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Vorgeblättert
Leseprobe zum Buch von Elena Tregubova: Die Mutanten des Kreml. Teil 1
07.09.2006.
Wie Putin mich anwarb
"Wollen wir den Tag des Tschekisten nicht zusammen in einem Restaurant feiern?" schlug mir Wolodja Putin unerwartet vor.
Ich saß nach einem Interview bei ihm allein in seinem Büro in der Lubjanka, dem Sitz des KGB, heute FSB, und versuchte ein ungezwungenes Lächeln zu bewahren und krampfhaft zu verstehen, was der leitende Tschekist des Landes vorhatte. (Als "Tschekisten" bezeichnet man, in Anlehnung an die erste sowjetische Geheimpolizei "Tscheka", die Mitarbeiter der russischen Geheimdienste.) Umwarb er mich als Journalistin oder als Frau? "Geben Sie mir Ihre Telefonnummer, ich rufe Sie die Tage an, und wir verabreden Zeit und Ort", bat er.
"Meine Telefonnummer liegt eigentlich in Ihrem Vorzimmer ...", preßte ich vorsichtig heraus.
"Schreiben Sie sie mir hier trotzdem noch mal für alle Fälle auf ..."
Noch länger auszuweichen wäre dumm gewesen, meine Telefonnummer ist ohnehin kein Geheimnis, und außerdem hätte es dem Chef des FSB keine Mühe bereitet, sie herauszufinden.
Der Leiter des Geheimdienstes hatte offenkundig bemerkt, daß mich sein "intimer" Vorschlag nervös machte. Um die Situation wenigstens irgendwie zu entschärfen, verkündete ich fröhlich: "Gut, ich gebe Ihnen meine Privatnummer, aber sorgen Sie bitte dafür, daß mein Telefon nicht mehr abgehört wird! Als Direktor des FSB können Sie das doch unter Ihre persönliche Kontrolle stellen."
"Werden Sie etwa abgehört?!" Das Erstaunen, das sich auf Putins Gesicht abzeichnete, sah dermaßen echt aus, daß ich unwillkürlich losprustete. Doch sofort riß ich mich wieder zusammen und setzte ein ernstes Gesicht auf. "Wissen Sie, Wladimir Wladimirowitsch, ich gehe ja jeden Tag in den Kreml, bin oft mit dem Präsidenten unterwegs. Und da habe ich vor kurzem in einem Artikel gelesen, daß in Rußland grundsätzlich alle Politikjournalisten :von Amts wegen' abgehört würden ... Was glauben Sie, ist das wahr oder nicht?" Die letzte Frage hatte ich natürlich in möglichst naivem Ton ausgesprochen, und nun starrte ich Putin erwartungsvoll an.
"Ach was!!! Wir?! Sie meinen, daß wir euch alle abhören?" Putin war noch aufrichtiger erstaunt.
Die allseitige Naivität und das Staunen zwischen uns steigerten sich beständig. "Aber nicht doch, Wladimir Wladimirowitsch! Wie könnte ich so über Sie denken?" narrte ich ihn erneut. Ich konnte das Lachen fast nicht unterdrücken und sah, daß Putins Augen ebenfalls lachten. Allerdings war seine Maske der Aufrichtigkeit und unschuldiger Begriffsstutzigkeit um einiges professioneller als meine.
"Na also", parierte Putin und verbarg gekonnt ein Grinsen, "das sind nicht wir, das ist jemand anderes!"
"Wer könnte es denn sein, Wladimir Wladimirowitsch?" ließ ich nicht locker. "Sie leiten schließlich die bestunterrichtete Institution im Lande, Sie müssen über Informationen verfügen, wer so etwas tut!"
"Nun, das ist wahrscheinlich irgendein großes Unternehmen. Wissen Sie, die haben so ihre eigenen kleinen Geheimdienste ... Dort arbeiten übrigens auch einige unserer früheren Mitarbeiter ..."
"Was denn, Sie können die nicht kontrollieren?"
"Nein, absolut nicht, die treiben, was sie wollen! Und hören die verehrten Journalisten ab!" Hier mußte Putin lachen.
"Wie schade, daß ich dieses Gespräch nicht als Zeitungsinterview bringen kann!" schoß es mir durch den Kopf. Bevor ich ging, fragte mich Wladimir Wladimirowitsch überaus professionell, woran ich merke, daß mein Telefon abgehört wird. Als ich ihm die Anzeichen aufgezählt hatte, schloß er zufrieden: "Aha. Das werden wir überprüfen!" Daraufhin gingen wir auseinander.
Kaum war ich über die Schwelle des düsteren KGB-Gebäudes in die Freiheit getreten, waren das seltsame Gespräch mit Putin und die Notwendigkeit, wegen des Mittagessens mit ihm eine Entscheidung zu treffen, verflogen. Private Probleme drängten sich auf. Der Mann meiner Freundin Mascha Slonim war kurz zuvor verstorben, der von uns allen geliebte Sergei Schkalikow, ein wunderbarer Schauspieler des Moskauer Künstlertheaters er war gerade erst fünfunddreißig Jahre alt geworden. Mascha teilte mir über den Pager mit, daß sie sich mit mir treffen wolle, und wir verabredeten uns zum Abendessen in einem Gebäude neben der Lubjanka, im mexikanischen Restaurant auf der uliza Puschetschnaja. Die Fajitas blieben allerdings unberührt auf dem Teller liegen. Wir schauten Sergeis Fotos an und trockneten uns gegenseitig die Tränen.
Dann rief die Restaurantkulisse unerwartet eine ungeheuerliche Assoziation hervor. Mich überlief es heiß bei dem Gedanken an das Mittagessen mit Putin. Wie schrecklich! Wie hatte ich Idiotin dem zustimmen können?! Und wie dachte Putin sich das überhaupt: Da sitzt eine schöne junge Frau an einem Tisch im Restaurant und ihr gegenüber der Chef des FSB?! Ein hübsches Pärchen! Ich sah mich um: Ein kleiner Springbrunnen, eine steinerne Grotte, gedämpftes Licht - und ich stellte mir vor, nicht mit der lieben Mascha am Tisch zu sitzen, sondern mit Putin. Was für eine Schande!
Auf dem Heimweg befand ich mich bereits in einem Zustand völliger Trance. Sobald ich allein war, begann ich das Gespräch mit Putin im Detail zu rekonstruieren und versuchte zu verstehen, was er von mir wollte und ob ich mich richtig verhalten hatte. Alles hatte damit begonnen, daß der Chef des FSB sich nach dem Interview, als ich zu "nicht für den Druck" bestimmten Fragen übergegangen war, plötzlich besorgt erkundigte: "Lenotschka, sagen Sie mal, womit kann ich Ihnen bei Ihrer Arbeit behilflich sein?"
"Womit? Mit mehr Informationen natürlich, Wolodenka! " blieb ich unbeirrt. (Ich weiß, daß für das westliche Ohr die Verwendung der Kosenamen "Lenotschka" und "Wolodenka " in einem Gespräch des FSB-Chefs mit einer Journalistin ein wenig seltsam klingt. Doch es war nun einmal so, wie es war.)
"Vielleicht können wir eine Art ständigen Informationsaustausch schaffen?" Aus dem Mund des obersten Tschekisten des Landes klang ein solcher Vorschlag ziemlich zweideutig. Ebendarum bemühte ich mich, das Gespräch von seinen Interessen zu meinen umzulenken.
"Es versteht sich von selbst, Wladimir Wladimirowitsch, daß wir so viele Informationen wie möglich bekommen wollen. Wissen Sie, in unserer Zeitung gibt es eine Rubrik über Verbrechen und deren Aufklärung, und ich denke, die wären glücklich, wenn sie von Ihrer Behörde Informationen zu laufenden Ermittlungen bekommen könnten."
"Und wie können wir mit Ihnen persönlich zusammenarbeiten? " ließ Putin nicht locker.
"Das wissen Sie doch ich bin politische Beobachterin, mich interessiert vor allem, was im Kreml geschieht. Aber was 'in der Folterkammer' vor sich geht, darüber werden Sie mir ja nicht die Wahrheit erzählen, oder?"
Putin lächelte zur Antwort sein typisches, rätselhaftes Gioconda-Lächeln.
"Es wäre einfach fabelhaft", sprach ich weiter, "direkt von Ihnen ab und zu offizielle Kommentare zu den wichtigen politischen Ereignissen im Land zu bekommen. Aber ich weiß ja, daß Sie auf Ihrem Posten bemüht sind, sich so unpolitisch wie möglich zu verhalten. Wobei Sie die politische Situation wahrscheinlich besser kennen als viele andere im Kreml ..."
In dem Moment lächelte die Putinsche Gioconda noch zufriedener.
"Deswegen bleibt von meinen realistischen Wünschen nur einer", resümierte ich. "Sie häufiger zu treffen, damit Sie mir unter vier Augen erläutern, wie Ihrer Meinung nach das Kräfteverhältnis im Land aussieht."
Und an dieser Stelle machte mir der Direktor des FSB das Angebot, das ich nicht ablehnen konnte: zusammen zu Mittag zu essen. Noch dazu am Tag des Tschekisten. Ich war schockiert. In mir entbrannte ein Konflikt zwischen Gefühl und Pflicht, schlimmer als in den Tragödien von Racine. Genauer gesagt, war es eher andersherum als bei Racine: Das Gefühl sagte: "Nein", aber die Pflicht brüllte: "Yes!!!"
Einerseits ist es eine Schmach, zusammen mit einem KGB-Mann zu Mittag zu essen. Und mit ihm auch noch den Tag des Tschekisten zu feiern ist eine Schande fürs ganze Leben. Ich würde mich hinterher schämen, meinen Freunden davon zu erzählen! Andererseits - ein Tete-a-tete mit dem Chef der allergeheimsten Behörde des Landes in inoffiziellem Rahmen und die Möglichkeit, ihm offene Fragen zu stellen - das ist der unerfüllte Traum jedes Journalisten! Nach einer Sekunde Zögern gewann die professionelle Neugier in mir die Oberhand: "Eine hervorragende Idee! Nur habe ich eine Bitte, Wolodja: Lassen Sie es uns nicht auf Ihren beruflichen Feiertag legen. Wir essen einfach zusammen zu Mittag und plaudern, gut?"
Als ich das alles in meinem Gedächtnis abspulte, war ich durchaus mit mir zufrieden. Mir schien, daß ich alle Akzente klar gesetzt hatte und keine Mißverständnisse zwischen uns auftauchen konnten. Trotzdem nagte weiterhin eine unangenehme Vorahnung an mir. Außerdem hatte ich das erste Mal im Leben ungefähr einen Tag lang eine unerklärliche Angst zu telefonieren. Um von dieser blöden Phobie loszukommen, erzählte ich die ganze Geschichte Julija Beresowskaja absichtlich am Telefon. (Meine Journalistenkollegin und enge Freundin ist mit dem größten Feind Putins, dem in Ungnade gefallenen, emigrierten Oligarchen Boris Beresowski, keineswegs verwandt, sondern trägt einfach nur denselben Namen. Solche Zufälle gibt es ...)
"Was soll das, du dummes Ding? Warum erzählst du mir das am Telefon, du wirst doch sicher abgehört!" fing sie an zu schreien.
"Und vor wem soll ich mich jetzt noch verstecken? Der Direktor des FSB weiß es höchstpersönlich!" lachte ich.
"Hast du überhaupt eine Vorstellung davon, was du da angerichtet hast?" lamentierte die Beresowskaja im Ton einer jüdischen Mama. "Der Direktor des FSB hat dich um ein Rendezvous gebeten, und du hast ja gesagt! Gefällt er dir wenigstens?"
Einige Tage später, als der Tag des Tschekisten bereits ereignislos verstrichen und der offizielle Teil meines Interviews mit Putin bei der Iswestija gedruckt worden war, dachte ich erleichtert, daß es nun kein Mittagessen mehr geben würde.
Doch am nächsten Morgen klingelte in meinem Büro bei der Iswestija das Telefon: "Elena Viktorovna? Wladimir Wladimirowitsch Putin würde gern mit Ihnen zu Mittag essen. Er schlägt vor, morgen um zwei Uhr im japanischen Restaurant Izumi auf der uliza Spiridonowka. Passen Ihnen Zeit und Ort? Wunderbar, danke! Wladimir Wladimirowitsch wird Sie dort erwarten!"
Es war Igor Setschin, der jetzige Büroleiter des Präsidenten, der damals Putins Pressesprecher war. Nun, als dieses Abenteuer reale Formen annahm, war ich kein bißchen mehr erschrocken. Der einzige Mensch, mit dem ich mich ernsthaft (und nicht per Telefon) beratschlagte, war mein Vater. Er stärkte nicht gerade meine Zuversicht.
"Weißt du, Lawrenti Pawlowitsch Berija (ein Kremlkiller der dreißiger Jahre, engster Kampfgefährte Stalins und Chef der Vorgängerorganisation des KGB, der als Vergewaltiger und Raubmörder bekannt war, dem serienmäßig schöne Moskauer Frauen zum Opfer fielen - E.T.) hat die jungen Frauen auch so zum Mittagessen eingeladen. Und dann hat sie niemand je wieder gesehen ..."
In dieser Stimmung also ging ich im Dezember 1998 zum Rendezvous mit einem Menschen, der nur ein Jahr später Präsident Rußlands werden sollte. Damals hätte das natürlich niemand geglaubt. Genausowenig wie die Tatsache, daß mein Mittagessen mit Wladimir Wladimirowitsch Putin der indirekte Grund für meine Vertreibung aus dem "Kremlpool " sein würde, der Gruppe im Kreml akkreditierter Journalisten. Und noch weniger, daß dieser Mann, einige Monate nachdem er die höchste Macht im Land errungen hatte, den unabhängigen politischen Journalismus vernichten würde. Aber ich werde jetzt alles der Reihe nach erzählen und beginne damit, wie mein journalistischer "Durchbruch" der Kremlmauer vonstatten ging. Und wie es mir überhaupt einfallen konnte, mich mit alldem zu befassen.
Teil 2
Informationen zum Buch und zur Autorin hier
Archiv: Vorgeblättert
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