Bücherschau der Woche
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Klappentext
Dass ein Poet sich mit Mathematik und Chemie, Medizin und Teilchenphysik und Genetik zu beschäftigen hat, wenn er in der Literatur ernst genommen werden will, gilt Hans Magnus Enzensberger als ausgemacht. Für diesen Band hat er Gedichte aus seinem Gesamtwerk und unveröffentlichten Manuskripten zusammengestellt; dazu gesellen sich acht umfangreiche, z.T. bislang ungedruckte Aufsätze.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.05.2002
Bevor Angelika Overath sich mit Enzensbergers Anthologie auseinandersetzt, schickt sie die Grundanforderung an die Textsorte Anthologie voraus, nämlich, "dass die Summe ihrer Teile mehr ergeben muss als die Addition einzelner Texte". Dass dies hier der Fall ist, dass nämlich Enzensbergers Texte miteinander sprechen und aufzeigen, wie sehr sein Werk von den Naturwissenschaften geprägt ist und dass er - trotz luftigen Rufs - seinen Grundinteressen treu geblieben ist, gefällt der Rezensentin außerordentlich. Sie bescheinigt dem Buch Eleganz in der Verknüpfung von "Problemen und Persönlichkeiten" aus den verschiedenen Naturwissenschaften und zeigt sich erfreut über die Ergiebigkeit der Perspektivvielfalt. Nur über eins muss Overath schmunzeln. Von jeher sei es ein charakteristischer Zug von Enzensbergers Rhetorik gewesen, Klischees zu züchten, die sich dann schwungvoll zertrümmern ließen. Schade nur, dass diese Attrappen nicht immer echt wirkten. Auch ein bisschen schulmeisterlich findet die Rezensentin den "Fliegenden Robert zwischen den Disziplinen", wenn zum Beispiel die beiden Unvollständigkeitssätze Gödels und Fermats letzter Satz einfach beim Leser vorausgesetzt werden. Hier, gesteht die Rezensentin, hat auch sie sich "disqualifiziert". Gelesen hat sie das Buch aber "trotzdem sehr gerne".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.04.2002
Dies ist der seltene Fall einer durchgehend wohlwollenden Rezension, die bei genauerem Hinsehen fast ausschließlich Kritik übt: Ein Meisterstück hintersinniger Ironie hat Dieter E. Zimmer, der bekannte Wissenschaftspublizist und Nabokov-Herausgeber, dem neuen Buch von Hans Magnus Enzensberger gewidmet. Des Lobes voll ist er zunächst darüber, dass überhaupt ein Dichter die "verächtliche Ignoranz" verweigert, mit der sich die Kultursphäre gern den Naturwissenschaften nähert. Zimmer verweist hier vor allem auf das Buch "Mausoleum" von 1975, in dem Enzensberger lyrische Wissenschaftlerporträts vorlegte - einige dieser Gedichte wurden hier wieder aufgenommen. Auch einige der Essays aus dem vorliegenden Band haben Zimmer gefallen. Hier nennt er vor allem die Reportage über das Genfer Atomforschungszentrum Cern. Aber dann setzt es Kritik im Detail, der Zimmer immerhin die Hälfte seines ganzseitigen Artikels widmet. Sie ist nach Zimmer überall dort fällig, wo Enzensberger seinen berühmt elegant-selbstgewissen Ton früherer Jahre wiederfindet, wo er etwa dem Internet vorwirft, nur "Datenschutt" zu produzieren, und allzu offensichtlich nicht den blassesten Schimmer von diesem neuen Medium hat. Ans Eingemachte geht's dann am Schluss von Zimmers Kritik: Nicht mal die Brücke, die Enzensberger zwischen Poesie und Wissenschaft bauen will, mag der Rezensent betreten. Enzensberger sieht sie in der Metapher, im poetischen Klang gewisser wissenschaftlicher Begriffe wie "Sonnenwind, Wurmloch, Quantenschaum". Dies Bauwerk ist Zimmer allzu wacklig, denn die Metapher, so findet er Enzensberger kurz ab, sei in der Poesie Hauptsache, in der Wissenschaft aber bloßes Hilfsmittel. Die wirklichen Entsprechungen zwischen Mathematik etwa sieht Zimmer erst auf einer "tiefen Ebene", die Enzensberger offensichtlich nicht zugänglich ist.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.03.2002
Für den Rezensenten ist, was uns der Autor kredenzt, nichts Geringeres als die hohe Schule der Vernunft. Verführerisch dargeboten freilich, wohlschmeckend, witzig, wie Jochen Hörisch schwärmt, entfalte Enzensberger sein "horazisches Programm". Das putzt dem wissenschaftsgläubigen Leser die Brille, mischt die Fronten zwischen Poesie und Naturwissenschaften kräftig auf und, man glaubt es kaum, überwindet mit Chuzpe das zuvor auseinandergesetzte Schisma. Soll sich der postmodernde Schriftsteller kundig machen, nur zu, schreibe Enzensberger zuversichtlich, soll sich dann aber auch des "Wissenspotenzials der schönen Literatur" entsinnen - in Poesie und Prosa.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.03.2002
Erst will einem Enzensberger - meint der Rezensent Burkhard Müller etwas ungehalten - klar machen, dass man sich gefälligst auch als geisteswissenschaftlich orientierter Mensch mit der Mathematik zu befassen habe - nur um dann einzugestehen: "Auch für mich bleibt die Zugbrücke zu ihrer (das heißt der Mathematiker) Insel hochgezogen." Was dennoch übrig bleibt, sind mathematische Metaphern, etwa die der Bäcker-Transformation, mit der Enzensberger den Anachronismus zu erklären versucht. Neues aber, findet Müller, kommt dabei so wenig heraus wie bei den biografischen Langgedichten, in denen Wissenschaftlerleben "über den immer selben Kamm des Genie-Klischees geschoren" werden. Und so richtig taufrisch sind weder die Gedichte noch die anderen Texte des Bandes, der eher, so Müller, ein "Längsschnitt durch sein bereits gedrucktes Werk" ist, am Leitfaden der Wissenschaftsthematik. Richtig unglücklich ist der Rezensent dennoch nicht, denn immer wieder macht er im "Sammelsurium" "Blitzlichter" der Erkenntnis aus.
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