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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

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Vorgeblättert

Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Teil 3

28.02.2005.

(Seiten 339 - 342)

Virtuelle Kriegsschulden


Aus der rein spekulativen Technik der Kriegsfinanzierung folgte der Zwang zum Siegfrieden. Die Regierung Hitler konnte sich keinen Kompromiss leisten, sie musste die Niederlage ausschließen. Deshalb setzte sie vom ersten Kriegstag an auf die "ungeheuren Kapazitäten, die Deutschland in den von ihm besetzten Gebieten - also ohne Rückgriff auf das eigene Volksvermögen - noch zusätzlich auswerten" könne. Bereits nach dem Sieg über Frankreich hieß es selbstgewiss: In dem "Machtbereich vom Nordkap bis zur Biskaya" stünden dem hoch verschuldeten Deutschland nun "die Reichtümer fast ganz Europas zur Verfügung".(950)

Auf solche Weise ließen sich die Deutschen mit den Mitteln opulenter Staatsfürsorge ruhig und nicht selten bei Laune halten. Vor dem Hintergrund solcher Stimmungsgewinne erklären sich die Steuergeschenke an die deutschen Arbeiter im Herbst 1940, die Rentenerhöhung von 1941 und der Verzicht auf breitenwirksame direkte Kriegsteuern in den folgenden Jahren. Erst recht mit dem Einmarsch in die Sowjetunion gewann jene Lesart die Oberhand, nach der die innerdeutschen Aufrüstungs- und Kriegsschulden nur virtuell bestünden. In seiner für das allgemeine Publikum abgefassten Schrift "Was geschieht mit unserem Geld?" beruhigte Staatssekretär Fritz Reinhardt 1942 die Öffentlichkeit. Er wies auf "die Neuordnung der Dinge im Osten" hin und sprach von den Früchten des Endsieges. Den Kriegsschulden stünde, so gaukelte er dem Publikum vor, "auf der Aktivseite ein Zugang an Werten und Ertragsquellen gegenüber, die ein Mehrfaches der gestiegenen Reichsschuld betragen" würden.(951)

Die führenden deutschen Ökonomen sahen das ebenso. In seinem Schlusswort auf der Arbeitstagung zur Kriegsfinanzierung im Herbst 1941 warf Rudolf Stucken die rhetorischen Fragen in den Raum: "Sind wirklich nach dem Krieg die Schulden noch ein Problem? Werden nicht auch irgendwelche Feinde, die wirklich lieferungsfähig sind, uns dann in wesentlichen Punkten durch Reparationen und dergl. unterstützen?"(952) (Selbstverständlich tat Stucken nach 1945 so, als habe er in steter Gegnerschaft zur NS-Finanzpolitik gestanden.) Der Finanzwissenschaftler Hero Moeller wies auf den "Verkauf von hinzugewonnenen frei gewordenen Böden und sonstigem unentgeltlich anfallenden neuen Staatseigentum" hin, das eine "beträchtliche Entlastung schaffen" könne.(953)

Sein Kollege Bernhard Benning sprach sich im Sommer 1942 ebenfalls dafür aus, die "Reprivatisierung von Reichsbesitz in den eingegliederten Ostgebieten" und die "laufenden Reichseinnahmen aus ­Schleusengewinnen¬ auf Grund der Einfuhr verbilligter Waren aus den besetzten Ostgebieten u.Ä." als "zusätzliche Tilgungsquellen einzuschalten".(954) In dem Vortrag, der dem hier zitierten Aufsatz zugrunde lag, wurde er unter dem Gesichtspunkt "Rückgriff auf ausländische Volkswirtschaften" noch deutlicher: "Dazu kommen die bedeutenden Sachwertkomplexe, die durch die Besetzung feindlicher Länder - insbesondere im ehemaligen Polen und in Russland - in das Eigentum des Reiches übergegangen sind."(955)

Unter Schleusengewinn verstand man die Differenz zwischen dem Einkaufspreis etwa von russischem Getreide und dem Verkaufspreis in Deutschland. "Wenn beispielsweise der innerrussische Verkaufspreis je Tonne Roggen", so erklärte Reinhardt die Sache vor den obersten Raubtechnokraten des Reiches, "gegenwärtig 80 Reichsmark betragen würde, so würde je Tonne Roggen der Unterschied zwischen 180 Reichsmark deutschem Verkaufspreis und 80 Reichsmark innerrussischem Verkaufspreis zuzüglich Beförderungskosten und Lagerkosten als Schleusengewinn in die Kasse des Reiches fließen." Laut Protokoll waren Reinhardts Zuhörer aus den Führungsetagen von Wehrmacht, Ernährungs-, Wirtschafts- und Ostministerium "einstimmig der Meinung, dass so verfahren werden muss".(956)

Anders als Heinrich Himmler (als Siedlungskommissar des Reiches) wünschte, beharrte der Staatssekretär im Innenministerium mit Erfolg darauf, das erbeutete Feindvermögen an die Reichskasse abzuliefern und nicht etwa für die Ansiedlung Volksdeutscher zu reservieren. Schließlich seien die fraglichen "Gebiete in den Feldzügen dieses Krieges von dem ganzen Volke mit dem Schwert erobert worden ( ..., so) dass die Früchte dieser Siege daher auch dem ganzen deutschen Volke zugute kommen müssen".(957) Dem schloss sich das Finanzministerium gerne an. In den Augen der dort tätigen Beamten hatte "das Reich durch die Besetzung der feindlichen Gebiete das Eigentum an diesen Vermögensmassen originär erworben".(958) Mit ähnlichen Argumenten ließen sie gemeinsam mit den Kollegen von der Vierjahresplanbehörde die durchaus volksnahen Begehrlichkeiten örtlicher Funktionsträger im besetzten Polen ins Leere laufen. Für die Haushälter in Berlin stand fest, "dass der Gegenwert der eroberten polnischen Vermögen dem Deutschen Reiche gehört".(959)
Aus wirtschaftlichem Realismus betonten die Ministerialbeamten stets, dem Reich stünden nicht etwa die erbeuteten Wirtschaftsgüter selbst auf Dauer zu, sondern allein der Gegenwert. Es ging also von Anfang an um die (Re-)Privatisierung des Gewonnenen. Ein Mann wie Reinhardt dachte bereits an den Verkauf von Volksaktien, um das Ersparte der Durchschnittsdeutschen nach dem Endsieg rasch zu binden und den Konsumgütermarkt vor einem unkontrollierbaren Kaufansturm zu schützen. So gesehen erschienen die Rüstungsausgaben nicht als unproduktiv, vielmehr sei ihnen "das gewaltige Sachvermögen gegenüberzustellen, das durch das deutsche Schwert gewonnen" werde. Deshalb solle "ein Teil des neuen Reichsbesitzes den Sparern zur Verfügung gestellt werden - Beispiel: Anteile an Industriewerken oder Gruben im besetzten Ostraum".(960)


(Seiten 359-362)
Als das Dritte Reich endlich von den alliierten Armeen niedergeworfen wurde und in Trümmern versank, gab Fritz Reinhardt am 16. Januar 1945 noch einen letzten Ausblick auf die fast verlorene Zukunft. Die Regierung wende gegenwärtig mehr als eine Milliarde Reichsmark jährlich für Kinder- und Ausbildungsbeihilfen auf, erklärte er seinem Publikum. Der Betrag war für damalige Begriffe außerordentlich hoch. "Der nächste Schritt auf dem Weg zum Familienlastenausgleich", so fuhr er fort, werde "bald nach Beendigung des Krieges darin bestehen, dass Schulgeld, Lehrgebühren und Lernmittelkosten für alle Schularten und alle Kinder, auch für den Besuch von Fachschulen und Hochschulen, beseitigt werden". Auf solche Weise werde dann ein "starkes, politisch, wirtschaftlich und finanziell gesundes Großdeutschland als erster Sozialstaat der Erde" entstehen.(993)

In den Methoden unterschiedlich, doch nicht selten zu Lasten Dritter, zählt die soziale Aufwärtsmobilisierung der Massen zum Kernbestand der politischen Ideen des 20. Jahrhunderts. Der nationale Sozialismus der NSDAP gehört in dieses Kontinuum. Man mag die rassistisch formulierte Gleichheitsidee als pervertiert bezeichnen. Doch erstens zeichnete die Geringschätzung der individuellen Freiheit und das Missachten der persönlichen Integrität viele Formen des Egalitarismus aus. Zweitens vertrat die NS-Bewegung das nicht nur in Deutschland wirkungsvolle Konzept, die soziale mit der nationalen Homogenisierung zu verknüpfen. So erklärt sich, aus welcher innen- und gesellschaftspolitischen Konstellation Hitlers Volksstaat seine verbrecherische Energie bezog.

Eben weil die Deutschen nicht ein zweites Mal aus purem Patriotismus in den Krieg ziehen wollten, weil sie sich im Herbst 1939 skeptisch zeigten, kam es politisch darauf an, sie am wirtschaftlichen Ertrag der verschiedenen Raubzüge sofort und spürbar zu beteiligen. Die Einheit von Sozial- und Rassenpolitik, das im zeitgenössischen Vergleich beispiellose sozialpolitische Appeasement, festigte das Massenvertrauen immer wieder neu. Deshalb konnte die politische Spekulationsblase Drittes Reich so lange Bestand haben; deshalb konnten die Akteure das Glück und das Leben so vieler Menschen zerstören.

Die mannigfaltigen, auf den vorangegangenen Seiten beschriebenen Formen öffentlicher Habgier und nationalsozialer Bereicherung ermöglichten es, die Masse des Volkes mit einer Mischung aus milder Steuerpolitik, guter Versorgung und punktuellem Terror an den Rändern der Gesellschaft wenigstens ruhig zu stellen. Das stimmungspolitische Optimum, das die NS-Führer anstrebten, bildete allerdings die gute Laune der Deutschen. Von ihr pflegte Goebbels zu sagen, sie "ist ein Kriegsartikel, unter Umständen kann sie nicht nur kriegswichtig, sondern kriegsentscheidend sein".(994) Die materielle Stimulierung einer gehobenen deutschen Massenlaune auf Kosten anderer bildete das wesentliche - stets kurzfristig verstandene - Ziel des Regierens.
So betrachtet, verwandelte die NS-Führung die Deutschen mehrheitlich weder in Fanatiker noch in überzeugte Herrenmenschen. Vielmehr gelang es ihr, sie zu Nutznießern und Nutznießerchen zu machen. Nicht wenige steigerten sich in eine Goldgräberstimmung, in das Gefühl von einer nahen Zukunft, in der das Geld auf der Straße liegen würde. Wie sich der Staat im Großen in eine gewaltige Raubmaschinerie transformierte, wandelten sich gewöhnliche Leute in Vorteilsnehmer und passiv Bestochene. Aus Soldaten wurden bewaffnete Butterfahrer.(995)

Einfache Männer brachten Dinge in ihren Besitz, von denen sie wenige Jahre zuvor kaum gewusst hatten, dass es sie gab. Sie beteiligten sich an einem Großkampf, der angeblich im Sinne einer deutschen Zukunft geführt wurde, in der Milch und Honig fließen würden. Das war für sich genommen kein überzeugendes Motiv. Doch eröffnete der Krieg selbst einen Vorgeschmack darauf, wie angenehm das Leben danach sein, welche Genüsse es dann bieten würde - frei nach dem Motto: Wie wir heute erobern, werden wir morgen leben. Daraus folgte ein schattenhaft schlechtes Gewissen, das unbestimmte Gefühl, man könne nur siegen oder untergehen. Ende 1943 verallgemeinerte der SD die Kommentare von Deutschen, die, wie Millionen andere, ihr Geld noch immer regelmäßig zur Sparkasse trugen: "Gewinnen wir den Krieg, so werden wir das Geld einmal gut gebrauchen können (...) Verlieren wir den Krieg, dann ist es gleich, ob wir nun gespart oder Waren und Grundstücke erworben haben, dann ist alles verloren."(996)

Im April 1945 kehrte der britische Offizier Julius Posener in seine deutsche Heimat zurück. Er kam vom Niederrhein in das zerstörte Köln. Zuvor war er an der italienischen Front gewesen, "wo im harten Winter 1944/45 die Neapolitaner zu Hunderten in den Straßen verhungert waren", die Menschen "bis in höhere Schichten der Gesellschaft hinein, so abgerissen, bleich und hoffnungslos". In Frankreich hatte der Krieg nicht ganz so verheerend gewirkt. "Aber was war das gegen die Ketten netter, weiß gekleideter Mädels" in Deutschland, "die vor den Trümmern der Stadt ihren Abendspaziergang machten".

Die Zerstörung der Städte hatte Posener, der im Zivilberuf Bauingenieur war, erwartet, auch wenn das Ausmaß seine Vorstellungen übertraf. Der Anblick der Menschen überraschte ihn: "Die Leute entsprachen der Zerstörung nicht. Sie sahen gut aus, rosig, munter, gepflegt und recht gut gekleidet. Ein ökonomisches System, das von Millionen fremder Hände und mit dem Raube des ganzen Erdteiles bis zum Ende aufrechterhalten wurde, zeigte hier seine Ergebnisse."(997)

Wer von den Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen.

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Anmerkungen:(Seiten 339 - 342)
(950) Bark, Kriegsfinanzierung, S.23, 28.
(951) Reinhardt, Geld, S.38.
(952) Akademie für Dt. Recht, AG Geld und Kredit, 17./18.10.1941, Janssen, Nationalökonomie, S.493.
(953) Möller, Grenzprobleme, S.116.
(954) Benning, Expansion, S.227f. (Er revidierte damit ausdrücklich seine bis dahin gewahrte Ablehnung einer solchen auf den militärischen Sieg spekulierenden Schuldentilgung.)
(955) Benning, Aufbringung der Kriegskosten, Kapitalfreisetzung und Geldüberfluss (MS, 9.6.1942), S.1, 36, BA R 8136/3809.
(956) VJP, Vortrag Reinhardt vor Backe, Riecke, Schlotterer, Meyer und Hanneken [1942>, BA R 2/30675.
(957) RMI (Stuckart), Einziehung reichsfeindlichen Vermögens in Slowenien, 11.9.1941, NG-4764; RFM, 30.7.1942, NG-4919.
(958) RFM (Schlüter) an RMI, 9.4.1942, NG-4766.
(959) VJP (Körner) an RFM, 17.6.1941, NG-4912.
(960) Arbeitstagung der Gauwirtschaftsberater (Braun, Kurhessen), 19.2.1942, BA R 2/31681.
(Seiten 359-362)
(993) Inflation völlig ausgeschlossen. Reinhardt sprach über wichtige Finanzierungsprobleme, Der Angriff, 17.1.1945.
(994) Goebbels-Tgb., II/1, S.373, 439 (17.9. u. 7.9.1941) und an vielen anderen Stellen.
(995) Den Begriff verdanke ich einer brieflichen Anmerkung von Michael Naumann zu meinem Artikel "Hitlers zufriedene Räuber", Die Zeit, 8.5.2003.
(996) SD-Bericht zu Inlandsfragen, 13.12.1943, BA R 2/24250; Kundrus, Kriegerfrauen, S.314-321.
(997) Posener, Deutschland, S.18.



Mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer Verlages

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