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zuletzt aktualisiert 11.02.2012, 14.01 Uhr

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Essay

Flickenteppich von Idiomen

Von Thierry Chervel

17.05.2004. Flickenteppich von Idiomen - Die europäische Öffentlichkeit hat Angst vorm Netz.

Viele halten das Internet für eine amerikanische Erfindung, auch in den USA selbst wird dieser Irrtum gerne gepflegt. Ein kurzer Rückblick auf die Geschichte dieser technologischen Revolution stellt ihn richtig. Der qualitative Sprung, der das Netz erst aus der Sphäre der Universitäten, der Computerfreaks und des Militärs heraushob, geschah in Europa. Der Brite Tim Berners-Lee erfand den html-Standard, der das Netz zum World Wide Web und es Millionen von Nutzern anschaulich und nutzbar machte. Der MP3-Standard, der Musikdateien auf ein Zwölftel ihrer Größe reduzierte und die Musikindustrie an den Rand des Abgrunds führte, wurde von einigen Forschern am Erlanger Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen entwickelt. Und schließlich könnte das Netz in seiner heutigen Form kaum existieren, wenn nicht der Finne Linus Thorvalds die Open Source-Software Linux begründet hätte. Diese Software konnte sich zwar nicht bei Personal Computern durchsetzen, wohl aber bei den Servern, also bei jenen Computern, die die Inhalte in das Netz einspeisen und es überhaupt erst zum Netz machen. Ohne Linux müsste die gesamte Netzbevölkerung Lizenzgebühren an Microsoft entrichten. Das Netz wäre allenfalls in rudimentärer Form entstanden.

Erst Europa also machte das Netz zum Massenmedium, und dennoch ist es alles andere als eine europäische Erfolgsgeschichte. Denn erstaunlicher Weise sind die authentischen Geschäftsideen, die sich mit dem Internet verbinden, allesamt in den USA entstanden. Yahoo ist nach wie vor das bedeutendste Eingangsportal ins Internet und bietet heute unendlich differenzierte und nützliche Dienstleistungen für Abermillionen von Kunden. Amazon hat nicht nur den Buchhandel, sondern unter der Hand und bis heute fast unbemerkt, auch die literarische Öffentlichkeit grundlegend verändert. Ebay stellt auf der ganzen Welt die bisherigen Usancen, die Vertriebsstrukturen und die Preise des Einzelhandels sowie die Kundenbeziehungen in radikaler Weise in Frage. Google ist heute fast synonym mit dem Internet und verbindet eine Monopolstellung a la Microsoft mit einem netten Image a la Apple.

Europa lieferte die kostenlosen Industriestandards für den fulminanten Aufstieg des Internets, aber erst die Amerikaner hatten die unwiderstehlichen Ideen für den Umgang damit. Es waren wohl die starren Konzern- und Machtstrukturen der europäischen Wirtschaft, die - trotz des Börsen- und Internetbooms vor vier Jahren - eine Entwicklung authentischer Internetideen in Europa so gut wie unmöglich machten. Exemplarisch hierfür steht das Versagen des Bertelsmann-Konzerns, eines der größten Medienkonzerne der Welt, im Internetbuchhandel: Während Jeff Bezos mit Amazon in einer kleinen Lagerhalle in Seattle angefangen hatte, investierte Bertelsmann von vornherein zwischen 150 und 300 Millionen Euro, um Amazon zu schlagen und zum internationalen Marktführer aufzusteigen. Aber Bol erreichte nie mehr als 20 Prozent des Amazon-Umsatzes. So lächerlich im nachhinein Thomas Middelhoffs Selbstinszenierung als Global Player erscheint, so kläglich war das Ende: Bertelsmann stellte den Internetbuchhandel ein und verkaufte Hunderttausende E-Mail-Adressen seiner deutschen Kunden für einen symbolischen Betrag an Thalia, seinen größten Konkurrenten im deutschen Buchhandel. Amazon.de war inzwischen aus dem Nichts zum größten Buchhändler Deutschlands aufgestiegen.

Diese europäische Unbeholfenheit im Umgang mit dem Internet lässt sich leider auch in den europäischen - oder zumindest westeuropäischen - Öffentlichkeiten wiederfinden, bis hinab in die exklusiven Zirkel der intellektuellen Öffentlichkeiten. Ganz anders als in den USA, wo die meisten Tageszeitungen kostenlos online bleiben, haben sich in Westeuropa viele Zeitungen inzwischen vom Internetpublikum verabschiedet. El Pais in Spanien, der Corriere della Sera in Italien, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und demnächst auch die Süddeutsche Zeitung in Deutschland stellen ihren Inhalt nur noch zahlenden Abonnenten zur Verfügung. Neue Leser wird man für das Printprodukt auf diese Weise kaum mehr gewinnen - denn die nachrückenden Leser sind allesamt so sehr ans Internet gewöhnt, dass sie auch nur Medien wahrnehmen werden, die dort in sinnvoller Weise präsent sind. So berechtigt die Weigerung ist, Inhalte, die man selbst teuer erarbeitet, kostenlos zur Verfügung zu stellen, so berechtigt ist die Frage, ob die kostenlose Präsentation der Inhalte den Zeitungen bisher wirtschaftlich schadete. Der eigentliche Angriff auf die Zeitungen kam zwar tatsächlich aus dem Internet, aber nicht über die Flanke der Inhalte, sondern über die der Stellen- und Immobilienanzeigen, die die Zeitungen kaum zurückgewinnen werden - hier ist das Internet einfach viel zu praktisch. Und hier haben die europäischen Medienkonzerne ihre Ignoranz des neuen Mediums am deutlichsten unter Beweis gestellt.

Die Politik der beleidigten Leberwurst, die viele Medienkonzerne auf die selbstverschuldete Hysterie des Booms und die Panik des Crashs folgen lassen, wird den Zeitungen und schon gar den Öffentlichkeiten jedenfalls nichts nützen.

Viel schlimmer, geradezu katastrophal ist die Lage bei den intellektuellen Öffentlichkeiten Europas, zumindest wenn man die Präsenz der Kulturzeitschriften zum Maßstab nimmt. Eklatant ist das Beispiel der italienischen Kulturzeitschrift Micromega, die zum Kristallisationspunkt der intellektuellen Opposition zur Berlusconi-Regierung wurde - und die bis heute auf jede Internetpräsenz verzichtet. Wie viel Kraft hätte es der Zeitschrift und den italienischen Intellektuellen geben können, wenn man sich hier der internationalen Öffentlichkeit geöffnet hätte! In Deutschland geben Zeitschriften wie die Lettre International, die Kommune, Merkur oder Literaturen einige Rudimente ihres Inhalts frei - aber auch in Deutschland wurden die Chancen, die das Netz bietet, bisher kaum genutzt. In Frankreich, deren Intellektuellenzeitschriften einst zu den Zentralorganen des Weltgeistes gehörten, hat Esprit nach langer Absenz eine Internetadresse vorgestellt, die vollgepflastert ist mit Warenkorb- und Eurozeichen - noch nicht einmal die Editorials der aktuellen Nummern, in der doch die Themenwahl beworben wird, darf man online kostenlos lesen. Zeitschriften wie Commentaire oder Le debat, die zu den besten intellektuellen Adressen in Frankreich zählen, schaffen es noch nicht einmal, ein verständliches Inhaltsverzeichnis ins Netz zu stellen. Hier begibt man sich mit Arroganz und Ignoranz freiwillig in die internationale Bedeutungslosigkeit.

Es scheint, als hätten die europäischen Medien Angst vorm Internet, als sähen sie nur die Risken, nicht aber die formidablen Chancen, die es bietet.

Im Jahr des EU-Beitritts von zehn weiteren Ländern suchen die europäischen Intellektuellen verzweifelt nach einer europäischen Öffentlichkeit, aber sie finden sie nicht. Die einzelnen Nationen - so viel gilt zumindest für Westeuropa - sind auf sich bezogen und positiv oder negativ auf Amerika fixiert. Ließe sich der kulturelle Einfluss Deutschlands auf Frankreich und umgekehrt messen, so müsste man wohl seit den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts einen drastischen Rückgang feststellen. Zugleich waren die großen europäischen Zeitungen noch nie in der Lage, Netzwerke zu bilden. Zaghafte Versuche wie Pierre Bourdieus "Liber" blieben im Frühstadium stecken. Vernetzt sind heute noch die Universitäten, aber ihnen fehlt das allgemeine Publikum. Und die Kulturzeitschriften agieren im Abseits und werden von den großen Zeitungen kaum mehr wahrgenommen.

Seine traurigste Verkörperung fand Donald Rumsfelds Wort vom "Alten Europa" vor kurzem im deutschen Professor Jürgen Habermas, der über das Instrument mehrerer großer europäischer Zeitungen seine "Kerneuropa"-Initiative gegen den Irak-Krieg und gegen das "Neue Europa" lancieren wollte. Seinen eigenen Artikel veröffentlichte er in der FAZ, Kollegen brachte er in der SZ, in El Pais und im Corriere unter. Keine dieser Zeitungen aber veröffentlichte diese Artikel im Netz. Ein interessierter Intellektueller in Madrid, Paris oder Berlin hätte sich zum Hauptbahnhof begeben und vier Zeitungen aus drei Ländern kaufen müssen. Einige Tage später war die Debatte vergessen.

Hätte Habermas ein paar tausend Euro investiert, um sich eine kleine Internetadresse zu bauen, hätte er seinen Artikel und die seiner Kollegen dort auch zugleich auf englisch publiziert, dann wäre die Sensation groß gewesen. Die Zeitungen wären gezwungen gewesen zu berichten. Sie hätten vielleicht mit eigenen Beiträgen in die Debatte eingegriffen. Zugleich hätte auf Kerneuropa.org auch das Publikum in Foren mitdiskutiert, und durch die englische Sprache hätte die gesamte internationale Öffentlichkeit partizipieren können.

Die europäischen Intellektuellen müssen konstatieren, dass Europa als Institution immer größere Macht gewinnt, während es als öffentlicher Raum kaum existiert. Zugleich aber hat sich die Öffentlichkeit im Internet längst globalisiert. Die Debatten nach dem 11. September haben es gezeigt. Die großen amerikanischen Medien stellten damals sehr viel Archivmaterial über Afghanistan, bin Laden und den Terrorismus online. Und wenn Arundhati Roy in Outlook India eine wütende Polemik gegen die Amerikaner veröffentlichte, dann wurde es dank neuer Internetdienste wie Arts & Letters Daily oder dem Perlentaucher von den europäischen Medien praktisch zeitgleich bemerkt.

Dieses Beispiel zeigt, dass aus der Perspektive des Internets der Gegensatz gar nicht zwischen Europa und Amerika liegt, sondern zwischen der englischsprachigen Öffentlichkeit und allen anderen Öffentlichkeiten. Ein Internetdienst wie Arts & Letters Daily, der die "Articles of Note" für seine tägliche Presseschau ausschließlich in Kulturzeitschriften und Qualitätsmedien sucht, kann auf Hunderte von Quellen zurückgreifen. Zu den "Articles of Note" gehörten in dieser Woche ein Artikel aus der englischsprachigen Ausgabe der arabischen Zeitung Al Ahram ebenso wie Artikel aus dem Guardian oder aus einer abgelegenen Zeitschrift eines amerikanischen Universitätsinstituts.

Auch in den englischsprachigen Ländern mag es Medien geben, die sich gegenüber dem Internet versperren, aber in der Regel gewähren amerikanische oder auch englische Zeitungen und Zeitschriften einen offeneren Zugang zu ihrem Inhalt, und dies, ohne dass sie gleich alles kostenlos hergeben. Die New York Times pflegt sogar einen der freiesten und nebenbei besten Internetdienste aller internationalen Qualitätszeitungen und macht damit nach eigenen Angaben sogar Gewinn. Auch amerikanische Kulturzeitschriften sind wesentlich freigiebiger mit ihrem Inhalt. Häufig haben sie Sponsoren. Ihnen liegt nicht in erster Linie am Verkauf ihrer Inhalte, sondern an ihrer Verbreitung in einer möglichst weiten Öffentlichkeit. Sie öffnen sich zudem einem Publikum, das sie zuvor kaum zur Kenntnis nahm und das sie heute häufig genug einfach über Google findet. Wenn Samuel Huntington in Foreign Policy über die mexikanische Minderheit in den USA schreibt, dann wird es am nächsten Tag in der FAZ, einer Zeitung, die sich selbst gegenüber dem Internet abschottet, vermerkt.

Die Tendenz zur englischen Sprache wird durch das Internet noch unwiderstehlicher. Sie wird auch die europäische Öffentlichkeit noch einmal nachhaltig verändern. Europa wird eine Entwicklung nachvollziehen, die in der Dritten Welt im Grunde schon abgeschlossen ist: Seine zentralen Debatten werden auf Englisch stattfinden, und es werden sich neue Medien und neue Netzwerke bilden, die diese Öffentlichkeit herstellen. Aus der Perspektive des Internets erscheint Europa als ein Flickenteppich von Identitäten und Idiomen, die anders als in den entsprechenden Flickenteppiche in Afrika oder Indien noch in scheinbarer Autonomie in sich ruhen.

Unheimlich ist dabei, dass gerade die beiden großen Länder "Kerneuropas", Deutschland und Frankreich, diese Entwicklung noch gerne ignorieren und lieber durch eine angebliche Globalisierungskritik ihr Beharren auf den alten Verhältnissen kaschieren. Die Globalisierungskritik verkennt, dass in dieser Tendenz zum Englischen auch gerade eine Chance liegt, zum Beispiel die Chance, in einem globalisierten Idiom eine regionale Differenz überhaupt erst zu markieren und zugleich die Kompatibilität mit allen anderen Identitäten zu suchen. Indien wäre gewiss nicht die größte Demokratie der Welt ohne die englische Sprache. Unheimlich ist aber auch, dass bisher nur eine einzige große Tageszeitung die Mittel in der Hand hält, mit einer englischsprachigen Zeitung eine europäische Öffentlichkeit herzustellen: die New York Times mit der International Herald Tribune.

*

Thierry Chervel, ehemals Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung in Paris, ist Mitbegründer des Internetmagazins perlentaucher.de. Der Text wurde für eine von Eurozine veranstaltete Tagung europäischer Kulturzeitschriften in Tallinn geschrieben.

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