Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Wulf Kirsten

Die Prinzessinnen im Krautgarten

Eine Dorfkindheit. Erzählungen

Cover: Die Prinzessinnen im Krautgarten

Ammann Verlag, Zürich 2000
ISBN-10 3250600296
ISBN-13 9783250600299
Gebunden, 220 Seiten, 18,41 EUR

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Klappentext

Die Prinzessinnen im Krautgarten sind Erinnerungen an seine Kindheit, die Wulf Kirsten in der Gemeinde Klipphausen im Landkreis Meißen verlebt hat, und Kirsten erzählt diese Dorfkindheit während der letzten Kriegsjahre, die im Tal der Wilden Sau vielerlei Überraschungen für ihn bereithielt, mit Poesie und Witz und leiser Melancholie. Die Kunst seiner Prosa evoziert für den Leser eine Welt und eine Landschaft, die heute verschwunden sind. »Wieviel mal mehr fühlten wir Häuslerkinder uns als die wahren Herrscher über alles, was die Ländereien der Prinzessinnen rainte und steinte. Samt Wegen und Stegen wie all ihren Fuhrwerken und erst recht den hundsordinären Kutscherflüchen, die unsere Ohren erreichten.«

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2001

Noch vor die "meisterhafte Darstellung" und Kirstens "sensible Sprache" möchte Rezensent Hans-Herbert Räkel als Hauptqualität dieses "bescheidenen, aber unbestechlichen" Romans dessen "Grundehrlichkeit" setzen . Seinen Titel findet Räkel "wohl absichtlich irreführend". Den Untertitel "Eine Dorfkindheit" viel zutreffender, denn darum handele es sich hier. Erst ein paar Zeile später räumt er auch die Berechtigung des märchenhaften Titels ein. Denn hier gehe es um eine "versunkene, überrollte, zugeschüttete Wirklichkeit", der nichts anderes übrig geblieben sei, als "zum Märchen zu mutieren". Eine Kindheit vor, während und nach dem 2. Weltkrieg. Trotzdem habe Kirsten versucht, "prinzipiell" der Wirklichkeit den Vortritt zu lassen. Kapitel für Kapitel behutsam kommentierend, arbeitet sich der Rezensent sich durch diese Kindheits- und Jugendgeschichte. Er ist hingerissen von der "meisterhaften Sprache", von Kirstens Strenge und seinem sicheren Gefühl für das Angemessene. Räkel begleitet Kirstens "Früh-Ich" bis dem Schriftsteller in diesem "fremden Kind, dass er einmal war", der Zeuge abhanden kommt, weil aus dem Kind der erwachsene Kirsten geworden ist. Eine "Erinnerungshilfe" für die Generation seiner Altersgenossen sei Kirstens Buch, eine "Entdeckungsreise" für Jüngere ins Land der Väter und Mütter.

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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.01.2001

Den Georg-Büchner-Preis hätte Wulf Kirsten nach Meinung von Klaus-Michael Gauss schon längst verdient. Wenn auch die vorliegenden Kindheitserinnerungen nach Ansicht des Rezensenten "nicht sein bedeutendstes" Buch sind, so seien sie ein "sehr persönliches" Werk, das wieder einmal die "Qualitäten dieses (...) Autors unter Beweis stellt." Neben Einblicken in die archaische Welt eines Dorfes in Sachsen zwischen 1939 und 1947 erweist sich auch hier nach Meinung des Rezensenten der Autor ein weiteres Mal als "Chronist des verschollenen Alltags". Dies trifft insbesondere auf den Gebrauch längst vergessener Worte zu, die zum Beispiel Menschen beschreiben, "die man nur als `Büttler`, `linkische Runks` oder `Benimmse` bezeichnen kann." Einzig beklagenswert findet der Rezensent, dass leider niemand auf ihn hört, wenn es um die Verleihung des Büchnerpreises geht, denn den hätte Kirsten, wie wir schon erfahren haben, längst verdient.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2000

Jürgen Verdofsky erfreut sich an der `quellschönen Sprache` von Wulf Kirsten, Jahrgang 1934, der seine Kindheit auf einem Dorf bei Dresden zunächst als arme aber heile Welt erzählt, die dann unter dem brutalen Diktat der Nazis leidet, unter der Invasion der Roten Armee zerbricht und sich unter dem neuerlichen Diktat derselben Nazis in anderer Uniform nicht mehr wiederherstellen lässt. Weder das traumatische Erlebnis des Krieges noch die Kindheitsperspektive geraten Kirsten stilisiert, lobt Verdofsky. Vielmehr gebe der Autor `reale Kindheitsszenen` wieder, rücke zurecht, was sonst nicht aufgefallen sei. `Die Erinnerung hat mitgedichtet` analysiert Verdofsky Kirstens Sprache, fühlt sich aber nicht durch eine `Gemütswucht` der authentischen Erlebnisse des Dichters bedrängt.

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2000

Wieder ein kleines, aber dadurch nicht weniger interessantes Mosaiksteinchen aus der deutschen Vergangenheit, geprägt von unverwechselbarem Lokalkolorit und vielleicht durch seine Einfachheit und scheinbare Bedeutungslosigkeit an Bedeutung gewinnend, so stellt Stephan Reinhardt uns den neuen Roman von Wulf Kirsten vor. Die Rezension gibt Einblick in die Vorgehensweise des Autors, der seine Kindheit auf einem Dorf bei Meißen beschreibt. Das Bemühen um Genauigkeit, so erfährt der Leser, begnügt sich nicht mit der eigenen Erinnerung. Sie schließt Befragungen anderer ein, und wo das eigene Gedächtnis oder das der Befragten versagt, werden vorsichtige Vermutungen angestellt. Reinhardt vermittelt, dass es sich bei Kirsten um einen wichtigen Zeitzeugen handelt, der nicht nur Ereignisse, sondern auch regionale sprachliche Besonderheiten für die Nachwelt aufbewahrt, die anders verschütt gegangen wären. Er bedauert, dass die Erinnerungsarbeit dieses `bedächtigen, wortmächtigen - an Bobrowski und Huchel geschulten - Erzählers` nicht auch die Jahre 1946/47 einschließt.

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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2000

Die Prinzessinnen des Titels sind zwei ältliche adelige Fräulein, denen das Herrschaftshaus gehört, an dessen Rande der Autor als `Häuslerkind` aufgewachsen ist, schreibt Beatrice von Matt. Seine Art des Besitzens ist anders, und damit ist ihm bis heute, da er sich als `Ethnologe seiner eigenen Vergangenheit` betätigt, der größere Teil zugefallen: z.B. das der `Klangräume` des Hofes `bis in den hintersten Brennesselwinkel hinein`, zitiert die Rezensentin den Autor. Sie lobt seine Erinnerungsarbeit als eine Dorfkind-Chronologie nach der `Methode des Lyrikers`, als den sie ihn kennt. Altmodisch und `schön langsam`, schreibt sie, holt er Momente der Kindheit `in Bruchstücken zurück`. Dabei lässt er auch die Zeit des `Pimpfdienstes` nicht aus und untersucht also nicht nur alte Geräte und Berufe umständlich nach ihrem Weltgehalt, sondern auch die `Marschlieder` seiner Kindheit. Das Ärmliche und durchaus buchstäblich Hungerleiderische der Vergangenheit wird konterkariert mit der `Paradieserfahrung` des kleinen `faulen Stauners`, der als Sechsundsechzigjähriger intelligent und durchaus mit `Anwandlungen von Ironie` der genießenden Rezensentin ein Buch geboten hat, `das sich Zeit lässt`. Ein großes Lob in hektischen Tagen.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.08.2000

Jamal Tuschik hält sich mit einem Urteil sehr zurück, allerdings erfährt der Leser einiges über den Inhalt des Buchs. Im Mittelpunkt steht ein Schumachersohn namens `Zwecke`, der zuerst die Hitlerjugend im Dorf kommandiert und später bei der Nationalen Volkspolizei einen Posten hat. Tuschik weist dabei darauf hin, dass Kirsten Wert legt auf die `Feststellung dieser Kontinuität`. Eher beiläufig wird in der Rezension deutlich, dass der Debüt-Roman des Autors offensichtlich starke autobiografische Züge trägt - insofern nämlich, als dass Wulf einer der Pimpfe ist, die von `Zwecke` tyrannisiert werden, weil sie nicht so hart gesotten und sportlich sind. Und all dies geschieht, während die letzte Panzerschlacht des Krieges sich buchstäblich vor den Türen des Dorfs abspielt. Tuschik betont sehr die `Sachlichkeit` in Kirstens Erzählweise, hinter der er eine Art Schutzpanzer gegen die damaligen Schmerzen und Demütigungen durch die Nazis vermutet.

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