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zuletzt aktualisiert 19.03.2010, 12.29 Uhr

Essay

Der Dogmatismus der Aufklärung

Von Ian Buruma

07.02.2007. Ich bewundere die Leistungen der Aufklärung kein bisschen weniger als es Professor Cliteur zu tun scheint, aber ich glaube auch, dass eine ihrer größten Leistungen die Zurückweisung aller Dogmatismen ist. Eine Antwort an Paul Cliteur.

Es ist das Schicksal mancher Bücher und Ausdrücke ("Faschismus", "Orientalismus", "Multikulturalismus", "Rassismus"), dass manch einer mit ihnen auf Leute einprügelt, deren Ansichten ihm nicht gefallen. Wenn Wörter auf diese Weise zu Knüppeln werden, haben sie oft nur noch wenig oder auch gar keinen Bezug mehr zu ihren ursprünglichen Bedeutungen, oder, wenn es sich um Bücher handelt, zu dem, was ihre Autoren tatsächlich geschrieben haben. Wahrscheinlich sollte ich mich geschmeichelt fühlen, dass "Murder in Amsterdam" sich zu einem solchen Buch zu entwickeln scheint.

Professer Cliteur möchte auf Nihilisten, postmoderne kulturelle Relativisten und Multikulturalisten einprügeln, und er benutzt mein Buch als Knüppel. Ich vermute mal, er hat es wirklich gelesen, aber seine Version meines Buches hat mit der meinen wenig zu tun. Nirgends behaupte ich, dass die Ideale der Aufklärung so wenig taugen wie der radikale Islamismus. Meine Beschreibung des Mörders von Theo van Gogh und seiner mörderischen Ideologie sollten doch deutlich machen, was ich von religiösem Extremismus halte. Entweder ist Professor Cliteur unfähig, ein kompliziertes Argument zu verstehen, oder er missversteht mich mit Absicht, um mir das Etikett "postmoderner Relativist" anheften zu können.

Und da ich die höchste Meinung von Professor Cliteurs intellektuellen Fähigkeiten habe, muss ich wohl von letzterem ausgehen. Ein Beispiel für die Art, in der er vorgeht, sollte zur Klarstellung ausreichen. Ich schrieb, dass der radikale Islam auf junge, kulturell heimatlose Muslime in Europa manchmal eine fatale Anziehungskraft ausübt. Da sie sich weder in den Traditionen ihrer Väter noch in den Gesellschaften der europäischen Länder, in denen sie leben, zu Hause fühlen, suchen sie die "Reinheit des modernen Islamismus", der "sich von der kulturellen Tradition abgelöst" hat. Tatsächlich handelt es sich dabei um einen universalistischen Glauben, ebenso wie der Glaube in die fundamentalen Werte der Aufklärung universalistisch ist. Was wir in Europa erleben, ist also "nicht ein frontaler Zusammenstoß zwischen Kultur und Universalismus, sondern zwischen zwei Versionen des Universalismus, der eine radikal säkular, der andere radikal religiös."

Das so zu verstehen, dass ich sie für dasselbe halte, oder dass der eine nicht besser ist als der andere, zeugt entweder von außergewöhnlicher intellektueller Schlampigkeit oder beträchtlichem bösen Willen. Ich bewundere die Leistungen der Aufklärung kein bisschen weniger als es Professor Cliteur zu tun scheint, aber ich glaube auch, dass eine ihrer größten Leistungen die Zurückweisung aller Dogmatismen ist. Es ist möglich, sich Ideen gegenüber dogmatisch zu verhalten, die nicht an sich schlecht sind. Manche Ideologen, in den USA wie in Europa, waren überzeugt, dass der Einmarsch in den Irak mit amerikanischen Truppen der beste Weg sei, eine Demokratie im Mittleren Osten zu errichten. Auf den Fehlschluss in dieser dogmatischen Überzeugung hinzuweisen, ist nicht dasselbe, wie zu behaupten, dass Saddam Husseins Baathismus oder der sunnitische Dschihadismus ein- und dasselbe oder genauso gut wie die liberale Demokratie wären.

Professor Cliteur hängt in so dogmatischer Weise an seiner Idee des Säkularismus und der Aufklärung, dass jeder Versuch, religiösen Glauben, besonders den Islam, zu verstehen, für ihn auf ein Appeasement gegenüber religiösem Extremismus oder auf eine Form nihilistischen Selbsthasses hinausläuft. Mein Einwand richtet sich nicht gegen die Aufklärung als solche, sondern gegen den missionarischen Eifer bei einigen unter denen, die glauben, sie handelten in ihrem Namen. Wenn wir religiösen Extremismus isolieren und besiegen wollen, müssen wir den Mainstream der europäischen Muslime als Verbündete gewinnen. Die reichlich krude Polemik von Professor Cliteur wird dabei kaum hilfreich sein.


Aus dem Englischen von Ekkehard Knörer

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Pascal Bruckner hat mit seiner Polemik gegen Ian Burumas Buch "Murder in Amsterdam" und einen Artikel Timothy Garton Ashs eine internationale Debatte ausgelöst. Alle Artikel zu dieser Debatte finden Sie auf Deutsch hier, auf Englisch hier.

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