Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 09.02.2010, 16.23 Uhr

Vorgeblättert

Ahmadou Kourouma: Der letzte Fürst. Teil 1

14.09.2004.

1

Der Kampfhund und
seine Art bar jeder Scham
sich hinzusetzen 

Vor einer Woche war in der Hauptstadt Kone Ibrahima verschieden, ein Mann aus dem Volk der Malinke, oder sagen wir es auf Malinke, einem kleinen Schnupfen hatte er nichts entgegenzusetzen gehabt.
     Wie bei jedem Malinke, dessen Leben seiner sterblichen Hülle entwich, erhob, räusperte und bekleidete sich sein Schatten und machte sich auf den langen Weg in das ferne Malinke-Land, um dort die traurige Nachricht von der Beisetzung auszusprengen. Auf abgelegenen Pfaden mitten im einsamen Busch sind zwei Malinke-Hausierer dem Schatten begegnet und haben ihn erkannt. Der Schatten ging schnell und hat nicht gegrüßt. Die Hausierer waren sich sicher: "Ibrahima ist verschieden", sagten sie. Im Heimatdorf rückte der Schatten seine Sachen zur Seite und stellte sie ordentlich zusammen. Hinter dem Haus hat man gehört, wie die Truhen des Toten rumpelten und seine Kalebassen aneinander stießen; auch das Vieh wurde unruhig, blökte und meckerte auf eigentümliche Weise. Niemand hegte den geringsten Zweifel. "Ibrahima Kone ist verschieden. Das ist sein Schatten", hieß es. Dann war der Schatten zu seiner sterblichen Hülle in die Hauptstadt zurückgekehrt, um an der Beisetzung teilzunehmen: hin und zurück, mehr als zweitausend Kilometer. In der Zeit eines Wimpernschlags!
     Anscheinend seid ihr skeptisch! Na schön, ich schwöre es euch, und ich füge hinzu: Wäre der Verstorbene aus der Kaste der Schmiede gewesen und befänden wir uns nicht in der Ära der Unabhängigkeiten (in den Sonnen der Unabhängigkeiten, wie die Malinke sagen), ich schwöre euch, dann hätte man es nie gewagt, ihn in einer fernen und fremden Erde zu begraben. Von Zuhause wäre ein Alter aus der Schmiedekaste mit einem kleinen Wanderstab gekommen, hätte mit dem Stab den Leichnam angetippt, der Schatten wäre wieder in die sterbliche Hülle gefahren, der Tote hätte sich erhoben. Man hätte dem Toten den Stab gegeben, er wäre dem Alten auf den Fersen gefolgt, und zu zweit wären sie Tag und Nacht marschiert. Aber aufgepasst! Der Tote hätte auf keinen Fall zu neuem Leben erwachen dürfen! Das Leben steht allein in Allahs Macht! Ohne zu essen, zu trinken, zu sprechen, selbst ohne zu schlafen wäre der Tote dem Alten gefolgt, wäre bis ins Dorf marschiert, wo der alte Schmied den Stab wieder an sich genommen und ihn ein zweites Mal damit angetippt hätte. Die sterbliche Hülle und der Schatten hätten sich wieder getrennt, und nun, im Heimatdorf, hätte die langwierige, überaus komplizierte Bestattungszeremonie für einen Malinke aus der Schmiedekaste vollzogen werden können.
     Also ist es möglich, um nicht zu sagen gewiss, dass der Schatten bis ins Heimatdorf gewandert ist; und ebenso schnell war er wieder in der Hauptstadt, um die Beisetzung anzuführen. Ein Magier im Leichenzug hat ihn gesehen, wie er melancholisch auf dem Sarg saß. Die Tage reihten sich an den Tag des Begräbnisses, bis zum siebten, und die Totenfeier am siebten Tag fand im Angesicht des Schattens statt. Dann vergingen die Wochen, und es kam der vierzigste Tag, und die Totenfeier am vierzigsten Tag wurde zu Füßen des kauernden Schattens abgehalten, der für den einfachen Malinke die ganze Zeit über unsichtbar blieb. Dann ist der Schatten auf immer verschwunden. Er ist ins Gebiet der Malinke gewandert, wo er eine Mutter glücklich machen wird, indem er in einem Malinke-Baby wieder Gestalt annimmt.
     Da der Schatten aufpasste, mitzählte, dankte, wurde die Beerdigung voller Ehrfurcht vorgenommen, wurden die Totenfeiern durch verschwenderische Freigebigkeit geheiligt. Freunde, Verwandte und selbst Leute, die zufällig vorbeikamen, legten Geschenke und Opfergaben nieder, die aufgeteilt und an die Gäste und an die großen Malinke-Familien der Hauptstadt gegeben wurden.
     Da jede Begräbniszeremonie etwas abwirft, versteht es sich, dass die Malinke-Griots*, die alten Malinke, jene, die keinen Handel mehr betreiben, weil die Unabhängigkeiten sie ruiniert haben (und Allah allein kann die Menge der alten Kaufleute zählen, die in der Hauptstadt von den Unabhängigkeiten ruiniert worden sind!), jetzt samt und sonders bei den Beerdigungen und Totenfeiern "arbeiten". Als richtige Profis! Des Morgens wie des Abends ziehen sie von einem Viertel zum andern, um bei allen Feierlichkeiten dabei zu sein. Unter Malinke nennt man sie, und es ist böse gemeint, "Geier" oder "Hyänenhorde".
     Fama Dumbuya! Ein echter Dumbuya, Vater Dumbuya, Mutter Dumbuya, letzter und legitimer Spross der Fürsten Dumbuya von Horodugu, Totem Panther, war jetzt ein "Geier"! Ein Fürst Dumbuya! Das Panther-Totem machte gemeinsame Sache mit den Hyänen. O, die Sonnen der Unabhängigkeiten!
     Zur Totenfeier am siebten Tag für den verstorbenen Kone Ibrahima hatte Fama sich verspätet. Er war in Eile und lief hastigen Schritts wie jemand, der an Durchfall leidet, doch befand er sich noch immer am anderen Ende der Brücke, welche die weiße Stadt mit dem Negerviertel verbindet. Es war die Stunde des zweiten Gebets, die Zeremonie hatte begonnen.
     "Verbastardete Bastarderei! Gnamokode!", beschwerte sich Fama. Alles hatte sich verschworen, ihn zur Verzweiflung zu bringen. Die Sonne! Die Sonne! Die Sonne der leidigen Unabhängigkeiten nahm die eine Hälfte des Himmels ein, röstete das Universum und dörrte es aus, als wollte sie die gefährlichen Spätnachmittagsgewitter rechtfertigen. Und dazu noch die Gaffer! Die Bastarde von Gaffern, die sich mitten auf dem Gehweg platziert hatten, als stünden sie in ihres Papas Haus. Um vorbeizukommen, musste man sie anrempeln, ihnen drohen, Flüche ausstoßen. Das alles bei einem Lärm, der einem die Ohren abreißen konnte: Gehupe, Motorengeknatter, Reifenrattern, Geschrei und Gerufe von Passanten und Fahrern. Hinter dem linken Brückengeländer schien aus einer Unzahl von Spiegeln, die sich gegenseitig zerschlugen und wieder zusammensetzten, blendend die Lagune auf - bis hin zur fernen Uferböschung, wo sich kleine Inseln und Ausläufer der Wälder in den aschfarbenen Horizont schoben. Im Brückenbereich verstopften Fahrzeuge aller Farben die Fahrbahn in beiden Richtungen, und hinter dem rechten Brückengeländer wieder die Lagune, die hier und da aufschimmerte, an anderen Stellen glanzlos dalag, der Hafen voller Schiffe und Lagerhallen und dahinter noch einmal die Lagune, nun ganz stumpf, der Waldrand und dann endlich etwas Blaues, das Meer, da, wo sich das Blau des Horizonts erhob. Zum Glück - Allah sei gepriesen! - hatte Fama es nicht mehr weit, das Ende des Hafens war dort hinten zu sehen, wo sich die Straße in einer Senke verlor, in einem Loch, in dem die grauen oder schimmernden Blechdächer weiterer Lagerhallen, Palmen und Tupfer grünen Laubs sich aneinander drängten und aus dem ein paar mehrstöckige Häuser mit Jalousien vor den Fenstern emporragten. Niedergang und Schande, sie waren ungeheuerlich; ebenso bedrückend, wie wenn ein altes Pantherweibchen beim Herumstreiten mit Hyänen um Aas ertappt wird, ebenso bedrückend war es zu erleben, wie Fama zur Totenfeier lief.
     Er Fama, in Gold geboren, inmitten von Speis und Trank, Ehren und Frauen! Erzogen, um das Edle dem Golde vorzuziehen, um ein Essen aus einer Vielzahl Speisen auszuwählen, um mit seiner Lieblingsfrau zu schlafen, erkoren aus hundert Gattinnen. Was war aus ihm geworden? Ein Aasfresser.
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*Der Griot ist in Westafrika der Bewahrer der mündlich überlieferten Tradition,  Erzähler, Genealogist und Preissänger.

Teil 2

Archiv: Vorgeblättert

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01.02.2010. Karlo Adum heißt der Held in Miljenko Jergovics neuem Roman "Freelander". Er ist ein pensionierter Lehrer und begibt sich eher widerwillig auf eine Irrfahrt durch Kroatien nach Bosnien und Herzegowina. Zu einer Testamentseröffnung. Lesen Sie hier einen Auszug.
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25.01.2010. Alain Mabanckou erzählt in seinem Roman "Black Bazar" sehr selbstironisch von den Träumen afrikanischer Männer, die in Paris ihr Glück suchen. Und hin und wieder auch einen Rückschlag verschmerzen müssen. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen

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18.01.2010. Was bedeutet es Muslim zu sein? Die Reise des indisch-britischen Journalisten Aatish Taseer durch islamische Länder nach Pakistan zu seinem muslimischen Vater ist auch die Suche nach seiner Identiät. Lesen Sie hier einen Auszug aus seiner Reportage "Terra Islamica". Mehr lesen

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04.01.2010. Der zweite Roman von Kristof Magnusson ist so vergnüglich zu lesen wie sein erster. "Das war ich nicht" erzählt von einem jungen Banker, einem ausgebrannten Schriftsteller und einer ehrgeizigen Übersetzerin, deren Wege sich kreuzen. Hier eine Leseprobe. Mehr lesen

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28.09.2009. ZZ Packer beherrscht das Geschichtenerzählen. Die Protagonisten ihrer Kurzgeschichten in "Kaffee trinken anderswo" sind junge Afro-Amerikaner, die sich mit ihrer Identität auseinandersetzen müssen. Zum Beispiel Spurgeon, ein Teenager, der eigentlich zu seinem Debattierclub möchte und statt dessen seinen gerade aus dem Knast entlassenen Vater durch die Gegend kutschieren muss. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Geschichte "Die Ameise des Ichs". Mehr lesen

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07.09.2009. Martha Gellhorn war die Kriegsreporterin des 20. Jahrhunderts, vom Spanischen Bürgerkrieg über den Zweiten Weltkrieg und den Sechs-Tage-Krieg bis zum Vietnamkrieg. Sie war auch eine manische und großartige Briefeschreiberin. Lesen Sie hier einen Auszug aus Martha Gellhorn: "Ausgewählte Briefe".
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24.08.2009. Joel entdeckt als Kind, dass er eine besondere Gabe besitzt: Er kann die Träume anderer mitträumen und sie ihnen wiedergeben. Jahre später erzählt er seiner Frau davon... Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman "Der Wiederträumer" des israelischen Autors Nir Baram. Mehr lesen

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20.08.2009. Siegfried Jägendorf gehörte zu mehr als Hunderttausend rumänischen Juden, die von den Nazis nach Transnistrien deportiert wurden. In seinem Buch "Das Wunder von Moghilev" berichtet er, wie es ihm gelang, im Ghetto von Moghilev über zehntausend Juden vor der Vernichtung zu bewahren. Lesen Sie hier einen Auszug.
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13.08.2009. Nichts hat soviel Unglück über die Menschheit gebracht wie der Glaube an eine bessere Welt, meint John Gray. In seinem Buch "Politik der Apokalypse" rechnet der britische Ideengeschichtler mit dem utopischen Denken in Religion und Politik ab und plädiert für eine rigorose Realpolitk. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen

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