Bücherschau der Woche
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Raymond Carver
Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden
Klappentext
Aus dem Amerikanischen von Helmut Frielinghaus. "Ein Mann ohne Hände stand in der Tür und wollte mir ein Foto von meinem Haus verkaufen." Ähnlich unvermittelt treten einem fast alle der siebzehn Texte entgegen, die Raymond Carver 1981 in seinem bisher wohl bekanntesten Erzählungsband "Wovon wie reden, wenn wir von Liebe reden" versammelte. Die Ernüchterung, die aus diesen Geschichten spricht, hat zumindest insofern einen biografischen Hintergrund, als es Carver im Jahr nach der Veröffentlichung seines ersten Erzählungsbandes "Würdest du bitte endlich still sein, bitte" (1976) gelungen war, sich mit einem radikalen Schnitt von seiner schweren Alkoholabhängigkeit zu befreien. Bald darauf erfolgten auch die Trennung von seiner Frau Maryann Burk und der Beginn seiner offensichtlich ebenso intensiven wie glücklichen Arbeits- und Liebesbeziehung zu der Schriftstellerin Tess Gallagher. Der Berlin Verlag präsentiert "Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden" zum ersten Mal vollständig auf Deutsch und in Neuübersetzung durch Helmut Frielinghaus.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.01.2001
Zunächst erscheinen diese Geschichten nach Kolja Mensing wie typische short stories für Leute, die wenig Zeit haben: In zehn Minuten könne man schon einen kleinen Roman in Form einer kurzen Geschichte lesen. Mit überflüssigen Umschreibungen hält sich der Autor nach Mensing nicht auf. Aber dennoch: Mit diesen Erzählungen wird man "niemals fertig, nicht in zehn Minuten und auch nicht in zehn Tagen", so Mensing. Dies näher zu beschreiben, findet der Rezensent jedoch überaus schwierig, ohne den Autor zu "mystifizieren". Er versucht es dennoch, indem er beispielsweise über Carver sagt, dass der Autor "konkrete Situationen in einen unbegrenzten (...) kaum zu bewältigenden Erzählraum öffnet".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.12.2000
Ein Schock für den Leser! Raymond Carvers Kurzgeschichten stammen nicht ausschließlich aus seiner eigenen Feder. Lektor Gordon Lish hat "einige der Geschichten so radikal umgeschrieben, dass sie eher seine als Carvers Geschichten" sind. In der Sammlung "Wovon wir reden?" hat er beispielsweise "etwa die Hälfte des Manuskripts gestrichen". Rezensent Günter Ohnemus beschreibt, wie es dazu kommen konnte und spricht deutliche Worte: "Das ist mehr, als einem Lektor zusteht." Außerdem kritisiert er Ingo Schulze (großer Carver-Fan und Verfasser des Vorworts), der anlässlich dieser Neuübersetzung speziell Carvers letzte Sätze lobt. "Eine ziemlich fahrlässige Angelegenheit", meint Ohnemus, schließlich stammen 10 der 13 Schlüsse von Lish. Ohnemus kennt Leben und Werk Carvers offensichtlich sehr gut, macht Zusammenhänge klar und nimmt dazu Stellung. Dass Lishs "zusammengestrichene und veränderte Fassung (?) nicht weit von einer Lüge entfernt" ist, belegt er anhand eines vergleichenden Textausschnitts. Der Leser hält also Lishs Fälschung in der Hand! Aber solange es noch kein "Carver unlished" zu lesen gibt, sollten wir uns "einfach nicht um die Namen kümmern", meint Ohnemus, schließlich handelt es sich um "eine ganze Reihe verdammt guter Geschichten."
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.11.2000
Ein Meisterwerk ist dieses Buch! Für Daniel Kehlmann keine Frage. Aber ist das erfolgreichste, das "modischste Buch" Raymond Carvers, wie Kehlmann es nennt, wirklich Carvers Werk? Oder hat hier ein Lektor mehr beigetragen, als es üblich ist? Das hat den Rezensenten sehr beschäftigt. So sehr, dass wir über das Streitobjekt leider nur wenig erfahren. Minimalistisch sei es, so lesen wir, doch mit der Erwähnung der "beispiellosen Knappheit und Lakonie" der Geschichten, ihrer "kurzen Absätze" und "staccatohaften Diktion", und der "offenen, eigentümlich nachklingenden Schlusssätze", taucht die Gretchenfrage nach der Urheberschaft schon wieder auf. - "Doch wollen wir das überhaupt wissen? Interessiert es uns?", zweifelt Kehlmann endlich selbst. Aber da sind wir schon im letzten Absatz.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2000
Marlene Streeruwitz macht den Carver-Hype nicht mit und polemisiert gegen die "mittlerweile allen Schreibenden aufgezwungene Leitform der Short Story". Um diese "Leitform" zu skizzieren, zitiert sie eingangs aus einem "Handbuch der literarischen Fachbegriffe" die Short-Story-Definition: "genauso baut Raymond Carver seine Short Stories", stellt sie anschließend fest. "Jeder und jede", stöhnt sie dann, müsse sich in Amerika seinen Einstieg in die Literatur mit dem Verfassen von Short Stories erst verdienen. Und holt zum Angriff auf diese Literaturform aus, das "Trainierte" der plötzlichen Schlüsse ("als spränge der allwissende Erzähler durch den Zirkusreifen"), das mechanistische der Handlung, das "kultureingeschriebene Subskript des einsam, rastlos reisenden Amerikaners", also die simple Heldenkonstruktion. So habe sich die Literatur über eine didaktische Regelung selbst beschränkt. Warum nun diese "fragwürdige literarische Spielerei" in Deutschland so gehypt wird, ist ihr unverständlich. Verbirgt sich dahinter der Ruf nach Knebelung durch formale Kriterien, ein Rückschritt in "vormoderne biografische Lesarten" oder soll die "Intoleranz gegenüber den letzten Resten formaler Versuche in der deutschen Literatur" dadurch gefördert werden? Wenn es ums "Ordnungmachen in der deutschen Literatur geht, dann sollte das gesagt und sollten nicht Raymond Carvers Short Stories vorgeschützt werden". Das sind gute Geschichten, meint Streeruwitz, wie unzählige andere auch. Und: die Transplantation scheitere schon an der Übersetzung.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2000
`Meistererzählungen` nennt sie Jörg Häntzschel schon im Untertitel seines Artikels über diese zweite Lieferung der Carver-Edition im Berlin-Verlag. Und erst, als er schon die `Unerträglichkeit` des `Nicht-Erzählens als erzählerisches Prinzip` exemplifiziert hat im Carver?schen Bild der weiterzappelnden Beine eines Kindes nach dem Unfall, erst da bekennt er sich, als erstes den Film, nämlich `Short Cuts` von Robert Altmann gesehen zu haben, die auf Carvers Geschichten zurückgehen. Tatsächlich kenne der Leser also die Figuren schon, die hier auftauchen, nämlich aus jenem Film: die `Männerfreunde` angelnd neben der Wasserleiche, den `jungen Vater` und Mädchenmörder, den sadistischen Bäcker, der den Geburtstagkuchen liefert für ein zwischenzeitlich gestorbenes Kind. Etwas schlimmer ist es hier noch, so Häntzschel, weil alles verbleibt in der `Härte und Hermetik eines engen literarischen Innenraums`. Und das liegt daran, so legt der Rezensent nahe, dass alle Figuren bei Carver `äußerlich unversehrt` aber `innerlich tödlich getroffen` sind, und vom Leben nichts mehr erwarten.
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