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Aus dem Archiv
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Das Haus lag am westlichen Stadtrand von Frankfurt, in der Nähe eines Flusses, der Nidda. Der alte Mann hatte nicht damit gerechnet, daß er es erben würde, er hatte einen Schreck bekommen, als er davon erfuhr. Im ersten Moment hatte er sich an den früheren Besitzer nicht mehr erinnern können.
Es hatte eine Nachkriegsfassade, schmutzig und ausdruckslos. Wahrscheinlich war es Ende der fünfziger Jahre das letzte Mal gestrichen worden. Der Putz an der Vorderfront bestand aus rauhen, wurmförmigen Kerben, in denen sich der Dreck der Jahrzehnte eingelagert und schwarze Rillen gebildet hatte. Es war ein Eckhaus mit einer Gaststätte und einem Metzgerladen im Erdgeschoß, und die Straße Alt-Rödelheim, in der es stand, war eng und gewunden. Tagsüber fuhr in zehnminütigen Abständen eine sehr laute Straßenbahn mit der Aufschrift "23 Röderbergweg" vorbei. Er mochte das Geräusch, es war ihm schon nach kurzer Zeit vertraut, in den Nächten kam ihm die Stille wie etwas Künstliches vor.
Er hatte sich an seine neue Umgebung nicht richtig gewöhnt, wie viele Leute in seinem Alter, die noch mal umzogen, ein Teil von ihm lebte noch in Berlin. Wenn er müde war oder wenn er ein paar Gläser zuviel getrunken hatte, kam es manchmal vor, daß er sein Bett nicht auf Anhieb finden konnte, oder er ertappte sich dabei, die Türen auf der falschen Seite zu suchen.
Bei seinem Umzug hatte er nicht mehr viel mitnehmen wollen. Seine Schrankwand hatte er zurückgelassen und seine Bücher an einen Nachbarn verschenkt, der am Wochenende auf einer Grundstücksbrache in der Nähe der Kreuzberger Möckernbrücke Trödel verkaufte. Der Händler hatte ihm die langen Holzkästen gezeigt, in denen der Nachlaß Verstorbener verhökert wurde, ihre Briefe und Familienbilder und persönlichen Dokumente, und daraufhin hatte er die Fotos, die noch in seinem Besitz gewesen waren, verbrannt.
In seinem neuen Wohnzimmer gab es nur noch zwei Sessel und einen Tisch und einen alten Vitrinenschrank. Der Tisch war meistens leer bis auf eine farblose Decke und eine Dose aus Tropenholz, die für Besucher gedacht war und steinalte Zigaretten enthielt.
Als er am Abend des sechsten September aufwachte, war es bereits dunkel. Er war am Fenster eingedöst und mit dem Ohr gegen die Scheibe gestoßen. Er schrak hoch und rieb sich die ausgekühlte Seite seines Gesichts. Draußen war Nacht, aber er hatte die Dunkelheit nicht kommen sehen, auch nicht den Regen. Der Regen hatte überhaupt kein Geräusch.
Einen Moment lang war ihm nicht klar, wo er sich befand. Er hatte einen schlechten Traum gehabt. Die Scheibe vor ihm war beschlagen, und dahinter sah alles verschwommen aus und war ohne Tiefe. Er wischte mit dem Hemdsärmel über das Glas. Unter ihm lag eine dicke Asphaltkurve, die sich lautlos verfärbte, sie wand sich wie der Rücken eines Tieres um die Häuser und mündete nach ein paar Metern in eine Hofeinfahrt. Er sah parkende Autos und etwas weiter entfernt das Licht einer Straßenlaterne, das auf den schon feuchten Teilen des Pflasters trübe und grobkörnig glitzerte. Die Fassade des Gebäudes gegenüber war nur wenige Schritte entfernt, sie neigte sich nach vorn, eine Wand aus Schieferplatten, wie riesige Reptilschuppen aneinandergeschichtet.
Worum es in dem Traum gegangen war, hatte er wieder vergessen, nur daß es kalt gewesen war, wußte er noch. Es hatte nach Schnee gerochen, und er hatte Birkenstämme gesehen, die sah er in letzter Zeit oft; dicht beieinander stehende Birken, mit Spuren von Streifschüssen.
Ein paar Minuten lang achtete er nur auf seinen Atem. Es war eine mondlose Nacht, schon kühl. Die Kinder vom Wirt heulten. Sie hatten noch Licht an. Lärm drang sehr laut zu ihm herauf, der Hof, zu dem er jetzt immer öfter, bei Tag und Nacht, hinaussah, war wie ein Schacht, in dem die Geräusche sich sammelten, auch ein Flüstern.
Er zog sein Fernglas hinter der Heizung hervor und richtete es auf die gegenüberliegende Hauswand.
Er hatte noch nie etwas Größeres besessen, nicht mal ein eigenes Auto. Natürlich bekam er jetzt wesentlich mehr Geld als früher, aber diese Einnahmen bedeuteten ihm nicht viel. Er hatte nächtelang über den Papieren gesessen, die man ihm übergeben hatte, besonders die Versicherungen, die für das Haus abgeschlossen waren, hatten ihn beschäftigt, er hatte sich sämtliche Bestimmungen durchgelesen, die mit ihnen verbunden waren, sich aber eingestehen müssen, daß er sie nicht alle begriff. Er wußte nicht, gegen welche Katastrophen das Haus wirklich geschützt war, er war jetzt immer wachsam.
Über den Parkplätzen lag die Wohnung eines Ehepaares, das Dörr hieß, sie waren die ältesten Mieter im Haus. Ihre Wohnung war auch im Sommer überheizt, in der Küche tropfte Kondenswasser von den Scheiben. Die Frau saß am Tisch und strickte, er sah einen Teil ihrer Beine und Knie und eine mit Wollbällen gefüllte Plastikschüssel. Der Sohn der Dörrs stand daneben am Herd, ein pickliger Junge mit Schnauzbart. Er rührte in einem Topf und warf, ohne hinzusehen, eine leere Konservendose in den Abfalleimer.
Das Kinderzimmer befand sich ein Stockwerk höher, es war meistens unaufgeräumt, ihm kam es verwahrlost vor. Die Schranktüren standen offen, eine schwankende Lampe warf trübes, von Bastfäden durchbrochenes Licht durchs Zimmer.
Es waren Mädchen, er verstand nicht, warum sie keine Nachthemden trugen. Sie saßen auf dem oberen Bett, ein Knäuel aus mageren Armen und Beinen in Schlafanzügen aus Frottee. Auf den ersten Blick konnte er nicht erkennen, ob die beiden kämpften oder beieinander Schutz suchten, dann sah er jedoch, daß sie stritten. Ihre Haare waren zerzaust, die Ältere drückte ihre Schultern an den Bauch der Jüngeren, die ihr die Hände von hinten um den Hals krallte.
Als die Kinder sahen, daß jemand kam, trennten sie sich und schrien laut durcheinander. Eine Männerhand kam ins Bild, eine Faust, in die zwei Zahnbürsten eingeschlossen waren. Oben ragten die Bürstenköpfe heraus. Der Wirt war ein kräftiger, schwarzhaariger Mann, ungefähr Mitte Fünfzig, unter seinen Augen hingen auffallend dicke Tränensäcke. Er deutete auf herumliegende Gegenstände im Zimmer und schrie etwas und dann trat er ans Bett der Kinder und öffnete seine Gürtelschnalle.
Teil 2
Archiv: Vorgeblättert
Joan Didion: Blaue Stunden
09.02.2012. In "Blaue Stunden" erinnert sich die amerikanische Autorin Joan Didion an ihre Tochter, daran, wie es war, sie aufwachsen zu sehen und Abschied zu nehmen, als sie mit 39 Jahren starb. Es ist eine persönliche Bilanz über Erinnerung und Alter. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen
Maria Sonia Cristoff: Unbehaust
06.02.2012. Würden sich die Tiere an das erinnern, was der Mensch ihnen zumutet, wären wir (die Menschen) vom Aussterben bedroht. Lesen Sie hier einen Auszug aus Maria Sonia Cristoffs Geschichten zur unwahrscheinlichen Beziehung von Mensch und Tier: "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Mehr lesen
Lisa Kränzler: Export A
02.02.2012. Um Love and Tears geht es im Roman von Lisa Kränzler, in dem sie von Lisa erzählt, einer 16-jährigen Austauschschülerin in Kanada, hin- und hergerissen zwischen Gehorsam und Ausbruch. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Erstlingsroman "Export A". Mehr lesen
Hanna Krall: Rosa Straußenfedern
30.01.2012. Briefe, Fragmente, Zettel und Erzählungen erzählen vom Leben der polnischen Autorin Hanna Krall, ihrer Freunde und Zeitgenossen. Der Zweite Weltkrieg, die Volksrepublik Polen, Solidarnosc, vergegenwärtigen sich in ihrer Biografie. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Rosa Straußenfedern". Mehr lesen
Peter Nadas: Parallelgeschichten
26.01.2012. Peter Nadas erzählt die Geschichte der Budapester Familie Demen und ihrer Freunde, deren persönliche Schicksale mit der ungarischen und deutschen Vergangenheit verknüpft sind. Meilensteine in diesem gewaltigen Epos sind die ungarische Revolution 1956, der ungarische Nationalfeiertag am 15. März 1961 und, rückblickend, die Deportation der ungarischen Juden 1944/45 sowie die dreißiger Jahre in Berlin. Lesen Sie hier einen Auszug aus Nadas' Roman "Parallelgeschichten". Mehr lesen
Tom Bullough: Die Mechanik des Himmels
23.01.2012. Konstantin Ziolkowski, der Pionier der russischen Raumfahrt, ist das Vorbild für den kleinen, begabten Kostja in Tom Bulloughs Roman "Die Mechanik des Himmels". Arm und fast taub geht Kostja zum Studium nach Moskau und entwickelt dort am Ende des 19. Jahrhunderts visionäre Ideen von einer modernen Kosmonautik. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman. Mehr lesen
Miklos Banffy: Die Schrift in Flammen
19.01.2012. Von der untergehenden Welt der österreichisch-ungarischen Monarchie zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzählt der ungarische Adelige, Schriftsteller und zeitweise auch Außenminister Ungarns Miklos Banffy in seiner Trilogie "Siebenbürger Geschichte". Lesen Sie hier den Anfang des ersten Bandes "Die Schrift in Flammen".
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16.01.2012. Der Selbstmord einer jungen Frau bringt den Lehrer Francis aus dem Gleichgewicht, er glaubt, dass die Leiche, die seine Schüler am Strand finden, Nora ist, seine erste Liebe. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt, der er sich stellen muss. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Was uns bleibt", dem Erstlingsroman der Amerikanerin Katie Arnold-Ratliff. Mehr lesen
Sonja Margolina: Brandgeruch
24.10.2011. Sowjetunion, DDR, Perestroika, KGB, geheime Dienste jeglicher Couleur, Kirchen, Künstler, Journalisten, der kapitalistische Westen sind Themen in Sonja Margolinas Roman "Brandgeruch" über den Geheimdienstagenten Nikolaj Gribojedow. Lesen Sie hier den Anfang. Mehr lesen
Rodney Bolt: Lorenzo Da Ponte
10.10.2011. Venedig, Wien, London, New York waren die Lebensorte von Lorenzo da Ponte, als Globalisierung noch kein Thema war. Er war Lehrer, Mozarts Librettist, Tabak-, Buch- und Gemüseverkäufer, Jude und katholischer Geistlicher, hatte Frau und Kinder und stand stets vor dem finanziellen Ruin in Zeiten großer Umbrüche. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Biografie von Rodney Bolt. Mehr lesen
Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River
06.10.2011. Vance Weston heißt der junge Held im Roman "Ein altes Haus am Hudson River" der amerikanischen Schriftstellerin Edith Wharton (1862 - 1937). Seine Träume vom Künstlerdasein führen ihn von der behüteten amerikanischen Provinz in das New York der zwanziger Jahre. Lesen Sie hier einen Auszug der deutschen Erstübersetzung. Mehr lesen
Katharina Hacker: Eine Dorfgeschichte
26.09.2011. Der Odenwald ist der Schauplatz von Katharina Hackers Erzählung "Eine Dorfgeschichte" aus der Zeit nach dem Krieg. Geheimnisse und Ängste trotzen der Sommerkindheitsidylle, wenn die Dorfbewohner und die Großeltern ihre Geschichten erzählen. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen
Christopher Hitchens: The Hitch
19.09.2011. In seiner Autobiografie erzählt Christopher Hitchens, wie aus einem britischen Trotzkisten ein amerikanischer Demokrat wurde und aus einem vehementen Vietnamkriegsgegner ein ebenso vehementer Befürworter des Irakkriegs. Auf den Vorwurf, ein Wendehals zu sein, antwortete er mit John Maynard Keynes: "Wenn sich die Fakten ändern, ändert sich auch meine Meinung - und wie steht's bei Ihnen, Sir?" Lesen Sie hier einen Auszug aus "The Hitch". Mehr lesen
Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus
12.09.2011. Nellie Bly war eine Pionierin des investigativen Journalismus und begab sich undercover 1887 in die Frauenpsychiatrie auf Blackwell's Island in New York. Wie sie das bewerkstelligte und was sie dort erlebte, können Sie in ihrem Bericht "Zehn Tage im Irrenhaus" lesen. Hier ein Auszug. Mehr lesen
Andrzej Stasiuk: Hinter der Blechwand
05.09.2011. Wladek und Pawel fahren durch die einsamsten Gegenden Südosteuropas, immer auf der Suche nach einem geglückten Geschäft. Doch auf den Second-Hand-Märkten und Basaren sind nicht die konkurrierenden chinesischen Händler die wahre Gefahr, sondern Menschenhändler. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman "Hinter der Blechwand" des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk. Mehr lesen








