Bücherschau der Woche
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Klappentext
Aus dem Amerikanischen von Matthias Grässlin, Reinhard Kaiser, Christiane Mayer und Joachim Schulte. Der Band versammelt neuere Texte Richard Rortys. Im Mittelpunkt stehen Auseinandersetzungen mit Rolle und Stellenwert der Philosophie und ihrer Beziehung zu politischem Engagement.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 25.11.2000
Einen "Streifzug" nennt René Aguigah seine Besprechung der drei jüngst auf deutsch erschienenen Essaybände "Wahrheit und Fortschritt", "Philosophie & die Zukunft" und "Die Schönheit, die Erhabenheit und die Gemeinschaft der Philosophen" des Amerikaners Richard Rorty. Und wie es sich für einen Streifzug gehört, kommt nicht alles, was vorhanden ist, auch zur Sprache. So widmet der Rezensent dem schmalsten der drei Bücher mit dem sperrigen Titel "Die Schönheit, die Erhabenheit und die Gemeinschaft der Philosophen" gerade mal einen Absatz, Rortys Definition des Philosophen wiedergebend - das war`s. Bei "Philosophie & die Zukunft", dem thematisch am weitesten ausgreifenden der drei Bücher, gibt es immerhin was am Lektorat und an der Übersetzung zu beanstanden: "lax" seien diese, so Aguigah angesichts gestraffter Sätze und der einen oder anderen Absatz- bzw. Sinnverschiebung; lesenswert allerdings findet er die Texte dennoch. Das gleiche gilt für den umfangreichen Band "Wahrheit und Fortschritt": Obschon kein "Buch aus einem Guss", wie Aguigah feststellt, den die vielen Wiederholungen irritiert haben, blieben die Essays als Einzelstudien allemal interessant. Der Rest ist einfach Rorty: "von detailversessener Repetition bis zu chauvinistischem Pathos, vom breit grinsenden Humor... bis zu einer Art Parlamentsrhetorik" - erklärt Aguigah.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.11.2000
Viel besser als jede Einführung in das Werk eines Philosophen gelinge es manchmal dem Autor selbst, sich zu erklären: geradezu begeistert berichtet Martin Seel von Rortys Essaysammlung, die die "Botschaft seines fortschrittsgläubigen Pragmatismus" fröhlich predigend in die Akademikerwelt hinaustrage. Das Schöne an der Lektüre von Rortys Aufsätzen sei, bekennt Seel, die endlose Aneinanderreihung von Alternativen, derer man aber nie überdrüssig werde, weil sie einen immer "auf einen anderen als den vorgeschlagenen Weg" schickten. Ein Meister der falschen Behauptungen, sagt Seel über Rorty. Dessen Hauptdevise laute "Selbsterschaffung statt Widerspiegelung", d.h. der Mensch (oder die Wissenschaft) solle sich "möglichst phantasievoll" neu beschreiben statt dem "imaginären Wesen der Dinge" hinterherzulaufen. Zur Orientierung empfiehlt Rorty laut Seel die pragmatische Frage danach, "wer wir - und in welcher Lage wir - sind". Noch provozierender als die ständigen falschen Alternativen empfindet Seel Rortys Behauptung, es gebe keinen Unterschied zwischen Überredung und Überzeugung: eben keine Alternative. Rortys Unterscheidung von "aufrichtiger und unaufrichtiger Überredung" hält Seel für gegenstandslos - wieder so eine falsche Alternative.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2000
Thorsten Jantschek geht dem Gedankengerüst dreier Neuerscheinungen des amerikanischen liberalen Rhetors und Philosophen Richard Rorty auf den Grund. Es handelt sich um:
1. "Philosophie & die Zukunft", erschienen bei Fischer, in dem Rorty sich an ein breiteres Publikum wende und in seinen Reden "lustvoll" die "Entprofessionalisierung" (Rorty) der Philosophie vorexerziere sowie
2. "Wahrheit und Fortschritt", erschienen bei Suhrkamp, einer 500-seitigen Sammlung "subtiler akademischer Diskurse" und Kontroversen mit Hilary Putnam, John Searle, Charles Taylor und anderen.
3. Das Bändchen mit dem langen Titel "Die Schönheit, die Erhabenheit und die Gemeinschaft der Philosophen" ist mit 87 Seiten auch das kürzeste. Mehr ist dazu vom Rezensenten nicht zu erfahren.
Da sich Rortys Argumentation gleichermaßen durch alle drei Bücher zieht - es geht hier schließlich um Rhetorik -, geht der Rezensent nur am Rande auf die konkreten Titel ein. Grundsätzlich erteile Rorty der platonischen Wahrheitssuche ebenso wie dem Empirismus eine Absage, schreibt Jantschek. Seine philosophische Kunst bestehe darin, die großen Fragen nach der Wahrheit zu verscheuchen "wie lästige kleine Fruchtfliegen", von denen aber anzunehmen sei, dass sie gleich wiederkehrten. Rorty wisse nämlich, dass Fragen nach einer allgemeinen Wahrheit dem Wesen des Menschen entsprächen. Deshalb versuche er, nach ihrem Nutzen zu fragen und ein neues Vokabular für die wirklichen politischen, sozialen und ästhetischen Bedürfnisse des Menschen zu finden. Auch wenn der Rezensent Rorty moralphilosophische Widersprüche nachweist, etwa hinsichtlich der Tolerierung eines theoretischen Fundamentalismus, kann er sich doch seine Bewunderung nicht versagen. Rorty räume mit einem alten Vorurteil auf, denn seine "Rhetorik zielt darauf ab, die Welt zu verändern, indem man sie neu interpretiert", schreibt Jantschek. Auch wenn Jantschek Rorty schließlich einen "smarten Schmuseliberalen" nennt, stellt er sich vor, dass Karl Marx durch dessen "Wandel durch Neuinterpretation-Dialektik" (Rorty) immerhin verwirrt wäre, während Sokrates daran sicherlich einen "Heidenspaß" gefunden hätte.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2000
In einem Durchgang bespricht Christian Geyer zwei neue Aufsatzsammlungen Richard Rortys, "Philosophie & die Zukunft" (Fischer Taschenbuch) und "Wahrheit und Fortschritt" (Suhrkamp). Das ist nicht zuletzt deshalb naheliegend, weil die beiden Bücher sich offenbar weniger nach ihren Inhalten als nach Umfang, Preis und Verlag unterscheiden lassen. In beiden Büchern bringe Rorty seine Philosophie zum Leuchten, so Geyer, in dem Fischer-Band konzis, in dem anderen eher langatmig. Womit auch die Unterschiede des Umfangs und des Preises erklärt wären, wie es aussieht. Rortys "Leuchten" zu erörtern, fährt Geyer zunächst einiges an erkenntnistheoretischem Wissen auf, um uns sodann der Vergeblichkeit eines solchen Ansatzes zu versichern: Dem Pragmatismus Rortys ist damit nicht beizukommen. Und Geyer will daran schier verzweifeln: "Was hat Rorty nur verführt, die Sicherung des zivilisatorischen Minimums zu einer Herzenssache zu erklären?", fragt er ungläubig. Rortys brillante Präsentation der sich aus seiner "Fiktion einer erkenntnistheoretisch indifferenten Kultur" ergebenden Ungereimtheiten, die ihm ja doch immerhin anzurechnen wäre, hat den Rezensenten schon gar nicht beruhigt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.07.2000
Uwe Justus Wenzel bespricht den Band zusammen mit dem bei Suhrkamp erschienenen Essay "Die Schönheit, die Erhabenheit und die Gemeinschaft der Philosophen" des gleichen Autors.
Ganz einig wird sich Wenzel in seiner zart ironischen Kritik dabei nicht über seinen Philosophen. Zunächst stellt er fest, dass wohl keine Disziplin derart mit ihrem eigenen Tun beschäftigt ist wie die Philosophie, dass diese Selbstbefasstheit im Moment auch noch eine besondere Konkjunktur hat und dass Rorty wohl als einer ihrer prominentesten Vertreter gelten muss. In beiden Bänden reflektiert Rorty nach Wenzel über die Rolle des Philosophen und kommt dabei zu scheinbar gegensätzlichen Ergebnissen. In "Philosophie & die Zukunft" beschreibe er den Philosophen als einen Advokaten seines Auftraggebers, der sich mit großer Skepsis über sein eigenes Vermögen und als "lässlicher Pragmatiker" auf die Höhe der gesellschaftlichen Fragen - und also in ihre Niederungen - begeben müsse. Im Essay "Die Schönheit, die Erhabenheit und die Gemeinschaft der Philosophen" dagegen bestehe er auf der Eigenständigkeit der Philosophie. Zwischen diesen beiden Polen empfinde Rorty eine Spannung, die die Philosophie in beständigem Pendelschlag aufrecht zu erhalten habe. "Ein recht schlichtes kulturphilosophisches Schema", findet Wenzel.
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