Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 11.02.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

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Vorgeblättert

Ahmadou Kourouma: Der letzte Fürst. Teil 1

14.09.2004.

1

Der Kampfhund und
seine Art bar jeder Scham
sich hinzusetzen 

Vor einer Woche war in der Hauptstadt Kone Ibrahima verschieden, ein Mann aus dem Volk der Malinke, oder sagen wir es auf Malinke, einem kleinen Schnupfen hatte er nichts entgegenzusetzen gehabt.
     Wie bei jedem Malinke, dessen Leben seiner sterblichen Hülle entwich, erhob, räusperte und bekleidete sich sein Schatten und machte sich auf den langen Weg in das ferne Malinke-Land, um dort die traurige Nachricht von der Beisetzung auszusprengen. Auf abgelegenen Pfaden mitten im einsamen Busch sind zwei Malinke-Hausierer dem Schatten begegnet und haben ihn erkannt. Der Schatten ging schnell und hat nicht gegrüßt. Die Hausierer waren sich sicher: "Ibrahima ist verschieden", sagten sie. Im Heimatdorf rückte der Schatten seine Sachen zur Seite und stellte sie ordentlich zusammen. Hinter dem Haus hat man gehört, wie die Truhen des Toten rumpelten und seine Kalebassen aneinander stießen; auch das Vieh wurde unruhig, blökte und meckerte auf eigentümliche Weise. Niemand hegte den geringsten Zweifel. "Ibrahima Kone ist verschieden. Das ist sein Schatten", hieß es. Dann war der Schatten zu seiner sterblichen Hülle in die Hauptstadt zurückgekehrt, um an der Beisetzung teilzunehmen: hin und zurück, mehr als zweitausend Kilometer. In der Zeit eines Wimpernschlags!
     Anscheinend seid ihr skeptisch! Na schön, ich schwöre es euch, und ich füge hinzu: Wäre der Verstorbene aus der Kaste der Schmiede gewesen und befänden wir uns nicht in der Ära der Unabhängigkeiten (in den Sonnen der Unabhängigkeiten, wie die Malinke sagen), ich schwöre euch, dann hätte man es nie gewagt, ihn in einer fernen und fremden Erde zu begraben. Von Zuhause wäre ein Alter aus der Schmiedekaste mit einem kleinen Wanderstab gekommen, hätte mit dem Stab den Leichnam angetippt, der Schatten wäre wieder in die sterbliche Hülle gefahren, der Tote hätte sich erhoben. Man hätte dem Toten den Stab gegeben, er wäre dem Alten auf den Fersen gefolgt, und zu zweit wären sie Tag und Nacht marschiert. Aber aufgepasst! Der Tote hätte auf keinen Fall zu neuem Leben erwachen dürfen! Das Leben steht allein in Allahs Macht! Ohne zu essen, zu trinken, zu sprechen, selbst ohne zu schlafen wäre der Tote dem Alten gefolgt, wäre bis ins Dorf marschiert, wo der alte Schmied den Stab wieder an sich genommen und ihn ein zweites Mal damit angetippt hätte. Die sterbliche Hülle und der Schatten hätten sich wieder getrennt, und nun, im Heimatdorf, hätte die langwierige, überaus komplizierte Bestattungszeremonie für einen Malinke aus der Schmiedekaste vollzogen werden können.
     Also ist es möglich, um nicht zu sagen gewiss, dass der Schatten bis ins Heimatdorf gewandert ist; und ebenso schnell war er wieder in der Hauptstadt, um die Beisetzung anzuführen. Ein Magier im Leichenzug hat ihn gesehen, wie er melancholisch auf dem Sarg saß. Die Tage reihten sich an den Tag des Begräbnisses, bis zum siebten, und die Totenfeier am siebten Tag fand im Angesicht des Schattens statt. Dann vergingen die Wochen, und es kam der vierzigste Tag, und die Totenfeier am vierzigsten Tag wurde zu Füßen des kauernden Schattens abgehalten, der für den einfachen Malinke die ganze Zeit über unsichtbar blieb. Dann ist der Schatten auf immer verschwunden. Er ist ins Gebiet der Malinke gewandert, wo er eine Mutter glücklich machen wird, indem er in einem Malinke-Baby wieder Gestalt annimmt.
     Da der Schatten aufpasste, mitzählte, dankte, wurde die Beerdigung voller Ehrfurcht vorgenommen, wurden die Totenfeiern durch verschwenderische Freigebigkeit geheiligt. Freunde, Verwandte und selbst Leute, die zufällig vorbeikamen, legten Geschenke und Opfergaben nieder, die aufgeteilt und an die Gäste und an die großen Malinke-Familien der Hauptstadt gegeben wurden.
     Da jede Begräbniszeremonie etwas abwirft, versteht es sich, dass die Malinke-Griots*, die alten Malinke, jene, die keinen Handel mehr betreiben, weil die Unabhängigkeiten sie ruiniert haben (und Allah allein kann die Menge der alten Kaufleute zählen, die in der Hauptstadt von den Unabhängigkeiten ruiniert worden sind!), jetzt samt und sonders bei den Beerdigungen und Totenfeiern "arbeiten". Als richtige Profis! Des Morgens wie des Abends ziehen sie von einem Viertel zum andern, um bei allen Feierlichkeiten dabei zu sein. Unter Malinke nennt man sie, und es ist böse gemeint, "Geier" oder "Hyänenhorde".
     Fama Dumbuya! Ein echter Dumbuya, Vater Dumbuya, Mutter Dumbuya, letzter und legitimer Spross der Fürsten Dumbuya von Horodugu, Totem Panther, war jetzt ein "Geier"! Ein Fürst Dumbuya! Das Panther-Totem machte gemeinsame Sache mit den Hyänen. O, die Sonnen der Unabhängigkeiten!
     Zur Totenfeier am siebten Tag für den verstorbenen Kone Ibrahima hatte Fama sich verspätet. Er war in Eile und lief hastigen Schritts wie jemand, der an Durchfall leidet, doch befand er sich noch immer am anderen Ende der Brücke, welche die weiße Stadt mit dem Negerviertel verbindet. Es war die Stunde des zweiten Gebets, die Zeremonie hatte begonnen.
     "Verbastardete Bastarderei! Gnamokode!", beschwerte sich Fama. Alles hatte sich verschworen, ihn zur Verzweiflung zu bringen. Die Sonne! Die Sonne! Die Sonne der leidigen Unabhängigkeiten nahm die eine Hälfte des Himmels ein, röstete das Universum und dörrte es aus, als wollte sie die gefährlichen Spätnachmittagsgewitter rechtfertigen. Und dazu noch die Gaffer! Die Bastarde von Gaffern, die sich mitten auf dem Gehweg platziert hatten, als stünden sie in ihres Papas Haus. Um vorbeizukommen, musste man sie anrempeln, ihnen drohen, Flüche ausstoßen. Das alles bei einem Lärm, der einem die Ohren abreißen konnte: Gehupe, Motorengeknatter, Reifenrattern, Geschrei und Gerufe von Passanten und Fahrern. Hinter dem linken Brückengeländer schien aus einer Unzahl von Spiegeln, die sich gegenseitig zerschlugen und wieder zusammensetzten, blendend die Lagune auf - bis hin zur fernen Uferböschung, wo sich kleine Inseln und Ausläufer der Wälder in den aschfarbenen Horizont schoben. Im Brückenbereich verstopften Fahrzeuge aller Farben die Fahrbahn in beiden Richtungen, und hinter dem rechten Brückengeländer wieder die Lagune, die hier und da aufschimmerte, an anderen Stellen glanzlos dalag, der Hafen voller Schiffe und Lagerhallen und dahinter noch einmal die Lagune, nun ganz stumpf, der Waldrand und dann endlich etwas Blaues, das Meer, da, wo sich das Blau des Horizonts erhob. Zum Glück - Allah sei gepriesen! - hatte Fama es nicht mehr weit, das Ende des Hafens war dort hinten zu sehen, wo sich die Straße in einer Senke verlor, in einem Loch, in dem die grauen oder schimmernden Blechdächer weiterer Lagerhallen, Palmen und Tupfer grünen Laubs sich aneinander drängten und aus dem ein paar mehrstöckige Häuser mit Jalousien vor den Fenstern emporragten. Niedergang und Schande, sie waren ungeheuerlich; ebenso bedrückend, wie wenn ein altes Pantherweibchen beim Herumstreiten mit Hyänen um Aas ertappt wird, ebenso bedrückend war es zu erleben, wie Fama zur Totenfeier lief.
     Er Fama, in Gold geboren, inmitten von Speis und Trank, Ehren und Frauen! Erzogen, um das Edle dem Golde vorzuziehen, um ein Essen aus einer Vielzahl Speisen auszuwählen, um mit seiner Lieblingsfrau zu schlafen, erkoren aus hundert Gattinnen. Was war aus ihm geworden? Ein Aasfresser.
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*Der Griot ist in Westafrika der Bewahrer der mündlich überlieferten Tradition,  Erzähler, Genealogist und Preissänger.

Teil 2

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Archiv: Vorgeblättert

Joan Didion: Blaue Stunden

09.02.2012. In "Blaue Stunden" erinnert sich die amerikanische Autorin Joan Didion an ihre Tochter, daran, wie es war, sie aufwachsen zu sehen und Abschied zu nehmen, als sie mit 39 Jahren starb. Es ist eine persönliche Bilanz über Erinnerung und Alter. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen

Maria Sonia Cristoff: Unbehaust

06.02.2012. Würden sich die Tiere an das erinnern, was der Mensch ihnen zumutet, wären wir (die Menschen) vom Aussterben bedroht. Lesen Sie hier einen Auszug aus Maria Sonia Cristoffs Geschichten zur unwahrscheinlichen Beziehung von Mensch und Tier: "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Mehr lesen

Lisa Kränzler: Export A

02.02.2012. Um Love and Tears geht es im Roman von Lisa Kränzler, in dem sie von Lisa erzählt, einer 16-jährigen Austauschschülerin in Kanada, hin- und hergerissen zwischen Gehorsam und Ausbruch. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Erstlingsroman "Export A". Mehr lesen

Hanna Krall: Rosa Straußenfedern

30.01.2012. Briefe, Fragmente, Zettel und Erzählungen erzählen vom Leben der polnischen Autorin Hanna Krall, ihrer Freunde und Zeitgenossen. Der Zweite Weltkrieg, die Volksrepublik Polen, Solidarnosc, vergegenwärtigen sich in ihrer Biografie. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Rosa Straußenfedern". Mehr lesen

Peter Nadas: Parallelgeschichten

26.01.2012. Peter Nadas erzählt die Geschichte der Budapester Familie Demen und ihrer Freunde, deren persönliche Schicksale mit der ungarischen und deutschen Vergangenheit verknüpft sind. Meilensteine in diesem gewaltigen Epos sind die ungarische Revolution 1956, der ungarische Nationalfeiertag am 15. März 1961 und, rückblickend, die Deportation der ungarischen Juden 1944/45 sowie die dreißiger Jahre in Berlin. Lesen Sie hier einen Auszug aus Nadas' Roman "Parallelgeschichten". Mehr lesen

Tom Bullough: Die Mechanik des Himmels

23.01.2012. Konstantin Ziolkowski, der Pionier der russischen Raumfahrt, ist das Vorbild für den kleinen, begabten Kostja in Tom Bulloughs Roman "Die Mechanik des Himmels". Arm und fast taub geht Kostja zum Studium nach Moskau und entwickelt dort am Ende des 19. Jahrhunderts visionäre Ideen von einer modernen Kosmonautik. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman. Mehr lesen

Miklos Banffy: Die Schrift in Flammen

19.01.2012. Von der untergehenden Welt der österreichisch-ungarischen Monarchie zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzählt der ungarische Adelige, Schriftsteller und zeitweise auch Außenminister Ungarns Miklos Banffy in seiner Trilogie "Siebenbürger Geschichte". Lesen Sie hier den Anfang des ersten Bandes "Die Schrift in Flammen".
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Katie Arnold-Ratliff: Was uns bleibt

16.01.2012. Der Selbstmord einer jungen Frau bringt den Lehrer Francis aus dem Gleichgewicht, er glaubt, dass die Leiche, die seine Schüler am Strand finden, Nora ist, seine erste Liebe. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt, der er sich stellen muss. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Was uns bleibt", dem Erstlingsroman der Amerikanerin Katie Arnold-Ratliff. Mehr lesen

Sonja Margolina: Brandgeruch

24.10.2011. Sowjetunion, DDR, Perestroika, KGB, geheime Dienste jeglicher Couleur, Kirchen, Künstler, Journalisten, der kapitalistische Westen sind Themen in Sonja Margolinas Roman "Brandgeruch" über den Geheimdienstagenten Nikolaj Gribojedow. Lesen Sie hier den Anfang. Mehr lesen

Rodney Bolt: Lorenzo Da Ponte

10.10.2011. Venedig, Wien, London, New York waren die Lebensorte von Lorenzo da Ponte, als Globalisierung noch kein Thema war. Er war Lehrer, Mozarts Librettist, Tabak-, Buch- und Gemüseverkäufer, Jude und katholischer Geistlicher, hatte Frau und Kinder und stand stets vor dem finanziellen Ruin in Zeiten großer Umbrüche. Lesen Sie hier einen Auszug aus der Biografie von Rodney Bolt. Mehr lesen

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06.10.2011. Vance Weston heißt der junge Held im Roman "Ein altes Haus am Hudson River" der amerikanischen Schriftstellerin Edith Wharton (1862 - 1937). Seine Träume vom Künstlerdasein führen ihn von der behüteten amerikanischen Provinz in das New York der zwanziger Jahre. Lesen Sie hier einen Auszug der deutschen Erstübersetzung. Mehr lesen

Katharina Hacker: Eine Dorfgeschichte

26.09.2011. Der Odenwald ist der Schauplatz von Katharina Hackers Erzählung "Eine Dorfgeschichte" aus der Zeit nach dem Krieg. Geheimnisse und Ängste trotzen der Sommerkindheitsidylle, wenn die Dorfbewohner und die Großeltern ihre Geschichten erzählen. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen

Christopher Hitchens: The Hitch

19.09.2011. In seiner Autobiografie erzählt Christopher Hitchens, wie aus einem britischen Trotzkisten ein amerikanischer Demokrat wurde und aus einem vehementen Vietnamkriegsgegner ein ebenso vehementer Befürworter des Irakkriegs. Auf den Vorwurf, ein Wendehals zu sein, antwortete er mit John Maynard Keynes: "Wenn sich die Fakten ändern, ändert sich auch meine Meinung - und wie steht's bei Ihnen, Sir?" Lesen Sie hier einen Auszug aus "The Hitch". Mehr lesen

Nellie Bly: Zehn Tage im Irrenhaus

12.09.2011. Nellie Bly war eine Pionierin des investigativen Journalismus und begab sich undercover 1887 in die Frauenpsychiatrie auf Blackwell's Island in New York. Wie sie das bewerkstelligte und was sie dort erlebte, können Sie in ihrem Bericht "Zehn Tage im Irrenhaus" lesen. Hier ein Auszug. Mehr lesen

Andrzej Stasiuk: Hinter der Blechwand

05.09.2011. Wladek und Pawel fahren durch die einsamsten Gegenden Südosteuropas, immer auf der Suche nach einem geglückten Geschäft. Doch auf den Second-Hand-Märkten und Basaren sind nicht die konkurrierenden chinesischen Händler die wahre Gefahr, sondern Menschenhändler. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman "Hinter der Blechwand" des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk. Mehr lesen

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