Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 11.02.2012, 21.01 Uhr

Bücherschau der Woche

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Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Imre Kertesz: Dossier K. Teil 1

18.09.2006.

Vorbemerkung

Vielleicht ein Dutzend Tonbänder hat das Gespräch gefüllt, das mein Freund und Lektor Zoltan Hafner in den Jahren 2003/2004 für ein sogenanntes "General"-Interview mit mir aufgenommen hat. Das Dossier mit dem abgeschriebenen und redigierten Textmaterial erreichte mich in Gstaad, in einem Hotel dieser Schweizer Kleinstadt. Als ich die ersten Sätze gelesen hatte, legte ich den Manuskriptpacken beiseite und öffnete, sozusagen mit einer unwillkürlichen Bewegung, den Deckel meines Computers ? So ist dieses Buch entstanden, das einzige meiner Bücher, das ich eher auf äußere Veranlassung als aus innerem Antrieb geschrieben habe: eine regelrechte Autobiographie. Folgt man jedoch dem Vorschlag Nietzsches, der den Roman von den Platonischen Dialogen herleitet, dann hat der Leser eigentlich einen Roman in der Hand.
I. K.


In Fiasko schreibst du: "Im Alter von vierzehneinhalb Jahren stand ich etwa eine halbe Stunde lang Auge in Auge dem Lauf eines feuerbereiten Leichtmaschinengewehrs gegenüber, das auf mich gerichtet war." Das ist, glaube ich, im Hof der Gendarmeriekaserne passiert. Warum kommt diese Episode im Roman eines Schicksallosen nicht vor?

Vom Standpunkt des Romans aus gesehen war sie ein anekdotisches Moment, deshalb mußte sie draußen bleiben.

Doch vom Standpunkt deines Lebens aus gesehen hätte es ein entscheidendes Moment sein können ?

Soll ich jetzt etwa über all das reden, worüber ich nie reden wollte?

Warum hast du dann darüber geschrieben?

Vielleicht gerade, um nicht darüber reden zu müssen.

So schwer fällt es dir?

Weißt du, das ist wie bei den Interviews mit den alten Überlebenden in der Spielberg-Serie. Ich hasse solche Sätze wie: Man hat uns in den Pferdestall getrieben ? Wir wurden in einen Hof gedrängt ? Man hat uns in die Ziegelei von Budakalasz gebracht usw.

Warum? Ist es nicht so passiert?

Im Roman ja. Aber der Roman ist Fiktion ?

Die bei dir, wie ich weiß, auf der Wirklichkeit basiert. Wie kamst du auf jenen engen Hof in der Gendarmeriekaserne?

Letztlich genau so, wie ich es im Roman eines Schicksallosen beschrieben habe. Mitten in der Nacht - im Sitzen war ich fest eingeschlafen, gegen die Knie meines Hintermannes gelehnt, mein Vordermann an die meinen - erwachte ich von Gebrüll und Sirenenheulen. Eine Minute später stand ich da draußen auf dem Hof, unter einem mondhellen Himmel, über den in dicht aufeinanderfolgenden Staffeln Bombenflugzeuge zo­gen. Auf der niedrigen Mauer hockten betrunkene Gendarmen hinter Maschinengewehren, die auf die im Kasernenhof eingezwängte Menge, auf uns, gerichtet waren. Es ist überflüssig, das alles zu erzählen, in Fiasko kannst du eine viel bessere Beschreibung davon lesen.

Ja, aber dort erscheint es so, als verstünde der Junge von alledem überhaupt nichts, er weiß nicht einmal, als wer oder was er dort hingekommen ist.

Im Grunde genommen war es auch so.

Und hast du dich nie für den, wenn ich so sagen darf, historischen Hintergrund dieser Szene interessiert?

Und ob ich mich dafür interessiert habe. Nur, verstehst du, die Verhältnisse waren ja nicht so einfach ?

Also doch keine Fiktion, sondern Wirklichkeit ?

Ich würde zwischen beiden keinen so scharfen Unterschied machen. Aber lassen wir das jetzt. Das Problem war, daß es im Kadar-Regime außerordentlich schwierig war, an Dokumente heranzukommen. Vor allem in den sechziger Jahren, als ich den Roman eines Schicksallosen schrieb. Als sei man geradezu zu Solidarität mit der Nazivergangenheit verpflichtet, wurden sämtliche Dokumente verborgen: Man mußte sich das meist lückenhafte Material aus den Tiefen der Bibliotheken herausfischen, die Verlage breiteten einen totalen Schleier über diese Vergangenheit. Schließlich konnte ich aber trotzdem ermitteln, daß im Hintergrund meiner Verhaftung der für Ende Juni 1944 geplante Gendarmerieputsch stand. Dieser Putsch verfolgte - im wesentlichen - das Ziel, auch in Budapest mit der Deportation der jüdischen Bevölkerung nach Deutschland beginnen zu können. Denn wie wir wissen, hatte Horthy, in Voraussicht des Kriegsausgangs und angesichts jener Deklaration der Alliierten, der zufolge nach dem Krieg alle, die an der Ausrottung der europäischen Juden mitgewirkt hatten, zur Verantwortung gezogen würden, die Deportationen in Budapest, seinem engeren Wirkungskreis, verboten. Das wollte die Gendarmerie ändern. Als ersten Schritt umstellten sie eines Morgens Budapest und brachten die Verwaltungsgrenzen der Stadt unter ihre Kontrolle. Bekanntlich erstreckte sich die Zuständigkeit der Gendarmerie ja nicht auf Budapest: Sie galt nur auf dem Land, in Budapest aber war die sogenannte "blaue Polizei" die zuständige Behörde. Nun ja, und irgendwie war es der Gendarmerie gelungen, sich auch die Polizei dienstbar zu machen: An jenem Tag verhaftete die Polizei alle Menschen, die den gelben Stern trugen, sobald sie die Grenzen Budapests übertraten - egal, ob sie dazu eine Sondergenehmigung besaßen oder nicht. Auf diese Weise wurde auch ich festgenommen, zusammen mit meinen 17 Kameraden - allesamt vierzehn-, fünfzehnjährige Kinder -, die mit mir in der Shell-Raffinerie von Csepel, außerhalb der Stadtgrenze arbeiteten.

Soviel ich weiß, ist dieser Gendarmerieputsch schließlich erfolglos geblieben.

Ja. Generalleutnant Gabor Faragho, dem neben "Seiner Durchlaucht, dem Herrn Reichsverweser" die Aufsicht über die Gendarmerie oblag, hatte rechtzeitig von dem geplanten Putsch erfahren und seinerseits Einheiten der Armee zusammengezogen; das überzeugte die Gendarmerie ausreichend, und sie nahm Abstand von ihren Plänen.

Aber dich hatte man bereits festgenommen ? Ist das auch so passiert, wie du es im Roman beschreibst?

Genau so.

Aber dann beschreibst du ja doch die Wirklichkeit. Warum beharrst du so sehr auf dem Begriff Fik­tion?

Schau, das ist eine grundsätzliche Frage. Als ich mich Jahrzehnte später entschloß, den Roman zu schreiben, mußte ich quasi für den Hausgebrauch klar definieren, was den Unterschied ausmacht zwischen dem Genre des Romans und dem der Autobiographie, also "Erinnerungen". Allein schon, um nicht noch ein weiteres Buch hinzuzufügen zu der damals, in den sechziger Jahren, schon auf Bibliotheksdimension angeschwollenen ? wie soll ich sie bezeichnen ?

Holocaust-Literatur. Wolltest du sie nicht so nennen?

Doch, ja, heute nennt man sie so. Damals, in den sechziger Jahren, war das Wort Holocaust noch unbekannt. Es kam erst später in Gebrauch - nebenbei bemerkt, unkorrekterweise. Ja, jetzt fällt mir wieder ein, wie man damals sagte: Lager-Literatur.

Und ist diese Definition genauer?

Das wollen wir jetzt erst gar nicht anfangen zu analysieren.

Einverstanden, vielleicht kommen wir später darauf zurück. Im Augenblick wäre ich auch sehr viel mehr am Unterschied zwischen Fiktion und Autobiographie interessiert, schließlich wird der Roman eines Schicksallosen sowohl von den Kritikern als von den Lesern allgemein als "autobiographischer Roman" bezeichnet.

Fälschlicherweise, denn eine solche Gattung gibt es gar nicht. Entweder ist es Autobiographie oder ein Roman. Geht es um Autobiographie, dann beschwörst du die Vergangenheit herauf, bemühst dich, dich so gewissenhaft wie möglich an deine Erinnerungen zu halten, und es ist von größter Bedeutung, daß du alles so beschreibst, wie es in Wirklichkeit geschehen ist, das heißt den Tatsachen nichts hinzufügst. Eine gute Autobiographie ist wie ein Dokument: ein Epochenbild, auf das man "sich stützen" kann. Im Roman dagegen sind nicht die Tatsachen das Entscheidende, sondern allein das, was man den Tatsachen hinzufügt.

Aber ich weiß doch - und du selbst hast das in deinen Äußerungen mehrfach bestätigt -, daß dein Roman in vollem Umfang authentisch ist und sich jedes Element der Geschichte auf Dokumente stützt.

Das widerspricht nicht dem Begriff Fiktion. Überhaupt nicht. In Fiasko beschreibe ich, was ich alles unternommen habe, um die Vergangenheit wieder heraufzubeschwören, die Lageratmosphäre in mir zu neuem Leben zu erwecken.

Du hast immer wieder an deinem Uhrarmband gerochen ?

Ja, weil der Geruch des frisch gegerbten Leders mich irgendwie an den Geruch erinnerte, der sich zwischen den Baracken von Auschwitz ausbreitete. Solche Wirklichkeitssplitter sind natürlich auch im Fall der Fiktion außerordentlich wichtig. Der wesentliche Unterschied besteht trotzdem darin, daß die Fiktion eine Welt erschafft, während man sich in der Autobiographie an etwas, das gewesen ist, erinnert.

Ich meine, daß auch das Erinnern ein Stück Welt erschafft.

Jedoch ohne dieses Stück Welt zu überschreiten. Das aber geschieht bei der Fiktion. Die Welt der Fiktion ist eine souveräne Welt, die im Kopf des Autors geboren wird und den Gesetzen der Kunst, der Literatur gehorcht. Und das ist ein großer Unterschied, der sich in der Form, der Sprache und der Handlung des Werkes widerspiegelt. Bei der Fiktion sind alle Details vom Autor erfunden, jedes Moment ?

Teil 2

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