind die ungarische Revolution 1956, der ungarische Nationalfeiertag am 15. März 1961 und, rückblickend, die Deportation der ungarischen Juden 1944/45 sowie die dreißiger Jahre in Berlin. Lesen Sie hier einen Auszug aus Nadas' Roman "Parallelgeschichten". Mehr lesen

Tom Bullough: Die Mechanik des Himmels

23.01.2012. Konstantin Ziolkowski, der Pionier der russischen Raumfahrt, ist das Vorbild für den kleinen, begabten Kostja in Tom Bulloughs Roman "Die Mechanik des Himmels". Arm und fast taub geht Kostja zum Studium nach Moskau und entwickelt dort am Ende des 19. Jahrhunderts visionäre Ideen von einer modernen Kosmonautik. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman. Mehr lesen

Miklos Banffy: Die Schrift in Flammen

19.01.2012. Von der untergehenden Welt der österreichisch-ungarischen Monarchie zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzählt der ungarische Adelige, Schriftsteller und zeitweise auch Außenminister Ungarns Miklos Banffy in seiner Trilogie "Siebenbürger Geschichte". Lesen Sie hier den Anfang des ersten Bandes "Die Schrift in Flammen".
Mehr lesen

Katie Arnold-Ratliff: Was uns bleibt

16.01.2012. Der Selbstmord einer jungen Frau bringt den Lehrer Francis aus dem Gleichgewicht, er glaubt, dass die Leiche, die seine Schüler am Strand finden, Nora ist, seine erste Liebe. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt, der er sich stellen muss. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Was uns bleibt", dem Erstlingsroman der Amerikanerin Katie Arnold-Ratliff. Mehr lesen

Sonja Margolina: Brandgeruch

24.10.2011. Sowjetunion, DDR, Perestroika, KGB, geheime Dienste jeglicher Couleur, Kirchen, Künstler, Journalisten, der kapitalistische Westen sind Themen in Sonja Margolinas Roman "Brandgeruch" über den Geheimdienstagenten Nikolaj Gribojedow. Lesen Sie hier den Anfang. Mehr lesen

Rodney Bolt: Lorenzo Da Ponte

10.10.2011. Venedig, Wien, London, New York waren die Lebensorte von Lorenzo da Ponte, als Globalisierung noch kein Thema war. Er war Lehrer, Mozarts Librettist, Tabak-, Buch- und Gemüseverkäufer, Jude und katholischer Geistlicher, hatte Frau und Kinder und stand stets vor dem finanziellen Ruin in Zeiten großer Umbrüche. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Biografie von Rodney Bolt. Mehr lesen

Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River

06.10.2011. Vance Weston heißt der junge Held im Roman "Ein altes Haus am Hudson River" der amerikanischen Schriftstellerin Edith Wharton (1862 - 1937). Seine Träume vom Künstlerdasein führen ihn von der behüteten amerikanischen Provinz in das New York der zwanziger Jahre. Lesen Sie hier einen Auszug der deutschen Erstübersetzung. Mehr lesen

Katharina Hacker: Eine Dorfgeschichte

26.09.2011. Der Odenwald ist der Schauplatz von Katharina Hackers Erzählung "Eine Dorfgeschichte" aus der Zeit nach dem Krieg. Geheimnisse und Ängste trotzen der Sommerkindheitsidylle, wenn die Dorfbewohner und die Großeltern ihre Geschichten erzählen. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen

Christopher Hitchens: The Hitch

19.09.2011. In seiner Autobiografie erzählt Christopher Hitchens, wie aus einem britischen Trotzkisten ein amerikanischer Demokrat wurde und aus einem vehementen Vietnamkriegsgegner ein ebenso vehementer Befürworter des Irakkriegs. Auf den Vorwurf, ein Wendehals zu sein, antwortete er mit John Maynard Keynes: "Wenn sich die Fakten ändern, ändert sich auch meine Meinung - und wie steht's bei Ihnen, Sir?" Lesen Sie hier einen Auszug aus "The Hitch". Mehr lesen

Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus

12.09.2011. Nellie Bly war eine Pionierin des investigativen Journalismus und begab sich undercover 1887 in die Frauenpsychiatrie auf Blackwell's Island in New York. Wie sie das bewerkstelligte und was sie dort erlebte, können Sie in ihrem Bericht "Zehn Tage im Irrenhaus" lesen. Hier ein Auszug. Mehr lesen

Andrzej Stasiuk: Hinter der Blechwand

05.09.2011. Wladek und Pawel fahren durch die einsamsten Gegenden Südosteuropas, immer auf der Suche nach einem geglückten Geschäft. Doch auf den Second-Hand-Märkten und Basaren sind nicht die konkurrierenden chinesischen Händler die wahre Gefahr, sondern Menschenhändler. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman "Hinter der Blechwand" des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk. Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Vorgeblättert