Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Perlentaucher-Autoren
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Ich sah ihn ungläubig an. "Das ist ja entsetzlich!", sagte ich.
"Mumpitz", sagte er, "und es hat Ihnen Spaß gemacht, sich das anzuhören."
"Ich will nichts mehr trinken", sagte ich. "Ich habe genug."
"Dann können Sie mir dabei zusehen, wie ich trinke", sagte er.
"Ich will nicht", sagte ich. "Ich will gehen. Ich habe keine Lust, mit Ihnen zusammen zu sein. Ich weiß, dass es nicht sehr nett ist, das zu sagen, aber mir ist überhaupt nicht danach, nett zu Ihnen zu sein."
"Das brauchen Sie auch nicht", sagte er mit einem hintergründigen Lächeln. "Es spielt gar keine Rolle, was Sie sagen."
Während des Sprechens hatte ich mir erstaunt zugehört. Ich hatte noch nie zuvor mit jemandem so geredet; und für meine Unhöflichkeit hatte ich nicht einmal die Entschuldigung, betrunken zu sein.
Ich hatte schon meine Handtasche an mich genommen, bereit, ihn - zweifellos empört - sitzen zu lassen. Als ich jetzt seine Belustigung sah, fühlte ich mich hilflos. Es war mir also doch nicht gelungen, ihn vor den Kopf zu stoßen. Und so beschloss ich zu bleiben und sagte mir, dass ich es meinem Stolz schuldig sei, nicht eher zu gehen, als bis es mir gelungen sein würde, ihn aus der Fassung zu bringen.
Eine Zeit lang schwiegen wir uns an.
Dann sagte er: "Sehen Sie da drüben. Die zwei an der Bar. Neben der Tür."
Die zwei Männer, auf die er deutete, kehrten uns den Rücken zu. Sie waren beide mittleren Alters und beleibt. Sie saßen einander zugewandt und unterhielten sich angeregt, und währenddessen streckte einer von beiden langsam und in aller Ruhe die Hand aus, zog dem anderen den Geldbeutel aus der Manteltasche, hielt ihn sich hinter den Rücken, zog den Inhalt heraus, verstaute ihn in seiner Hosentasche und steckte dann den Geldbeutel ohne jede Eile wieder dahin, wo er hergekommen war - und das alles, ohne den Blick vom Gesicht des anderen zu wenden oder das Gespräch zu unterbrechen.
"O Gott!", rief ich aus. "So was habe ich ja noch nie gesehen!"
"Nicht?", sagte mein Begleiter.
"Sie müssen hingehen und es ihm sagen", sagte ich. "Das ist schockierend!"
"Überhaupt nicht", sagte er. "Das ist sehr komisch."
Ich sah ihn entgeistert an. Er war sichtlich äußerst amüsiert.
"Jetzt wollen wir gehen", sagte er.
"Oh, gut", sagte ich und stand schnell auf.
"Freuen Sie sich nicht zu früh", sagte er. "Noch lasse ich Sie nicht laufen. Sie finden mich sehr seltsam, nicht wahr?"
"Ja", sagte ich.
Ich war froh, die grünen Plüschstufen hinunterzugehen und wieder auf der Straße zu stehen, im vollen klaren Tageslicht und dem blassen Sonnenschein.
"Jetzt werde ich Ihnen meinen Garten zeigen", sagte er. "Zufällig wohne ich in einem Haus mit einem sehr hübschen Garten. Ich weiß, dass er Ihnen gefallen wird." Und dann fügte er, wieder mit seiner salbungsvoll deklamierenden Stimme, hinzu: "Etwas saubere Luft nach diesem Pfuhl der Verkommenheit!"
Ich lachte, um mein Unbehagen zu überspielen. Der Garten des Hauses, in dem er wohnte? Erst der Garten und dann das Haus und dann sein Zimmer und dann sein Bett. Aber das ist lächerlich, dachte ich. Er ist kein Major Carter.
Als habe er meine Gedanken erraten, fügte er hinzu: "Wir werden uns allerdings ein wenig beeilen müssen. Später werde ich zum Essen erwartet."
"Das ist mir ganz recht", sagte ich hastig. "Ich möchte auch früh nach Haus."
Wir gingen in Richtung Park Lane, und meine letzten Bedenken verflogen, als wir an einer Bushaltestelle stehen blieben. Wenn er kein Taxi nahm, dachte ich bei mir, konnte ihm nicht allzu viel an mir liegen - ihm ging?s nur darum, die Zeit bis zum Abendessen irgendwie totzuschlagen.
Im Bus setzte er sich neben mich, ohne mich zu berühren. Wir schwiegen während der ganzen Fahrt. Ich schaute dabei aus dem Fenster, und er beobachtete mich.
Wir stiegen in South Kensington aus, und nach einem kurzen Fußweg erreichten wir ein hohes graues gusseisernes Tor, dessen einer Flügel angelehnt stand, und traten in einen Garten, der mich hellauf entzückte.
Er war alt und altmodisch, verfallen und staubig, mit kreisrunden Blumenbeeten, die exakt in die Mitte jedes Rasenstücks gesetzt und mit weiß getünchten Bruchsteinen eingefasst waren. Die geschwungenen Wege waren dürftig bekiest, die Blumen welk, die Sträucher zerzaust, die hohen Bäume mit jämmerlich schütterem Laub bekrönt; selbst das Unkraut, das an den Rändern der Wege spross, sah matt aus.
Die tief stehende Sonne war hinter einer kleinen Wolkenbank versteckt. Die Luft war schwer und regungslos. Der Himmel hatte sich zugezogen.
"Er ist schön", sagte ich. "Hell und gepflegt wäre er schauderhaft. Diese Art von Garten braucht einfach eine gewisse nostalgische Verwahrlosung."
"Ich wusste, dass er Ihnen gefallen würde", sagte er.
Wir schlugen einen der Wege ein und gingen langsam nebeneinanderher. Er sah mich nicht an, er redete, und ich hörte nicht zu. Er wirkte langweilig und gewöhnlich, und ich fing auch schon an, mich zu langweilen, und konnte nicht begreifen, wie er es noch vor weniger als einer halben Stunde geschafft haben mochte, mich zu Unhöflichkeit und Wut zu reizen.
Die nächsten paar Schritte lang versuchte ich, mich auf seine Worte zu konzentrieren. Es ging irgendwie darum, dass er einmal während des Krieges zu einer Offiziers-Auswahlkommission gehört hatte. Er blieb stehen und wendete sich zu mir hin, und auch ich blieb stehen und sah ihn an. "Er hat wirklich seltsame Augen", dachte ich.
Er sagte gerade: "Es war die reinste Farce. Es gab einfach nicht mehr genügend geeignetes Offiziersmaterial. Die Befragungen wurden -" Er warf mich nicht hin, und er stieß mich nicht um. Er fasste mich um die Taille und an die Schultern und bog mich zurück. Ich hatte eine schreckliche Angst zu fallen, aber als ich eine kalte steinerne Oberfläche unter mir spürte, verscheuchte die überraschende Begegnung mit dem Stein meine Angst. Er legte mich hin; eine harte Kante schnitt mir in die Kniekehlen, während meine Füße noch immer den Boden berührten, und sobald ich vollkommen ausgestreckt war, war er in mir. Das Ganze hatte vielleicht vier Sekunden in Anspruch genommen. Es geschah rasch und beiläufig und mühelos und wirkte gleichzeitig schier unmöglich, wie jede virtuose Leistung. Und natürlich hätte das niemand eine Vergewaltigung nennen können; es fand kein Kampf und keine Gewaltanwendung statt, keine Bedrohung und keine Überwindung eines Widerstands. Ich war weder einverstanden noch abgeneigt. Ich war überhaupt nichts. Man hatte mir nicht die Wahl gelassen, eines von beiden zu sein. Als wir stehen geblieben waren, hatte ich nicht einmal gemerkt, dass hinter mir eine Steinbank war, und er hatte mitten im Satz aufgehört zu sprechen.
So hingestreckt auf der kalten harten Oberfläche fühlte ich mich vollkommen hilflos. Ich hatte mich in meinem ganzen Leben noch nicht so hilflos gefühlt.
Mit freundlicher Genehmigung des Claassen-Verlages
Mehr Informationen zum Buch und zur Autorin hier.
Archiv: Vorgeblättert
Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Band 3
07.05.2012. Der Band 3 der Edition "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" dokumentiert die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren seit März 1939 und im Deutschen Reich vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zum September 1941. Lesen Sie hier einige Dokumente. Mehr lesen
Goncalo M. Tavares: Die Versehrten
19.04.2012. Mylia trotzt seit Jahren den Prognosen der Ärzte über ihren bevorstehenden Tod; Ernst, ihr ehemaliger Geliebter, ist seit seinem Aufenthalt in der Nervenklinik ein gebrochener Mann, und Hinnerk ist ein vom Krieg Gezeichneter. In einer schicksalhaften Nacht treffen all diese Personen aufeinander. Hier eine Leseprobe aus Goncalo M. Tavares' Roman "Die Versehrten". Mehr lesen
Laszlo Vegel: Sühne
12.04.2012. Ausgehend vom Vielvölkerstaat Jugoslawien beginnt László Végel eine Erkundung Europas und macht sich auf die Suche nach einem Ort, an dem eine sinnvolle Existenz möglich ist. Im Mittelpunkt der Vermessung der europäischen Möglichkeiten steht der wiederaufkommende Faschismus in Südosteuropa. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Sühne". Mehr lesen
David van Reybrouck: Kongo - Eine Geschichte
05.04.2012. Der belgische Autor David van Reybrouck erzählt die Geschichte des Kongo aus der Sicht seiner Bewohner: von der blutigen Kolonialherrschaft der Belgier, der Mobutu-Diktatur bis hin in die Gegenwart. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Kongo - Eine Geschichte". Mehr lesen
Abdellah Taïa: Der Tag des Königs
15.03.2012. Der marokkanische Autor Abdellah Taïa erzählt von den beiden ungleichen Freunden Khaled und Omar. Khaled kommt aus einer reichen Familie, er darf dem König die Hand küssen. Omar ist arm, seine Mutter hat die Familie verlassen, der Vater ist ein gebrochener Mann. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman "Der Tag des Königs". Mehr lesen
Alice Munro: Was ich dir schon immer sagen wollte
08.03.2012. Die neuen Erzählungen von Alice Munro "Was ich Dir schon immer sagen wollte" sind von 1974 und immer noch und immer wieder so betörend wie aktuell. Lesen Sie hier die Geschichte "Wie ich meinen Mann kennenlernte". Mehr lesen
György Dalos: Der Fall des Ökonomen
05.03.2012. György Dalos erzählt die Geschichte von Gábor Kolozs, eines nicht weiter gefragten Ökonomen, der in Moskau studierte. Und wie es dazu kam, dass er den Tod seines Vaters verschweigt, um nicht auf dessen Wiedergutmachungsrente als Holocaust-Überlebender verzichten zu müssen. Lesen Sie den Anfang von "Der Fall des Ökonomen". Mehr lesen
Ina Hartwig: Das Geheimfach ist offen
01.03.2012. "Das Geheimfach ist offen", im wahrsten Sinne des Wortes. Ina Hartwigs Blick auf SchriftstellerInnen und ihre Werke ist analytisch und sehr persönlich. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Sammelband ihrer Literaturkritiken, das Lektüreprotokoll "Obsession der Schläge" über Georges-Arthur Goldschmidt (siehe auch "Vorgeblättert" vom 27.2.). Mehr lesen
Georges-Arthur Goldschmidt: Ein Wiederkommen
27.02.2012. In Paris angekommen und in Sicherheit erinnert sich Georges-Arthur Goldschmidt alias Arthur Kellerlicht an seine Kindheit, seine Flucht als 10-Jähriger aus Deutschland 1938, an die Zeit im Internat während des Krieges und an die Strafen für fast alle Lebensäußerungen. Lesen Sie hier den Beginn der Erzählung "Ein Wiederkommen". Mehr lesen
Mohammed Hanif: Alice Bhattis Himmelfahrt
23.02.2012. Alice, die junge Krankenschwester im Herz Jesu Krankenhaus, und Teddy, der junge Taugenichts, verlieben sich ineinander. Das Leben ist schon schwer genug in Karatschi, ohne dass es auch noch unterschiedlicher Religionen bedürfte. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Roman von Mohammed Hanif: "Alice Bhattis Himmelfahrt".
Mehr lesen
F.C. Delius: Als die Bücher noch geholfen haben
20.02.2012. Friedrich Christian Delius erzählt in seinen biografischen Skizzen "Als die Bücher noch geholfen haben" auch ein Stück Literaturgeschichte der Bundesrepublik, von Treffen mit Kollegen in Ostberlin, wie Bücher durch die Mauer geschmuggelt wurden, von den Grabenkämpfen der Linken und seiner Arbeit als Lektor. Lesen Sie hier, warum F.C. Delius kein Kritiker wurde und warum er 1966 in Princeton schwieg. Mehr lesen
Joachim Kalka: Die Katze, der Regen, das Totenreich
16.02.2012. Joachim Kalka sinniert über das Leben und seine unwiderstehlichen Seiten, etwa den Dialog: "Wir möchten Brautbilder haben ... - Wie viel? - Ein halbes Dutzend bitte. - Soviel wern ma gar net ham (Nimmt Bilder und zeigt sie her). - Von uns wollen wir doch Bilder haben, das sind wir ja gar nicht. - A so, von eahna wollens welche ham, ja de müssten aber extra angefertigt werden ... Diese Firmlingsbilder wern sehr gern gekauft - oder soll's was in Uniform sein?..." - Lesen Sie hier einen Auszug aus "Die Katze, der Regen, das Totenreich". Mehr lesen
Tamta Melaschwili: Abzählen
13.02.2012. Gewitzt muss man sein, wenn man in Kriegszeiten nicht nur überleben, sondern auch noch Zigaretten und Klamotten will, wie die jungen Mädchen Ninzo und Zknapi im Debütroman der georgischen Autorin Tamta Melaschwili. Lesen Sie hier den Anfang. Mehr lesen
Joan Didion: Blaue Stunden
09.02.2012. In "Blaue Stunden" erinnert sich die amerikanische Autorin Joan Didion an ihre Tochter, daran, wie es war, sie aufwachsen zu sehen und Abschied zu nehmen, als sie mit 39 Jahren starb. Es ist eine persönliche Bilanz über Erinnerung und Alter. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen
Maria Sonia Cristoff: Unbehaust
06.02.2012. Würden sich die Tiere an das erinnern, was der Mensch ihnen zumutet, wären wir (die Menschen) vom Aussterben bedroht. Lesen Sie hier einen Auszug aus Maria Sonia Cristoffs Geschichten zur unwahrscheinlichen Beziehung von Mensch und Tier: "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Mehr lesen








