Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 21.05.2012, 09.51 Uhr

Bücherschau der Woche

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Literaturbeilagen

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Vorgeblättert

Stefan Müller-Doohm: Adorno, Teil 1

04.08.2003.

DRITTER TEIL. EMIGRATIONSJAHRE
Moralisch empfindsam in unmoralischen Zeiten


"Was wäre Glück, das sich nicht
mäße an der unmeßbaren Trauer
dessen was ist? Denn verstört
ist der Weltlauf. Wer ihm
vorsichtig sich anpaßt, macht
eben damit sich zum Teilhaber
des Wahnsinns, während erst der
Exzentrische standhielte und
dem Aberwitz Einhalt geböte."(606)


Mit der Aufgabe ihrer Neutralitätspolitik Ende 1940 reagierte die amerikanische Regierung auf die Bedrohung ihrer nationalen Interessen durch die Aggressorstaaten Deutschland, Italien und Japan. Am 22. Juni 1941 hatte die deutsche Wehrmacht unter Einsatz von etwa 57 Prozent des Feldheeres und 2000 Kampfflugzeugen den Angriff auf die Sowjetunion eröffnet, ohne daß eine Kriegserklärung erfolgt war. Gleichfalls ohne Kriegserklärung griffen die Japaner als Reaktion auf das amerikanische Ölembargo im Dezember die vor Pearl Harbor ankernde amerikanische Pazifikflotte an. Neben erheblichen Verlusten an Kriegsschiffen und Flugzeugen wurden fast 3000 Soldaten getötet. Seitdem war das amerikanische Volk von einer Welle des Patriotismus ergriffen und bereit für den Krieg. "Die liberale Linke konnte nun gegen die Faschisten mobil machen, die xenophobische Rechte gegen die Japaner, die Arbeiter fanden Arbeit, die Unternehmer Aufträge, pro-britische Südstaatler erneuerten ihre militärische Tradition".(607) Als die USA im Dezember 1941 in den Krieg eintraten und ihren machtpolitischen Führungsanspruch erneuerten, nahm der europäische Krieg die Dimension eines Weltkrieges an.(608)
Diese dramatische Entwicklung der internationalen Konflikte hatte direkte Folgen für die deutschen Flüchtlinge in Amerika, und damit auch für jene, die sich in Los Angeles niedergelassen hatten. Da sich die Region um Hollywood zum zweitgrößten Emigrationszentrum innerhalb der USA entwickelt hatte, waren Kampagnen gegen die Überfremdung dort nichts Neues. Aber daß die Refugees in der Folge des Kriegseintritts Amerikas zu "enemy aliens" erklärt und entsprechend behandelt wurden, stellte eine neue Qualität fremdenfeindlicher Maßnahmen dar, die von der politischen Administration ausgingen und schließlich vom Antinazismus zum Antikommunismus führten, verbunden mit der ideologisch-propagandistischen Formel, die Grundlagen der westlich-demokratischen Zivilisation stünden auf dem Spiel. Insofern war Adornos Befürchtung nicht unberechtigt, daß die deutschen Emigranten der Westküste interniert werden könnten, wie das in Frankreich und in England der Fall war oder wie es den in Amerika lebenden Japanern widerfuhr. Gerade diejenigen, die ihre Einbürgerung noch nicht erreicht hatten, wurden durch eine administrativ verfügte Ausgangssperre, den 'curfew', in ihrer Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt. Seit auch im Bundesstaat Kalifornien der militärische Ausnahmezustand verhängt worden war, durften die "enemy aliens" nach acht Uhr abends und vor sechs Uhr morgens ihre Wohnungen nicht verlassen; es war ihnen verboten, sich weiter als fünf Meilen von ihren Wohnungen oder Häusern zu entfernen. Danach hatte sich auch der Emigrant Adorno zu richten, der erst im November 1943 sein 'Certificate of Naturalization' erhielt und damit als Name zugleich Theodor Adorno formell eintragen ließ.(609) Max Horkheimer stellte in seinen "Betrachtungen zum Curfew" fest, die er 1942 in der führenden Exilzeitschrift Aufbau publizierte, angesichts der Restriktionen gegenüber Ausländern überfalle "den vereinsamten Emigranten [. . .] das Grauen."(610) Zu diesem Gefühl hatte Adorno konkreten Anlaß, denn im Sommer 1942 kontrollierten Polizeibeamte in der South Kenter Avenue, ob er und seine Frau sich an die Vorschriften hielten und sich zu den vorgegebenen Uhrzeiten tatsächlich in der Wohnung aufhielten. In einem Brief an seine Eltern beklagte er sich über die Situation, die einem völligen Eingesperrtsein gleichkomme. Die Spazierfahrten mit dem Auto, die er und Gretel sich zur Gewohnheit gemacht hatten, mußten sie vorerst aufgeben. Und wegen der bevorstehenden Rationierung von Benzin sei für unabsehbare Zeit eine weitere Immobilität und Isolierung zu befürchten. Völlig unverständlich sei ihm, daß ausgerechnet die zuverlässigsten Hitlerfeinde derart unter den Restriktionen zu leiden hätten.
Als kleines, aber durchaus patriotisch gemeintes Zeichen der Solidarität mit der amerikanischen Nation, die im Kampf gegen Hitler stand, spendete Adorno des öfteren Blut; wie er seinen Eltern mitteilte, erhielt er dafür eine kleine Auszeichnung. Aber es gab auch Bedeutenderes, was Adorno aus Santa Monica schrieb. Leo Löwenthal, der in New York seine eigenen Eltern mit den Wiesengrunds bekannt gemacht hatte, ermahnte Adorno, regelmäßig und "more cheerful" zu schreiben, das sei sein "bescheidener Rat".(611) Entsprechend dieser gutgemeinten Empfehlung, der es eigentlich nicht bedurft hätte, berichtete der bald vierzigjährige Sohn in seinen regelmäßigen Briefen an die Eltern ausführlich über den aktuellen Stand seiner Arbeiten mit Horkheimer, über die Seminare, die einige in Kalifornien anwesende Institutsmitglieder in wechselnden Zusammensetzungen etwa mit Bertolt Brecht, Hanns Eisler, Eduard Steuermann, Günther Stern (Anders), Ludwig Marcuse, Hans Reichenbach etc. durchführten. Auch von den Besuchern, die Adorno und seine Frau in der Wohnung ihres hübsch gelegenen Hauses empfingen, war häufig die Rede, etwa von der "bildschönen" Geigerin Lisa Minghetti, ihrem Mann und ihrem Vater, mit ihnen habe man im privaten Rahmen Bach, Beethoven und Debussy gespielt. Adorno drückte brieflich sein Bedauern aus, daß er nicht mit seiner eigenen Mutter musizieren konnte, der "leidenschaftlichen Nilstute", wie er sie liebevoll zu titulieren pflegte. Als es wiederum um das Thema Musik ging, ließ sich Adorno lobend über den Klarinettisten Benny Goodman aus, der nicht nur ein begabter Swing-Musiker sei (sic!), sondern im Rahmen eines Kammerensembles gute klassische Musik vorgetragen habe.(612)
Zufriedenheit mit der Lebenssituation trotz der aktuellen kriegsbedingten Einschränkungen kam auch im Schreiben an Horkheimer vom September 1942 zum Ausdruck, dem er nach New York berichtete, daß er statt mit ihm nun mit dessen Frau Maidon und Gretel ins Kino gehen wolle. Im übrigen finde hier in Santa Monica ein "reges Leben und Treiben" statt, "which we thoroughly enjoy".(613) Mit der gleichen Genugtuung stellte Adorno im Brief vom September 1942 an die Eltern fest, er und Gretel seien bereits nach der kurzen Zeit ihres Hierseins fester Teil der Hollywood-Gesellschaft.(614) Die Bekanntschaft mit Thomas Mann, der ja ganz in der Nähe von Horkheimers Domizil wohnte, habe er bereits gemacht. Im Hause von Salka und Berthold Viertel war er Greta Garbo begegnet. Sie sei "nett und hübsch, wenn auch keine Groß-Intellektuelle", glaubte er an Horkheimer weitergeben zu müssen.(615) Hat das Treffen beim Nachmittagstee Adorno zu einer aphoristischen Notiz inspiriert? Unter der von Maupassant inspirierten Überschrift "L?inutile beaute" notierte er: "Frauen von besonderer Schönheit sind zum Unglück verurteilt."(616) Entweder müßten sie ihre Attraktivität geschickt gegen Reichtum eintauschen oder würden sich an den Nächstbesten binden, aber in der sicheren Erwartung, jederzeit wieder die Wahl zu haben. "Gerade daß sie einmal hors de concours waren, bringt sie ins Hintertreffen der Konkurrenz, die sie nun manisch betreiben. Der Gestus der Unwiderstehlichkeit bleibt übrig, während diese schon zerging; Zauber zerfällt, so bald er, anstatt bloß Hoffnung darzustellen, sich häuslich niederläßt."(617)
Auch Adorno und seine Frau empfingen in ihrer Wohnung häufig Gäste. So hatten sie eine große Gesellschaft zu Ehren von Davidson Taylor, dem Programmdirektor von CBS, dann zu Ehren des Schauspielers Alexander Granach, der unter Ernst Lubitsch und Fritz Lang arbeitete(618) und an diesem Abend aus seiner Autobiographie vorlas. Hanns Eisler war ebenso zu Besuch wie Lotte Lenya, Katia und Thomas Mann, Charlotte und Wilhelm Dieterle. Adorno durchschaute die Oberflächlichkeit der society. "Daß das sich selbst veranstaltende Leben nicht das Mehr als Leben sei, kommt zutage an der Langweile der Cocktail Parties und der Weekend-Einladungen auf dem Lande, des für die ganze Sphäre symbolischen Golfs und der Organisation von Social Affairs - Privilegien, an denen keiner rechten Spaß hat und mit denen die Privilegierten nur noch sich darüber betrügen, wie sehr es im glücklosen Ganzen auch ihnen an der Möglichkeit von Freude mangelt."(619) Seinen Eltern gegenüber erklärte Adorno, durchaus Distanz zur Society zu halten, denn die sozialen Kontakte seien keineswegs so interessant wie die philosophische Arbeit, die für ihn ganz im Vordergrund stehe. Entsprechend umfangreich waren die brieflichen Berichte über jenen "heiligen Text", den er mit Horkheimer schrieb sowie über die Antisemitismusstudien.(620) Auch auf die in der Zeitschrift Aufbau am 2.10.1942 veröffentlichte kleine Auswahl von "Traumprotokollen" ging Adorno ein. Es seien ganz getreue Aufzeichnungen seiner eigenen Träume, die er unmittelbar nach dem Erwachen jeweils angefertigt habe. Er verfüge über eine große Anzahl solcher Traumprotokolle. (621) Bei den drei veröffentlichten Texten handelte es sich um reine Beschreibungen manifester Trauminhalte, zumeist grotesker Szenen, einer Mischung aus kulturellen Beständen, biographischen Elementen und Tagesresten. Der Autor verzichtete so gut wie auf jeden Ansatz einer Deutung, gar einer psychoanalytischen:

Wir gingen, Agathe, meine Mutter und ich, auf einem Höhenweg von rötlicher Sandsteinfarbe, wie sie mir von Amorbach vertraut ist. Aber wir befanden uns an der Westküste Amerikas. Links in der Tiefe lag der Stille Ozean. An einer Stelle schien der Fußweg steiler zu werden oder nicht weiterzugehen. Ich machte mich daran, rechts durch Felsen und Gestrüpp einen besseren zu suchen. Nach wenigen Schritten kam ich auf ein großes Plateau. Ich dachte, nun hätte ich den Weg gefunden. Aber bald entdeckte ich, daß überall die Vegetation die steilsten Abstürze verdeckte und daß keine Möglichkeit war, auf die Ebene zu kommen, die sich landeinwärts erstreckte und die ich irrtümlich für einen Teil des Plateaus gehalten hatte. Dort sah ich, beängstigend regelmäßig, Gruppen von Menschen mit Apparaten verteilt, Geometer vielleicht. Ich suchte den Pfad zurück auf den ersten Weg, fand ihn auch. Als ich bei meiner Mutter und Agathe ankam, kreuzte lachend ein Negerpaar unseren Weg, er in breit karierten Hosen, sie in grauem Sportkostüm. Wir gingen weiter. Bald begegnete uns ein Negerkind. Wir müssen nahe bei einer Siedlung sein, sagte ich. Da waren einige Hütten oder Höhlen aus Sand oder in den Berg eingesprengt. Durch eine führte ein Torweg. Wir schritten hindurch und standen, vor Glück erschüttert, auf dem Platz der Residenz zu Bamberg. - Das Miltenberger Schnatterloch.(622)
---------------------------------------

(606) Adorno, Minima Moralia, GS 4, S. 228.
(607) Raeithel, Geschichte der Nordamerikanischen Kultur 3, 1995, S. 146.
(608) Vgl. Sirois, Zwischen Illusion und Krieg, 2000, S. 229 ff.
(609) Seinen Eltern gegenüber brachte Adorno sein Bedauern zum Ausdruck, daß er auf den Namen Wiesengrund, ja selbst auf das W. verzichten müsse und auch seinen zusätzlichen Vornamen Ludwig nicht führen könne. Vgl. Brief von Adorno an seine Eltern vom 20.12.1943. Adorno, Briefe an die Eltern 1939-1951, 2003, S. 232.
(610) Horkheimer, Einige Betrachtungen zum Curfew,GS 5, S. 252 ff. Zur Exilzeitschrift
Aufbau vgl. Radkau, Die Deutsche Emigration in den USA, 1971, S. 126 ff.
(611) Brief von Löwenthal an Adorno vom 14.4.1942. Horkeimer-Pollock-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt a.M.
(612) Vgl. Adorno, Briefe an die Eltern 1939-1951, 2003, S. 105 ff.
(613) Horkheimer, Briefwechsel, GS 17, S. 335.
(614) Vgl. Adorono, Briefe an die Eltern 1939-1951, 2003, S. 163 ff
(615) Brief von Adorno an Horkeimer vom 9.2.1944. Horkheimer-Pollock-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt a.M.
(616) Adorno, Minima Moralia, GS 4, S. 194.
(617) Ebd., S. 194 f.
(618) In dem Film
Hangman also Die, an dem Brecht mitgewirkt hatte, spielt er den Kommissar Gruber.
(619) Adorno, Minima Moralia, GS 4, S. 216.
(620) Vgl. Adorno, Briefe an die Eltern 1939-1951, 2003, S. 186 ff.
(621) Derartige Traumprotokolle hatte Adorno sein Leben lang angefertigt; nur ein Teil ist veröffentlicht (vgl. GS 20.2., S. 572 ff.), weitere sind im Theodor W. Adorno Archiv Frankfurt a.M. aufbewahrt.
(622) Adorno, Traumprotokolle, GS 20.2., S. 574 f.

Teil 2

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