Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 21.05.2012, 10.57 Uhr

Bücherschau der Woche

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Literaturbeilagen

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Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Imre Kertesz: Dossier K. Teil 2

18.09.2006.

Du willst doch nicht sagen, daß du Auschwitz erfunden hast?

Und doch ist es in einem gewissen Sinn genau so. Ich mußte im Roman Auschwitz für mich neu erfinden und zum Leben bringen. Dabei konnte ich mich nicht an den äußeren, den sogenannten historischen Tatsachen außerhalb des Romans festhalten. Alles mußte auf hermetische Weise, durch die Zauberkraft von Sprache und Komposition in Erscheinung treten. Betrachte das Buch doch einmal unter diesem Gesichtspunkt: Schon von den ersten Sätzen an kannst du spüren, daß du in eine sonderbare, souveräne Welt eintrittst, in der alles mögliche passieren kann. Und während die Geschichte fortschreitet, verstärkt sich dieses Verlorenheitsgefühl beim Leser immer mehr, spürt er mehr und mehr, wie ihm der Boden unter den Füßen wegrutscht ?

Ja, György Spiro hat das in seinem bemerkenswerten Artikel "Non habent fata" hervorragend beschrieben. Es war übrigens die erste wirklich ernsthafte Analyse, die zum Roman eines Schicksallosen erschienen ist. Aber wir sind völlig vom Thema abgekommen: Wir waren bei dem besagten Kasernenhof und daß die Gendarmen ?

Sie erklärten uns, gesehen zu haben, wie wir der englischen Luftflotte vom Pferdestall aus mit Kerzen Zeichen gegeben hätten ?

Du scherzt ?

Nein, keineswegs, das haben sie tatsächlich behauptet. Zunächst hielt auch ich es für einen Scherz. Aber dann begriff ich, daß es alles andere als das war. Sie versprachen, uns alle zusammen "niederzumetzeln", wenn in der Umgebung auch nur eine einzige Bombe fiele, und man sah ihnen an, sie konnten es kaum erwarten, daß es endlich geschähe. Sie waren in Mordlaune, die meisten von ihnen sturzbetrunken, wie Hyänen, die Blut riechen. Eigentlich eine glänzende Szene, und dennoch war sie nicht in den Roman eines Schicksallosen zu integrieren. Es hat mir fast das Herz gebrochen. Siehst du, so ist es mit der Fiktion. Ihre Gesetze sind gnadenlos. Später habe ich die Szene aber in den Fiasko-Roman hinübergerettet.

Das klingt beinahe schon ? nun, beinahe ein bißchen ?

Zynisch?

Ich mochte es nicht sagen ?

Aber damit verletzt du mich nicht. Ich betrachte mein Leben als Rohstoff für meine Romane - so denke ich einfach, und das macht mich frei von allen Hemmungen.

Dann frage ich also, was hast du in jener Nacht empfunden, als du noch nicht über diese distanzierende - ich möchte doch lieber Ironie sagen statt Zynismus: als du also noch nicht über diese Ironie verfügt hast, denn immerhin standest du damals dem Tod Auge in Auge gegenüber? Hattest du Angst?

Wahrscheinlich auch Angst. Daran erinnere ich mich heute nicht mehr. Viel wichtiger war aber ein ganz anderes Gefühl, eine Art Erkenntnis, die zu formulieren mir erst viele, viele Jahre später, in Fiasko, gelang: "Ich hatte das einfache Geheimnis der mir zugedachten Welt begriffen: überall und jederzeit erschießbar zu sein."

Sicher eine ziemlich niederschmetternde Erkenntnis ?

Ja, und auch wiederum nicht. Weißt du, es ist nicht so einfach, einem vierzehnjährigen Kind, vor allem wenn es von Kameraden, von Kindern gleichen Alters, umgeben ist, mit denen es sein Schicksal teilen kann, die Lebenslust zu nehmen. In ihm ist eine ? eine unverdorbene Naivität, die es vor dem Gefühl totaler Hoffnungslosigkeit, totalen Ausgeliefertseins schützt. Einen Erwachsenen kann man in dieser Beziehung viel rascher zerbrechen.

Gründet sich diese Beobachtung auf deine eigene Erfahrung, oder hast du das eher gehört oder gelesen?

Sowohl selbst erfahren als auch bei anderen gelesen. Schau, seien wir ehrlich: Unter den unzähligen Büchern mit gleichem Sujet finden sich doch nur ganz wenige, die wirklich imstande sind, das unvergleichliche Erlebnis der Nazi-Todeslager authentisch zu beschreiben. Aber auch unter diesen Ausnahmeautoren sagen vielleicht die Essays von Jean Amery am meisten darüber. Es gibt ein phantastisch genaues Wort, das er dabei verwendet: Weltvertrauen. Nun, er beschreibt, wie schwer es ist, ohne dieses Vertrauen zu leben. Wer es einmal verloren hat, ist zu ewiger Einsamkeit unter den Menschen verurteilt. Ein solcher Mensch kann in dem anderen nie mehr den Mitmenschen, sondern immer nur den Gegenmenschen sehen. Amery wurde dieses Vertrauen von der Gestapo ausgeprügelt, als sie ihn in Belgien in einer zum Gefängnis umfunktionierten Festung folterte. Er hat Auschwitz vergebens überlebt, Jahrzehnte später vollstreckte er das Urteil an sich selbst und beging Selbstmord.

Bezeichnend, daß diese wunderbaren - auf grauenhafte Weise wunderbaren - Essays erst vor ein, zwei Jahren auf ungarisch erschienen sind, soviel ich weiß, in einer beschränkten Auflage des kleinen Verlags "Mult es Jövo˝". Und auch das war nur eine bescheidene Auswahl aus seinen Werken. Aber kommen wir auf dein Weltvertrauen zurück.

Nun, ich glaube, daß ich dieses Vertrauen selbst noch im Zustand äußersten Verfalls ? vielleicht nicht gerade ausgestrahlt habe, aber daß es mir doch immerhin anzusehen war. Ich hatte einfach die Vorstellung, daß es die Pflicht der Erwachsenenwelt war, mich von dort zu retten und wohlbehalten nach Hause gelangen zu lassen. Das mag heute ein wenig lächerlich klingen, aber so habe ich es damals wirklich empfunden. Und ich bin felsenfest überzeugt, daß ich diesem kindlichen Weltvertrauen meine Rettung verdanke.

Während unzählige andere Kinder ?

? umgekommen sind. Ja. Es ist nicht leicht, Ausnahme zu sein.

Ist von den 17, mit denen du aus dem Bus geholt und nach Auschwitz gebracht worden bist, außer dir noch jemand am Leben geblieben?

Nein. Alle übrigen sind umgekommen.

Hast du darüber Gewißheit?

Meine Mutter hat nach dem Krieg eine Anzeige aufgegeben, und niemand hat sich darauf gemeldet. So wie sie übrigens auch im Sommer 1944, nachdem ich verschwunden war, eine Annonce in die Zeitung gesetzt hatte, daß die Eltern der Kinder, die an der Zollgrenze von Csepel verschwunden waren, sich melden möchten.

Eine solche Anzeige konnte im von den Deutschen besetzten Ungarn erscheinen?

Anscheinend ja, denn sie ist ja erschienen. Aber meine Mutter hat noch bizarrere Dinge unternommen. Sie hat sich aufgemacht und ist ins Kriegsministerium gegangen - ich glaube, so hieß es damals -, so, wie sie war, den gelben Stern auf der Brust.

Sie muß eine sehr mutige Frau gewesen sein.

Mutig war sie auch, vor allem aber hatte sie keine Ahnung von dem, was um sie herum geschah. Ihr "Weltvertrauen" blieb bis zum Schluß unerschüttert. Meine Mutter war eine schöne, elegante Frau, für sie gab es keine Hindernisse. Wenn sie mit ihrem gelben Stern - der Vorschrift entsprechend - "den hinteren Perron der Straßenbahn" bestieg, sprangen die Männer im Wageninneren auf, um ihr einen Platz anzubieten. Es war ihr Stolz, daß sie der damals berühmten Schauspielerin Anna To˝kes ähnlich sah - es kam vor, daß man sie auf der Straße um Autogramme bat. Sie war einfach nicht bereit, sich die Tatsachen bewußtzumachen und die Gefahr abzuwägen. Wie sie in das Büro eines hochrangigen Offiziers - eines Hauptmanns oder Majors - gelangt ist, will ich gar nicht mehr wissen. Aber gnädige Frau, sagte der Major zu ihr, haben Sie doch wenigstens die Güte, den gelben Stern abzunehmen ? Kurz, meine Mutter verlangte, man solle ihr ihren Sohn zurückgeben oder ihr sagen, wo er sei und was mit ihm passiere. Und der Major kam dem auf der Stelle nach. Meine Mutter bekam die Auskunft, daß ihr Sohn mit seinen Kameraden nach Siebenbürgen transportiert worden sei und dort zu "Holzfällerarbeiten" in einem Forstbetrieb herangezogen werde, und obwohl sie das auch nicht gerade beruhigte, hat meine Mutter das geglaubt, zumindest vorübergehend, weil sie es glauben wollte. Die Menschen versuchten damals verzweifelt, sich ihre Träume von einer rationalen Ordnung der Welt zu erhalten.


Mit freundlicher Genehmigung des Rowohlt Verlages

Informationen zum Buch und Autor hier

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