Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

Bücherschau der Woche

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Vorgeblättert

Leseprobe zu Götz Aly und Michael Sontheimer: Fromms: Teil 1

19.02.2007.

Julius Fromm, die Lust und die geplante Familie

In der weitläufigen Verwandtschaft lebt nur noch eine Person, die Julius Fromm gut kannte - und nicht mochte. Es ist Ruth Fromm, geboren 1919 in Berlin, Tochter von Julius? älterem Bruder Salomon. Winzig und zart, von Arthrose geplagt, doch munter, wohnt die 87-jährige Dame in Manhattan und spricht ein wunderbar altmodisches Berlinerisch. Sie geht zum Beispiel noch "über den Damm" statt über die Straße. Natürlich fällt sie immer wieder ins Englische, um dann jäh, wenn sie über ihre Ernährung und die Gefahren der bird flu, der Vogelgrippe, spricht, in ein heiteres Kikeriki auszubrechen. Selbst kinderlos geblieben, hält sie eine Familie zusammen - "verstreut über den Planeten".

     Da gibt es den nicht einfachen, hochintelligenten Neffen in Berlin und die Witwe eines Cousins in München, die sehr unter ihrem ordnungssüchtigen Mann zu leiden hatte. Er hieß Alfred und war im Krieg auf dem Land bei einer christlichen Familie versteckt gewesen. Wegen einer solchen Jugend sei er wohl ein wenig - in Wahrheit: erheblich - obsessiv geworden. Ruth, die bis zum 77. Lebensjahr als Kinderpsychologin arbeitete, fügt hinzu: "Als Psychoanalytiker darf man solche Ticks nicht wegtherapieren wollen, sonst besteht die Gefahr, dass dahinter nichts mehr ist, woran sich ein solcher Mensch halten kann."

     Von den lebenden wie den toten Verwandten in Johannesburg, Berlin, Paris, München und London weiß sie vielerlei Geschichten zu erzählen. Gerne kommt sie auf Tante Helene zu sprechen, die lebenslustigste unter den sieben Geschwistern von Julius Fromm, rasch und glücklich verwitwet. Sie betrieb vor dem Krieg in Berlin ein Optikergeschäft: "Nein, eine fromme Helene war sie jedenfalls nicht. Sie wusste die Männer zu nehmen."

     Über einen spricht Ruth nicht, verwahrt auch in ihren Fototüten kein Bild von ihm: Das ist Onkel Julius. Man muss sie regelrecht ausfragen. Kalt sei er gewesen, sagt sie irgendwann; ganz anders als die vielen anderen warmherzigen Onkel und Tanten. Immerfort habe er ans Geschäft gedacht, an Geld, an die Firma. "Sonst ist von ihm nichts zu berichten." Von den Gründen für Ruths dauerhaften Groll wird noch zu reden sein, doch lässt sich über ihren Onkel sehr viel mehr erzählen.


Zur innerfamiliären Sicht fügt sich eine öffentliche, nicht zwingend gegensätzliche Würdigung, die 1933, in den ersten Wo­chen der NS-Herrschaft, zum 50. Geburtstag von Julius Fromm erschien, und zwar im Drogisten-Fachblatt Der Drogenhändler: "Nur durch schärfste, zielbewusste Arbeit hat er es erreicht, dass er jetzt als ein Mann dasteht, dem von allen Seiten für sein großangelegtes und genial durchgeführtes Lebenswerk Anerkennung gezollt wird. Das frühzeitige Ableben seines Vaters verlangte schon von dem jungen Menschen die Fähigkeit, allein den Weg zu suchen und aus eigener Kraft seinem Leben einen Inhalt und eine Idee zu geben." Als Unternehmer habe er es verstanden, die Firma "ständig in seiner Hand zu behalten", und die "wuchtigen neuzeitlichen Bauten" seiner Fabrik ließen "ahnen, welche Weltgeltung diese Stätten deutscher Arbeit genießen": "Großzügige Reklame, der mit meisterhaftem Organisationstalent ausgebaute Dienst am Kunden und vor allem die stets gleichbleibende Qualität verschafften der Marke 'Fromms Act' das volle Vertrauen der Abnehmer und ihre größte Zufriedenheit."(1)

Schon während des Ersten Weltkriegs, erst recht aber in den unruhigen Anfangsjahren der Weimarer Republik brach sich ein freieres Verhältnis zur körperlichen Liebe Bahn. Symptomatisch dafür war eine alle Klassen erfassende Tanzwut. Selbst eine Trauerveranstaltung für den 1919 ermordeten Kommunisten Karl Liebknecht wurde "mit anschließendem Tanztee" angekündigt. Noch außeruniversitäre Institute begründeten die moderne Sexualwissenschaft. Eine "neue Sexwelle" diagnostizierte der Historiker Walter Laqueur, die "bis zu Nacktdarbietungen und saftiger Pornographie" reichte. Berlin begann Paris zu kopieren, kleine Etablissements schossen aus dem Boden, erotische Trivialliteratur erblühte. Sie befasste sich, den Titeln nach zu schließen, mit Nächten im Harem, Frau und Peitsche, Kokottchens Lehrzeit, Knackmadeln, Liebesbriefen zweier Knaben, dem Tagebuch eines Frauenarztes, dem lesbischen Weib ("Konträrsexuelle weibliche Erotik") oder mit den Wechselfällen im Venusgärtchen.

     Der Reichsverband der Büromaschinenhändler organisierte einen Schönheitswettbewerb der Stenotypistinnen, und zu Beginn der Dreißigerjahre eröffnete "Berlins neueste Sehenswürdigkeit", nämlich die Sexualwissenschaftliche Buchhandlung am Wittenbergplatz: "In Riesenrömisch-Antiqua-Lettern in Blau und Silber prangt dem Beschauer das Wort 'Sexual' entgegen. Tagsüber drängt sich das Publikum vor dem Schaufenster." Diese "Sondernote des Geschäfts" führte rasch "zu mehrfachen Besuchen der Kriminalpolizei". Im Dezember 1932 verpasste das zuständige Gericht dem Inhaber eine Gefängnisstrafe von acht Monaten "wegen des Vertriebs unzüchtiger Schriften".(2)


In diese Zeit hinein platzierte Julius Fromm seine "Spezialmarke". Einerseits zielte sie direkt auf die sensible, höchst private Sphäre. Andererseits hatte der Gebrauch der neuartigen, hauchdünnen und nicht als übertrieben störend empfundenen Verhütungsmittel weitreichende Folgen für das gesamte Sozialgefüge. Das Kondom trug dazu bei, die traditionelle Einheit von Sexualität und Fortpflanzung zu beenden. Es erleichterte die Promiskuität, das sexuelle Experiment, ein von den Pflichten des familiären Alltags befreites Lieben.

     Folglich geißelte der Vorsitzende der Fuldaer Bischofskonferenz, Adolf Kardinal Bertram, 1921 das technisch perfektionierte Verhütungsmittel als "Anreiz zur Unzucht". Das Werben für Präservative würde "die moralischen Begriffe unseres Volkes aufs höchste verwirren, zerrütten", zu einer "Herabdrückung der Geburten" und damit zum "Verlust an edelster Volkskraft" führen. Magnus Hirschfeld, der Mitbegründer der modernen Sexualwissenschaft, sah das umgekehrt: "Gibt es doch in Berlin eine führende Firma", schwärmte er, "die Tag für Tag nicht weniger als 144 000 Stück dieser Schutzmittel fabriziert und damit kaum der Nachfrage genügt."

     Angesichts bedrohlicher Geschlechtskrankheiten - insbesondere der Syphilis - malte Hirschfeld aus, wie viel Unglück, "wie viele Krankheits- und Menschenkeime durch diese Fabrikate 'im Keime erstickt' worden" seien. Nur wenige Industrien würden "in das menschliche Geschlechts- und Gesellschaftsleben so tief einschneiden" wie jene Fabrik, deren Produkte unter dem stolzen, aber vieldeutigen Namen "Fromms Act" sprichwörtlich geworden waren. Nach einem Rundgang durch das Fromm?sche Werk urteilte Hirschfeld 1926: "Nach bestem Wissen und Gewissen, aufgrund praktischer Erfahrungen und theoretischer Erwägungen gebe ich mein Urteil dahin ab, dass das unter der Bezeichnung Fromms Act verbreitete Präservativ in vollkommenster Weise alle Vorbedingungen eines zweckentsprechenden Schutz- und Vorbeugungsmittels erfüllt."


Um 1875 setzte in Deutschland ein zunächst bescheidener Geburtenrückgang ein und beschleunigte sich nach der Jahrhundertwende rasch. Allgemein führte man das auf "die Rationalisierung des Sexuallebens" zurück. In einer so betitelten, 1912 gedruckten Studie befand der Nationalökonom Julius Wolf, dass "die fortschreitende Kenntnis der Mittel der Geburtenverhinderung, ihre fortschreitende technische 'Entfaltung', endlich die fortschreitende Zugänglichkeit derselben dem Rückgang der Geburten mächtig Vorschub geleistet hat".

     Zuerst in den Städten, dann auch auf dem Land vollzogen immer mehr Deutsche den Übergang zum "Zweikindersystem", nach dem Ersten Weltkrieg gar zum "Einkindsystem" - zum Schrecken nicht allein der katholischen Würdenträger, sondern auch vieler Demographen und Politiker. Die deutschen Juden führten den Trend an. So liest man im Jüdischen Lexikon von 1927: "Trotz Zunahme der Ehen um 29 Prozent in 50 Jahren" sei die Zahl der "Geburten in diesem Zeitraum um über 43 Prozent gefallen". In Berlin bedürfe es, um die jüdische Bevölkerung auf gleicher Höhe zu halten, "eines unaufhaltsamen Zuströmens jüdischer Menschen von außerhalb".(3)

     Anfang der Dreißigerjahre ergab sich ein Bündnis zwischen den auf "nachwachsende Volkskraft" versessenen Nationalsozialisten und den auf Keuschheit beziehungsweise eheliche Treue bedachten kirchlich gebundenen Fundamentalisten. In der Person von Kurt Gerstein fand die durchaus begrenzte, unterschiedlich motivierte Zusammenarbeit einen besonders schrillen Ausdruck. Er, der als bekennender Christ und gezielt spionierender Obersturmführer der Waffen-SS bereits im August 1942 einen detailgenauen Bericht über die Todeslager Belzec, Sobibor, Treblinka und Majdanek nach Schweden lancierte, verbunden mit der Bitte, sein Wissen über die Mordpraxis an die alliierten Regierungen weiterzuleiten, hatte 1936 ein antisemitisches Gutachten zum Jugendschutz verfasst. Darin merkte er zur Kondomreklame an: "Man bedenke allein den Namen Primeros = 'Erste Liebe', um die ganze Gemeinheit dieser von Juden ausgetüftelten Spekulation und Sauerei zu übersehen. [?] Ferner ist zu fordern ein Verbot des schwunghaften Automatenverkaufs solcher Mittel, der mancher jugendlicher Neugier verhängnisvoll wurde und ebenso von einer jüdischen Firma in Deutschland eingeführt worden ist." Die Kondome der Marke Primeros produzierte die sächsisch-böhmische Firma Emil Schuran.

     Tatsächlich war es Julius Fromm nach lang andauernden Widerständen 1928 gelungen, erste Kondom-Automaten aufzustellen. Er bewarb sie mit dem Hygiene-Slogan: "Männer, schützt eure Gesundheit", weil der sozialdemokratische Justizminister Gustav Radbruch jede Reklame untersagt hatte, die auf Liebeslust und das Verhüten von Schwangerschaften zielte. Der Zentrumsabgeordnete Geheimrat Martin Fassbender warnte im Preußischen Landtag, solche Automaten würden "die Jugend auf Schritt und Tritt" mit "erotischen Reizen" überfluten.

     1936 erinnerte Gerstein in einem Schriftsatz, mit dem er sich gegen seinen Ausschluss aus der NSDAP und die damit verbundene Entlassung aus dem Staatsdienst wehrte, an seine Verdienste an der Sittenfront: "Im übrigen verweise ich auf meine jahrelange Abwehr gegen die jüdisch-bolschewistischen Angriffe gegen die deutsche Volkskraft. [?] Die Akten über meinen jahrelangen Kampf gegen die jüdisch-galizischen Schweinefirmen Fromms Act und Primeros, die Millionen von Gratismustern unter die jüngste Jugend verbreiteten, liegen beim Herrn Innenminister."

     Gerstein und seine Kampfgefährten hatten in den Zeiten der Republik eine kleine Bürgerinitiative gegründet, die sich "Reichsschundkampfstelle der evangelischen Jungmännerbünde Deutschlands" nannte. Sie gab das Blättchen Der Schundkampf heraus und bezweckte, dass "Inserate für pikante Bucherscheinungen, für sexuelle Aufklärungsschriften, über Gummiwaren und andere sanitäre Artikel" und Ähnliches "verboten werden und größere Strenge bei der Überwachung von Anzeigen von Massagesalons und Sprachunterrichtsinstituten waltet". Parallel dazu agierte der "Volkswartbund, katholischer Verband zur Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit".

     Die evangelische Reichsschundkampfstelle trat 1925 mit "Zehn Geboten zur Schundbekämpfung" hervor; das dritte Gebot forderte: "Unterstütze keine jüdische oder Skandalpresse." Am 10. Mai 1933 beteiligten sich die Schundkämpfer nach ihren Spezialkriterien an der Berliner Bücherverbrennung: "Während die Turnphilologen die Bücherei des Magnus-Hirschfeld-Institutes säuberten, bereinigten die evangelischen Schundkämpfer an einem Tage etwa 10 städtische und 70 private Büchereien. Die Ausbeute war groß. Mit zwei Lastkraftwagen mussten die gesammelten 1212 Bücher, unter denen sich Schmutzwerke übelster Art befanden, zu der feierlichen Verbrennung am Opernplatz gebracht werden. Die Säuberungsarbeit ist durch das von der Studentenschaft angezündete Feuer nicht beendet. Wir setzen zielbewusst die Bereinigung fort." Von sich und den neuen politischen Entfaltungsmöglichkeiten begeistert, bilanzierten die frommen Aktivisten: Nach "dem Angriffszeichen von Dr. Goebbels wurden in mehr als 40 deutschen Städten evangelische Schundkämpfer zur Bereinigung öffentlicher und privater Büchereien eingesetzt".(4)

Leseprobe Teil 2

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Archiv: Vorgeblättert

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Maria Sonia Cristoff: Unbehaust

06.02.2012. Würden sich die Tiere an das erinnern, was der Mensch ihnen zumutet, wären wir (die Menschen) vom Aussterben bedroht. Lesen Sie hier einen Auszug aus Maria Sonia Cristoffs Geschichten zur unwahrscheinlichen Beziehung von Mensch und Tier: "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Mehr lesen

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02.02.2012. Um Love and Tears geht es im Roman von Lisa Kränzler, in dem sie von Lisa erzählt, einer 16-jährigen Austauschschülerin in Kanada, hin- und hergerissen zwischen Gehorsam und Ausbruch. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Erstlingsroman "Export A". Mehr lesen

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26.01.2012. Peter Nadas erzählt die Geschichte der Budapester Familie Demen und ihrer Freunde, deren persönliche Schicksale mit der ungarischen und deutschen Vergangenheit verknüpft sind. Meilensteine in diesem gewaltigen Epos sind die ungarische Revolution 1956, der ungarische Nationalfeiertag am 15. März 1961 und, rückblickend, die Deportation der ungarischen Juden 1944/45 sowie die dreißiger Jahre in Berlin. Lesen Sie hier einen Auszug aus Nadas' Roman "Parallelgeschichten". Mehr lesen

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23.01.2012. Konstantin Ziolkowski, der Pionier der russischen Raumfahrt, ist das Vorbild für den kleinen, begabten Kostja in Tom Bulloughs Roman "Die Mechanik des Himmels". Arm und fast taub geht Kostja zum Studium nach Moskau und entwickelt dort am Ende des 19. Jahrhunderts visionäre Ideen von einer modernen Kosmonautik. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman. Mehr lesen

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16.01.2012. Der Selbstmord einer jungen Frau bringt den Lehrer Francis aus dem Gleichgewicht, er glaubt, dass die Leiche, die seine Schüler am Strand finden, Nora ist, seine erste Liebe. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt, der er sich stellen muss. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Was uns bleibt", dem Erstlingsroman der Amerikanerin Katie Arnold-Ratliff. Mehr lesen

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10.10.2011. Venedig, Wien, London, New York waren die Lebensorte von Lorenzo da Ponte, als Globalisierung noch kein Thema war. Er war Lehrer, Mozarts Librettist, Tabak-, Buch- und Gemüseverkäufer, Jude und katholischer Geistlicher, hatte Frau und Kinder und stand stets vor dem finanziellen Ruin in Zeiten großer Umbrüche. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Biografie von Rodney Bolt. Mehr lesen

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