Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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Klappentext
Aus dem Englischen von Friedrich Griese. An einem Sommertag im Juli 1941 ermordeten christliche Bewohner des polnischen Städtchens Jedwabne ihre jüdischen Nachbarn, 1600 Männer, Frauen und Kinder. Sechs Jahrzehnte lang waren die grausamen Ereignisse dieses Tages fast vergessen. Jetzt hat der Historiker Jan T. Gross darüber ein Buch geschrieben und damit die größte intellektuelle Debatte der polnischen Nachkriegsgeschichte ausgelöst.
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.09.2001
Helga Hirsch setzt sich sehr kundig mit dem Buch von Jan Tomasz Gross über den Massenmord an den Juden des ostpolnischen Städtchens Jedwabne im Juli 1941, bei dem nach Schätzungen des Autors ungefähr 1600 Menschen starben, auseinander. Das Buch löste nach seinem Erscheinen im Frühjahr 2000 in Polen einen Schock aus, berichtet die Rezensentin. Auch wenn die Opferzahlen von Gross nach den jüngst angestellten Exhumierungen der Massengräber nach unten korrigiert werden müssen und die Stichhaltigkeit einzelner Fakten in Gross' Bericht kritisiert wird - für die Rezensentin ist das Buch ein wesentlicher und wichtiger Beitrag zur Korrektur in der Geschichtsschreibung und für eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem historischen und aktuellen Antisemitismus in Polen. Schade findet Hirsch allerdings, dass der Autor das Erscheinen der deutschen Ausgabe nicht zum Anlass genommen hat, die Debatte über und die Kritik an seinem Buch sowie berechtigte Korrekturen einzuarbeiten. An der so erhellenden wie erschreckenden grundlegenden Aussage, dass nicht nur Kriminelle und Kollaborateure an der Judenverfolgung beteiligt waren, sondern auch "ganz normale Männer", hätte das sicher nichts geändert, ist Hirsch überzeugt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.09.2001
Gross' Studie über die Beteiligung der polnischen Bevölkerung am Pogrom von Jedwabne hat in Polen selbst heftige Reaktionen ausgelöst. Neuerdings werden seine Behauptungen wieder in Zweifel gezogen - der Rezensent Christoph Gerlach jedoch verteidigt das Buch im großen und ganzen. Gegen die drastischen Schilderungen der Vorgänge, etwa, hat er nichts einzuwenden, sie verdeutlichten, dass "dies kein irgendwie relativierbarer Vorfall war". Gross' Interpretation der Geschehnisse teilt Gerlach nicht in jedem einzelnen Punkt - manchen Aussagen der Täter gegenüber zum Beispiel ist er ihm "zu unkritisch" -, weist jedoch auf die allgemein schlechte Quellengrundlage hin. Einen Hauptmangel in den Erklärungsversuchen von Gross macht er aber aus: dessen Totalitarismuskonzeption blendet den nach Gerlachs Ansicht als Voraussetzung überaus wichtigen "Nationalismus" fast vollständig aus. Lesen, so sein Fazit, sollte man das Buch trotzdem.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.09.2001
Kritisch und betroffen äußert sich Thomas Sandkühler in einer langen, fachkundigen Besprechung über die Neuerscheinung des exilpolnischen Historikers Jan T. Gross. Dieser Essay thematisiert die Pogrome, die polnische Bürger (nach Gross polnisches "Lumpenproletariat") im Sommer 1941 an ihren jüdischen Mitbürgern in mehreren Städten (Wasosz, Radzilow, Jedwabne) verübten. Die Aktionen hatten einen spontanen Charakter, geschahen jedoch auf Betreiben des Chefs des Reichssicherheitshauptamtes Heydrich, wie der Leser erfährt. Gross fällt nun das Verdienst zu, die polnischen Pogrome des Sommers 1941 publik gemacht zu haben. Nach Meinung des Rezensenten jedoch mit dem Mangel, dass er sich "überwiegend auf Augenzeugenberichte und Vernehmungen, aber nicht auf deutsche Akten stützt." Seine Grundaussage, dass die Juden polnischen Mördern zum Opfer fielen und dass ein polnischer "Antisemitismus, ein Konglomerat aus katholisch-klerikaler Judenphobie und Schuldabwehr" sich im Stalinismus ungebrochen fortgesetzt habe, hat in Polen heftige Auseinandersetzungen hervorgerufen. Dass der Historiker Musial ihn gar als "polnischen Goldhagen" bezeichne, sei höchst ungerecht: Gross' hauptsächliches Thema sei die "totalitäre Deformation von Gesellschaften und deren Folgen."
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.09.2001
Thomas Urban lässt die kurze, aber heftige Rezeptionsgeschichte des Buches Revue passieren, um alsbald auf die kursierenden Zweifel an seiner Quellentreue zu sprechen zu kommen: Nicht nur stößt Urban überall auf "dünne Belege", auch die Auswahl findet er mehr als fragwürdig: "Gross hat alles ignoriert, was seine Hauptthese in Frage stellt ... unzutreffende Aussagen, Übertreibungen und Gerüchte mit zweifelsfrei korrekten Schilderungen vermischt." Die genannte Zahl von ca. 1500 Tätern (nahezu die gesamte katholische Bevölkerung Jedwabnes), die den Proteststurm in Polen vor allem ausgelöst hat, wie es heißt, nennt der Rezensent unter Berücksichtigung der Aussagen Überlebender eine "maßlose Zuspitzung". Schließlich bringt Urban noch jene neuen Dokumente und Erkenntnisse (inzwischen wurden rund 100 aus deutschen Waffen stammende Patronenhülsen an der Stelle des Massengrabes gefunden) zur Sprache, die der Autor sich weigerte, in die deutsche Ausgabe des Buches einzuarbeiten. Er gibt insgesamt ein reichlich düsteres Fazit. Mit einem Tropfen Lobes allerdings: Das Verdienst, "eine für die polnische Gesellschaft schmerzhafte, aber notwendige Gewissensforschung angestoßen zu haben," will Urban dem Autor trotz allem zugestehen.
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