Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
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Klappentext
Aus dem Französischen von Brigitte Große. Das Drama beginnt um 8.30 Uhr: Der texanische Immobilienmakler Carthew Yorston und seine beiden Söhne Jerry und David ahnen nicht, dass sie nur noch kurze Zeit zu leben haben. In 119 Kapiteln versucht Frederic Beigbeder das Unbeschreibliche und gibt Minute für Minute die Gedanken des Familienvaters wieder, der am 11. September 2001 mit seinen Kindern im Luxusrestaurant Windows on the World frühstückt, als um 8.46 Uhr die erste Boeing in den Nordturm des World Trade Centers rast. Während Carthew im flammenden Inferno des Turms verzweifelt nach einem Ausweg sucht und sein zerrüttetes Leben Revue passieren lässt, zieht Beigbeder ebenfalls Bilanz: Auf dem Montparnasse-Turm in Paris und in den Straßen von New York entwirft er das erschreckende Bild seiner eigenen, gescheiterten und liebesunfähigen Generation, deren oberflächliche Werte durch die Ereignisse des 11. September endgültig zerstört werden.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.2004
In Frankreich ist der Autor seit seinem Roman "39,90" ein "Medienstar", weiß Jürg Altwegg. Das vorliegende Buch schildert an einigen "fiktiven und vornehmlich banalen" Figuren, die sich in den New Yorker Twin Towers befinden, die Ereignisse des 11. September 2001, und wartet dabei auch mit "ein paar frivolen Sexszenen" und einem "kleinen Skandal" auf, erklärt der Rezensent in seiner kurzen Kritik des Buches. Er findet das Buch durchaus "gut" und dabei "zynisch" geschrieben und attestiert Beigbeder, sein "Handwerk" zu beherrschen. Trotzdem findet er, dass der Roman über eine "ideale Ferienlektüre", die beispielsweise eine Flugreise "irgendwie aufregender" macht, nicht hinausgeht und das reicht Altwegg offensichtlich nicht ganz.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.04.2004
Rezensent Joseph Hanimann sieht sich vor einem Genreproblem: Haben wir es hier mit "Bahnhofsliteratur", "Wolkenkratzerliteratur", "Au-weia-Literatur", "Elfter-September-Literatur" oder "Ich-war-irgendwie-auch-dabei-Literatur" zu tun? Wenn Hanimann auch nicht direkt antwortet, er antwortet immerhin indirekt, indem er Frederic Beigbeder den Titel "enfant terrible" nicht etwa abspricht, sondern ihn aussagekräftig kürzt: "'enfant' genügt." Beigbeders Talent liege weniger im findigen Schreiben als im "publizistischen Veranstalten von Geschichten". Und wenn etwas "phänomenal" an diesem Roman sei, dann "wie exakt ein Autor genau das schreiben kann, was man von ihm erwartet". Da der Autor leider bei dem Attentat auf das World Trade Center nicht dabei war, muss er eben mit einer Art Parallelszene aufwarten, so Hanimann. Weshalb er sich in das Cafe in der obersten Etage der Pariser Tour Montparnasse gesetzt habe, um Minute für Minute einem Familienvater, der mit seinen zwei Söhnen an besagtem Tag im Höllenturm frühstückte, zu folgen. Dass Beigbeder im Kapitel "09.18" die Schwierigkeit beklagt, sich vorzustellen, wie eine Boeing unter ihm in den Turm kracht, kann der Rezensent nur allzu gut verstehen. Beigbeder musste es sich eben einbilden, züngelt Hanimann, was aber nichts ausmacht, denn "auch wir bilden uns, zum Glück, wohl nur ein, dass wir einen solchen Roman lesen".
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.03.2004
Frederic Beigbeder gehört in Frankreich zusammen mit Catherine Millet und Michel Houellebecq zum "Trio infernal des literarischen Skandals" in Frankreich, führt Jörg Magenau den Autor ein, der mit seiner Schrift "39,90" vor drei Jahren werbewirksam die Werbebranche attackiert und damit seine Schriftstellerkarriere lanciert hatte. Kein geringeres Thema als der 11. September durfte es sein, stellt Magenau fest und staunt, dass der Kapitalismuskritiker doch noch ein paar gute Seiten am westlichen Wirtschaftssystem gefunden und darüberhinaus einen "erzkatholischen" Roman geschrieben hat. "Windows on the world" - so hieß das in den oberen Stockwerken betriebene Restaurant des World Trade Center - ist nach Magenau ein überaus pathetisches und effektheischendes Buch, das sich mit Ironie über alle Widersprüche hinwegsetzt und Profanes mit Kitsch aufwertet. Den Kritiker nervt auch das "ausnehmend blöde" Personal des Romans, das durch das Höllenfeuer der brennenden Türme des WTT zwecks Reinigung ihrer verderbten Seelen geschickt wird. Aber auch das konkrete Ausmalen des Horrorszenarios, wie es den Menschen nach den Anschlägen im WTC ergangen sein könnte, bleibe weit hinter der Wirklichkeit zurück, mutmaßt Magenau. Dass der Autor das ganze als "Luxus-Gaskammer" bezeichnet, ist für ihn ein unverzeihlicher Fehlgriff, dessen sich der Autor wohl selbst bewusst war, denn er habe in Klammern "gestrichen" hinzugefügt und die Bemerkung doch stehen lassen, erklärt der Rezensent. Typisch Beigbeder, stöhnt Magenau - man darf und kann ihn nicht ernst nehmen.
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