Bücherschau der Woche
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Gustaw Herling
Tagebuch bei Nacht geschrieben
Klappentext
Ausgewählt und aus dem Polnischen übersetzt von Nina Kozlowski. Herling selbst versteht sein Tagebuch bei Nacht geschrieben als das "Porträt einer Epoche", denn er reflektiert darin die großen Probleme seiner Zeit, die politische und kulturelle Entwicklung in Polen und Rußland ebenso wie in Westeuropa. Neben täglichen Reflexionen umfassen die Tagebücher auch kleinere Essays, Skizzen und vollständige Erzählungen.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.02.2001
Autor zu entdecken! Mit einer recht weitläufigen Doppelbesprechung von "Welt ohne Erbarmen" und "Tagebuch bei Nacht geschrieben" (beide bei Hanser erschienen) stellt uns Andreas Breitenstein den polnischen Schriftsteller Gustaw Herling vor. Breitenstein geht es allerdings darum, uns den ganzen Menschen Herling nahezubringen, und so lesen wir eigentlich dessen Lebensgeschichte, unterbrochen immer wieder von Hinweisen auf die Verarbeitung seiner Erfahrungen im Gulag ("Welt ohne Erbarmen") und später dann als Autor in England, Deutschland und Italien, wie sie das "Tagebuch" festhält. Was der Rezensent an Herling im wesentlichen schätzt, sind zum einen dessen "Klar- und Tiefblick", die Fähigkeit, "als direkt Betroffener den inneren Kreis der Lagerhölle mit der Objektivität des Außenstehenden zu beschreiben" und auf diese Weise eine politisch intelligente und poetisch sensible "Pathologie des Kommunismus" zu unternehmen. Zum andern sind es die schillernde Intellektualität, der geistesgeschichtliche Bezugsreichtum und die Modernität der seit vergangenem Jahr in Auszügen vorliegenden Chronik der Jahre 1971-1996. Weshalb sich die beiden Werke Herlings dennoch so wenig ins Bewusstsein der deutschsprachigen literarischen Öffentlichkeit eingebrannt haben, kann sich Breitenstein kaum erklären. Ein merkwürdiger Vorwurf, wenn man bedenkt, dass die NZZ Herling als letzte große deutschsprachige Zeitung besprochen hat.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.07.2000
Michael Grus würdigt das seit Mitte der 50er Jahre geführte Tagebuch, aus dem in Polen schon mehrere Bände veröffentlicht wurden, als einen Kommentar zum schwierigen Verhältnis von "Geist und Macht". Der vorliegende Band, der eine von der Übersetzerin getroffene Auswahl aus Texten seit 1984 bietet, zeige einen "außerordentlich belesenen" Autor, der sich um Deutung der jüngsten Vergangenheit bemühe und dabei auch auf literarische Deutungsmuster zurückgreife. Die Analyse des Totalitarismus, besonders in der Sowjetunion, sei das eigentliche Anliegen des polnischen Autors, hinter dem das Private zurücktrete, bemerkt der Rezensent. Die ausführlichen Kommentare zu Malerei und Architektur lobt er als "einfühlsam und sachkundig. Unzufrieden ist Grus nur mit der Behandlung der zeitgenössische Kunst, die allzu häufig ein "pauschales Verdammungsurteil" erfährt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 29.06.2000
Verena Auffermann warnt in ihrer eingehenden Besprechung diejenigen Leser, die sich von der Lektüre indiskrete Einblicke in belanglose Einzelheiten aus dem Privatleben Herlings erwarten. Das Tagebuch, das von 1984-1995 entstanden und für die deutsche Ausgabe gekürzt worden ist, sei ganz seinen Gedanken zur Politik gewidmet. In einem Stil, der sich "ganz selten von seinem dokumentarischen Ton" entferne, zeige sich der Autor als "kühler Diarist, Erzähler, Chronist und Beobachter" der sich für alles interessiere, vom amerikanischen Gangsterfilm bis Gottfried Benn. Die Rezensentin preist die Tagebuchaufzeichnungen als ein "Dokument des schrecklichen 20. Jahrhunderts" und sie bewundert die Zurückhaltung Herlings es "schönzureden". Das Buch ist nüchtern und beunruhigend und vermittelt Geschichte in eindringlicher Weise, lobt die beeindruckte Rezensentin abschließend.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2000
Dass die gesammelten Kolumnen eines Autors, der "die Zehn Gebote ernst nimmt" und für seine polnischen Landsleute seit Jahrzehnten schon "lebende Legende" ist, endlich auf Deutsch erscheinen, ist für Stephan Wackwitz ein wichtiges Ereignis. In diesem Band sind Beobachtungen über das "ängstlich zitternde Europa" zwischen 1984 und 1995 niedergeschrieben, die sich, so der Rezensent, in ihrem "Substanzialismus" und ihrer "Nichtironie" frappierend vom vorherrschenden Diskurs des Westens unterscheiden. Als Beispiel zitiert Wackwitz einige Notizen zu Erscheinungen der zeitgenössischen Kunst, die den Autor als "Atrophie von Phantasie und Intelligenz" erschüttert haben. Der seit Jahrzehnten in Italien lebende Autor ist einer jener Intellektuellen, urteilt Wackwitz, die schon früh keine Erneuerung des Sozialismus durch Glasnost mehr erwarteten und sich stattdessen um "wichtigere Fragen" bekümmert haben.
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