Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

Bücherschau der Woche

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Literaturbeilagen

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Vorgeblättert

Ahmadou Kourouma: Der letzte Fürst. Teil 3

14.09.2004.

2

Ohne den Duft
der grünen Guave

Auf der Straße fauchte, wütete und grollte Fama, sein Zorn verglühte nicht in einer kleinen Flamme. Er schwor sich, dem Hundesohn von Bamba aufzulauern, um all den degenerierten Bastarden zu zeigen, dass es auf dieser Welt noch einen echten Mann, einen Mann von Ehre gab, einen, gegen den man nicht ungestraft die Hand erheben durfte.
     Die Straße, eine der belebtesten im Negerviertel der Hauptstadt, wimmelte vor Menschen. Rechts, zum Meer hin, trieben Wolken und brachten den Horizont näher an die Häuser. Links lockten die Gipfel der Wolkenkratzer andere Wolken an, die sich ballten und einen Teil des Himmelszelts aufblähten. Wieder ein Gewitter! Die Brücke erstreckte sich über eine rötlich trübe Lagune, lateritfarben durch die von den Regengüssen der Woche ins Wasser geschwemmte Erde; die Sonne, die von den Wolkenrändern im Westen schon bedrängt wurde, hatte aufgehört, ihren Glanz auf das Negerviertel zu werfen, und schickte ihre Strahlen nur noch auf die weißen Hochhäuser der weißen Stadt. Verdammnis! Bastarderei! Neger, das ist Verdammnis! Die Häuser, die Brücken, die Straßen dort, alles von Negerhänden erbaut, gehörten den Tubab, wurden von den Tubab bewohnt. Daran vermochten auch die Unabhängigkeiten nichts zu ändern. Überall, unter allen Sonnen, auf jedem Flecken Erde, halten die Neger die Beine des Schlachttiers, während sich die Weißen die fettesten Stücke abschneiden und einverleiben. War es nicht Verdammnis, wenn man sich im Dunkel für die anderen abrackern musste, wühlen musste wie ein Riesenschuppentier, das Erdhöhlen für andere gräbt? All die Schwarzen, welche die Straße hinaufliefen und herabkamen, stanken also vor Verdammnis. Nichtswürdig vor Verdammnis, ein widerlicher Verdammter, das war also der Bastard von Bamba, der die Hand gegen Fama erhoben hatte. Warum aber sollte man so einen Verdammten auf dem Gehweg abpassen? Schüttelt ein Verrückter seine Schellen, dann fängt ein anderer Verrückter an zu tanzen, niemals aber ein Abkömmling der Dumbuya.
     Fama gab sich einen Ruck und überquerte die Straße. Es war noch etwas Zeit bis zur Stunde des vierten Gebets, gerade Zeit genug, um in der Moschee zu sein, wenn er seine Schritte beschleunigte. Er wich zwei Taxis aus, bog nach rechts ab, lief um ein Karree, erreichte den rechten Gehweg der Hauptstraße und tauchte in die Menge ein, die zum Markt strömte. Dort zeigten sich zwischen den Dächern ganz unterschiedliche Himmel: einer, gepeinigt von den Winden, die Wolkenfetzen losrissen und auf die schon verdeckte und verblasste Sonne warfen, und ein anderer, von tiefgründigem Indigoblau, der sich aus dem Meer erhob und auf die ängstlich schlotternden Häuser und Bäume zusteuerte. Das Gewitter war nah. Eine Stadt, schmutzig und schmierig von Regengüssen! Unterm Regen verfault! Ach, die Sehnsucht nach Famas Heimatregion! Nach ihrem tiefen und weiten Himmel, ihrer ausgedörrten, aber fruchtbaren Erde, die Tage immer trocken. O, Horodugu, du fehltest in dieser Stadt, und alles, was Fama eine glückliche adelige Kindheit erlaubt hatte, fehlte auch (Sonne, Ehre, Gold). Beim Lever hielten die Reitsklaven das widerspenstige Pferd zum Morgenritt bereit, zum zweiten Gebet priesen die Griots und Griotten die Unvergänglichkeit und die Macht der Dumbuya, und dann rezitierten die Marabuts den Koran, lehrten, Barmherzigkeit zu üben und Almosen zu geben. Wer hätte sich damals vorstellen können, dass man eines Tages lernen müsste, von Opfer zu Opfer zu laufen, um sich etwas zu erbetteln?
     Die Gedanken an die Kindheit, Sonne, Tage, Harmattane, Morgenstunden und Düfte in Horodugu fegten die Schande hinweg und ertränkten den Zorn. Nur ruhig Blut! Allah hat ein Leben geschaffen, das einem Geflecht aus verschiedenfarbigen Bändern gleicht, ein Band von der Farbe des Glücks und der Freude, ein Band von der Farbe des Elends und der Krankheit und eins der Schmach und Schande. Lassen wir die Angelegenheit noch einmal Revue passieren: Konnte Fama wirklich behaupten, in jeder Hinsicht Recht gehabt zu haben? Das Herz war nicht kühl, und die Zunge war zu schnell gewesen. Der Sohn eines Oberhaupts und ein Muslim bewahrt aber immer ein kühles Herz und bleibt besonnen, denn wer alles im Galopp erledigt, begräbt Lebendige, und die schnelle Zunge bringt uns in eine Klemme, aus der uns selbst die flinksten Füße nicht heraushelfen können. Nun fuhren durch die Straßen und durch die Blätter Windstöße, die den Regen herbeiriefen. Jener Winkel des Himmels, wo die Wolken bald entlanghetzten, bald sich hoch türmten, war zum Bersten aufgebläht. Kurz brachen Sonnenstrahlen hervor und tauchten alles in ein grelles, zuckendes Licht. Fama kam zum Marktplatz hinter der Moschee der Senegalesen. Der Markt war vorüber, geblieben waren die Gerüche, trotz des Windes. Gerüche all der großen Märkte Afrikas, wie Dakar, Bamako, Bobo, Bouake, Märkte, auf denen Fama als großer Kaufmann zu Hause gewesen war. Auch das Leben als großer Kaufmann war nur noch Erinnerung, mit dem Abzug der Kolonialherren war jeder Handel vorbei. Und die Gewissensbisse! Fama kochte vor lauter Gewissensqualen, weil er die Franzosen so sehr bekämpft und verabscheut hatte, etwa so wie das Gräslein, welches murrte, weil ihm der große Kapokbaum alle Sonne nahm; als der Kapokbaum umgeschlagen war, bekam es alle Sonne, doch auch den starken Wind, der es knickte. Auf keinen Fall aber sollte man Fama als einen Anhänger der Kolonialherrschaft ansehen und gering schätzen! Schließlich hatte er die Kolonisierung miterlebt, hatte französische Kommandanten gekannt, die vielerlei mit sich brachten, viel Leid: Zwangsarbeit, Holzfällen in den Wäldern, Straßen- und Brückenbau, Steuern über Steuern und hundert andere Requirierungen, die jeder Eroberer zustande bringt, ja, und die Peitsche des Aufsehers und des Vorarbeiters und andere Folterqualen nicht zu vergessen.
     Aber das Wichtigste für einen Malinke ist die Freiheit des Handels. Und die Franzosen standen auch und in erster Linie für die Freiheit des Handels, der den Diola groß macht und den Malinke zu Wohlstand kommen lässt. Handel und Krieg, auf diesen beiden ging, mit beiden sah und durch beide atmete, hörte das Volk der Malinke wie ein Mann, beides waren die Beine, die Augen, die Ohren und die Lenden. Die Kolonialherrschaft hat den Krieg geächtet und ihm den Todesstoß versetzt, den Handel aber begünstigt; die Unabhängigkeiten haben den Handel zerschlagen, der Krieg kehrte jedoch nicht zurück. Und das Geschlecht der Malinke, ihre Clangemeinschaften, ihr Land, ihre Kultur, alles stirbt ab, wird lahm, taub und blind ? und unfruchtbar.
     Um so nach Herzenslust in einer gut gesalzenen Sauce löffeln zu können, wäre Fama für die Kolonialherrschaft gewesen, und zwar, obwohl ihn die Franzosen beraubt hatten, jedoch mit dem Segen dessen, der ? Sagen wir es gleich: Als sein Vater tot war, hätte der legitime Fama als Oberhaupt von ganz Horodugu seine Nachfolge antreten sollen. Doch er stieß auf Intrigen, Schändlichkeiten, auf Marabut-Winkelzüge und Lügengewirr. Einmal, weil in Horodugu ein Bürschchen das Kommando hatte, ein kleiner europäischer Tunichtgut von einem Administrator, immer in schmieriger kurzer Hose und rührig und flott wie ein Bocksbart. Klar, den konnte Fama nicht für voll nehmen; seine Ohren liefen rot an, und wen zog der Kommandant dann vor? Wisst ihr, wen? Den Cousin Lacina, einen entfernten Cousin, der, um seine Ziele zu erreichen, den Marabuts aufs Wort folgte, Tieropfer auf Tieropfer brachte, Intrigen spann, log und sich so weit erniedrigte, dass ? Ja, der Mensch überstürzt sich, doch der göttliche Wille und die göttliche Gerechtigkeit werden früher oder später wirksam. Wisst ihr, was geschah? Die Unabhängigkeiten und die Einheitspartei haben den Cousin Lacina abgesetzt, mit Schimpf und Schande, und ihn zu einem Etwas gemacht, das keinen Aasfresserdreck wert ist.

Mit freundlicher Genehmigung des Peter Hammer Verlages

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Archiv: Vorgeblättert

Joan Didion: Blaue Stunden

09.02.2012. In "Blaue Stunden" erinnert sich die amerikanische Autorin Joan Didion an ihre Tochter, daran, wie es war, sie aufwachsen zu sehen und Abschied zu nehmen, als sie mit 39 Jahren starb. Es ist eine persönliche Bilanz über Erinnerung und Alter. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen

Maria Sonia Cristoff: Unbehaust

06.02.2012. Würden sich die Tiere an das erinnern, was der Mensch ihnen zumutet, wären wir (die Menschen) vom Aussterben bedroht. Lesen Sie hier einen Auszug aus Maria Sonia Cristoffs Geschichten zur unwahrscheinlichen Beziehung von Mensch und Tier: "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Mehr lesen

Lisa Kränzler: Export A

02.02.2012. Um Love and Tears geht es im Roman von Lisa Kränzler, in dem sie von Lisa erzählt, einer 16-jährigen Austauschschülerin in Kanada, hin- und hergerissen zwischen Gehorsam und Ausbruch. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Erstlingsroman "Export A". Mehr lesen

Hanna Krall: Rosa Straußenfedern

30.01.2012. Briefe, Fragmente, Zettel und Erzählungen erzählen vom Leben der polnischen Autorin Hanna Krall, ihrer Freunde und Zeitgenossen. Der Zweite Weltkrieg, die Volksrepublik Polen, Solidarnosc, vergegenwärtigen sich in ihrer Biografie. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Rosa Straußenfedern". Mehr lesen

Peter Nadas: Parallelgeschichten

26.01.2012. Peter Nadas erzählt die Geschichte der Budapester Familie Demen und ihrer Freunde, deren persönliche Schicksale mit der ungarischen und deutschen Vergangenheit verknüpft sind. Meilensteine in diesem gewaltigen Epos sind die ungarische Revolution 1956, der ungarische Nationalfeiertag am 15. März 1961 und, rückblickend, die Deportation der ungarischen Juden 1944/45 sowie die dreißiger Jahre in Berlin. Lesen Sie hier einen Auszug aus Nadas' Roman "Parallelgeschichten". Mehr lesen

Tom Bullough: Die Mechanik des Himmels

23.01.2012. Konstantin Ziolkowski, der Pionier der russischen Raumfahrt, ist das Vorbild für den kleinen, begabten Kostja in Tom Bulloughs Roman "Die Mechanik des Himmels". Arm und fast taub geht Kostja zum Studium nach Moskau und entwickelt dort am Ende des 19. Jahrhunderts visionäre Ideen von einer modernen Kosmonautik. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman. Mehr lesen

Miklos Banffy: Die Schrift in Flammen

19.01.2012. Von der untergehenden Welt der österreichisch-ungarischen Monarchie zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzählt der ungarische Adelige, Schriftsteller und zeitweise auch Außenminister Ungarns Miklos Banffy in seiner Trilogie "Siebenbürger Geschichte". Lesen Sie hier den Anfang des ersten Bandes "Die Schrift in Flammen".
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16.01.2012. Der Selbstmord einer jungen Frau bringt den Lehrer Francis aus dem Gleichgewicht, er glaubt, dass die Leiche, die seine Schüler am Strand finden, Nora ist, seine erste Liebe. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt, der er sich stellen muss. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Was uns bleibt", dem Erstlingsroman der Amerikanerin Katie Arnold-Ratliff. Mehr lesen

Sonja Margolina: Brandgeruch

24.10.2011. Sowjetunion, DDR, Perestroika, KGB, geheime Dienste jeglicher Couleur, Kirchen, Künstler, Journalisten, der kapitalistische Westen sind Themen in Sonja Margolinas Roman "Brandgeruch" über den Geheimdienstagenten Nikolaj Gribojedow. Lesen Sie hier den Anfang. Mehr lesen

Rodney Bolt: Lorenzo Da Ponte

10.10.2011. Venedig, Wien, London, New York waren die Lebensorte von Lorenzo da Ponte, als Globalisierung noch kein Thema war. Er war Lehrer, Mozarts Librettist, Tabak-, Buch- und Gemüseverkäufer, Jude und katholischer Geistlicher, hatte Frau und Kinder und stand stets vor dem finanziellen Ruin in Zeiten großer Umbrüche. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Biografie von Rodney Bolt. Mehr lesen

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06.10.2011. Vance Weston heißt der junge Held im Roman "Ein altes Haus am Hudson River" der amerikanischen Schriftstellerin Edith Wharton (1862 - 1937). Seine Träume vom Künstlerdasein führen ihn von der behüteten amerikanischen Provinz in das New York der zwanziger Jahre. Lesen Sie hier einen Auszug der deutschen Erstübersetzung. Mehr lesen

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26.09.2011. Der Odenwald ist der Schauplatz von Katharina Hackers Erzählung "Eine Dorfgeschichte" aus der Zeit nach dem Krieg. Geheimnisse und Ängste trotzen der Sommerkindheitsidylle, wenn die Dorfbewohner und die Großeltern ihre Geschichten erzählen. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen

Christopher Hitchens: The Hitch

19.09.2011. In seiner Autobiografie erzählt Christopher Hitchens, wie aus einem britischen Trotzkisten ein amerikanischer Demokrat wurde und aus einem vehementen Vietnamkriegsgegner ein ebenso vehementer Befürworter des Irakkriegs. Auf den Vorwurf, ein Wendehals zu sein, antwortete er mit John Maynard Keynes: "Wenn sich die Fakten ändern, ändert sich auch meine Meinung - und wie steht's bei Ihnen, Sir?" Lesen Sie hier einen Auszug aus "The Hitch". Mehr lesen

Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus

12.09.2011. Nellie Bly war eine Pionierin des investigativen Journalismus und begab sich undercover 1887 in die Frauenpsychiatrie auf Blackwell's Island in New York. Wie sie das bewerkstelligte und was sie dort erlebte, können Sie in ihrem Bericht "Zehn Tage im Irrenhaus" lesen. Hier ein Auszug. Mehr lesen

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