Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
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Klappentext
Zehn Jahre sind zwischen dem Hauptstadtbeschluss des Parlaments und dem Umzug der Regierung verstrichen: Nicht von Berlin ist die Rede, nicht vom heutigen Deutschland, sondern von Rom und Italien im neunzehnten Jahrhundert. Italien wurde 1861 geeinigt, 1871 bezog es seine Hauptstadt Rom. Es gab lange Hauptstadtdebatten davor und einen ebenso langwierigen Umbau der Stadt danach. Darum hatte es einen Krieg gegeben: Italien hatte die Stadt Rom dem Papst mit militärischen Mitteln entreißen müssen. Und neben dem Krieg der Waffen fanden andere Kämpfe auf den Schlachtfeldern der Presse, der Diplomatie, der Geschichtswissenschaft und der Theologie statt. Schriftsteller und Gelehrte aus ganz Europa beteiligten sich daran und erörterten dabei Grundsatzfragen der Moderne. Gustav Seibt erzählt die Geschichte dieses vergessenen Kampfes, der damals Millionen Menschen bewegt hat.
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.12.2001
Die Geschichte Roms ist untrennbar mit der Herrschaft des Vatikans verbunden, schreibt Thomas Meyer und zeigt sich hellerfreut darüber, dass zwei neue Studien, die der Rezensent beide für brillant hält, mehr Licht ins Dickicht der päpstlichen Machtstrukturen bringen. Und das aus unterschiedlichen Perspektiven. Arne Karsten geht ins Detail, er gibt Einblick in das Leben des Kardinals Bernardino Spada, Gustav Seibt bleibt auf der sozialen Ebene und klärt den Leser über die Welt- und Heilsgeschichte des 19. Jahrhunderts auf, informiert der Rezensent.
1) Arne Karsten: "Kardinal Bernardino Spada"
Der junge Berliner Kunsthistoriker Karsten hat Glück gehabt und die bisher unbekannten Konvolute des Kardinal-Bruders Virgilio entdeckt, der der Nachwelt eine detailreiche und ironische Biografie über Bernardino Spada hinterlassen habe, so Meyer. Karsten hat daraus, lobt der Rezensent, ein "glanzvolles Porträt" des barocken Roms gemacht, das intellektuell umsichtig über die komplizierte Aufgeladenheit der Diplomatensprache und die Symbolik von Geschenken, Bildern und Grabstätten informiere, ohne eine kritische Distanz zur Vorlage von Virgilio zu verlieren. Der Kardinal jedenfalls wusste seine Karriere zu stricken, das zeitgenössische Glasperlenspiel zu spielen. Bildung und Gespür für die Situation ließen ihn an seiner jeweiligen Position feilen, auch wenn es ihm letztlich nicht gelang, berichtet Meyer, als Papst an die Spitze des Vatikans zu treten.
2) Gustav Seibt: "Rom oder Tod"
Bei dem Historiker und Publizisten Gustav Seibt geht es allgemeiner zu, wenngleich auch er die Strukturen durchleuchtet, hier aber nicht die der Individuen, sondern die von Rom im Strudel des europäischen Nationalisierungsprozesses sowie des Spannungsverhältnisses zwischen Kirche und Staat im 19. Jahrhundert, so der Rezensent. Ganz begeistert zeigt sich Meyer über Seibts Fähigkeit, dieses Verhältnis auf drei Ebenen gleichermaßen kompetent zu analysieren, nämlich auf der europäischen, der weltanschaulichen und der ästhetischen. Das Buch ist, lobt der Rezensent, "faszinierend", ein Lehrstück über den Kampf - des Katholizismus, Liberalismus, Patriotismus und später Mussolinis Faschismus - um die Vorherrschaft in Rom.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 30.10.2001
Was haben Rom und Berlin gemeinsam? Ralph Bollmann weiß es: "Auch in Rom musste ... erst eine Mauer fallen, bevor die Regierung ... in die Stadt umziehen konnte". Zum Einbrechen der antike Stadtmauer, die den Papst und dessen Kirchenstaat umgab, war 1870 allerdings ein Krieg notwendig, referiert der Rezensent. Der damalige Papst hatte sich gegen Rom als Regierungssitz gewandt - die "radikalen Liberalen" hingegen wollten den Papst mit aller Macht vertreiben. "Augenzeugenberichte und zeitgenössische Debatten" habe Seibt ausgewertet, die den Weg vom römischen Feldzug von 1870 bis zu Rom als "Hauptstadt eines ganz normalen Staates" beschreibe. Wann diese Darstellung endet - und wie dem Rezensenten diese Untersuchung gefallen hat, erfahren wir leider nicht. Nur einmal werden lobend Seibts "plastische" Schilderungen erwähnt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.10.2001
Die Einigung Italiens wurde durch die Doppelfunktion Roms - weltweit agierende Zentrale des Katholizismus sowie Stütz- und Streitpunkt europäischer selbsternannter "Schutz"-Mächte wie Österreich und Frankreich - erschwert: Diese These stellt Peter Stadler seiner Besprechung von Seibts Buch voraus, das eigentlich erst im Moment der Einigung 1870/71 einsetzt. Damals waren die Franzosen in den Deutsch-Französischen Krieg verstrickt und gaben ihre Position in Rom auf, was zur Folge hatte, dass der Kirchenstaat einlenken musste. Rom blieb dennoch, so unser kundiger Rezensent, lange eine geteilte Stadt, und ironischerweise seien es gerade die Faschisten gewesen, die es geschafft hätten, die "Römische Frage" endgültig vom Tisch zu bringen. Seibts Buch, meint Stadler; ist "höchst anregend" zu lesen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2001
Der Kampf um Rom, den Gustav Seibt in seinem Buch beschreibt, fand nicht in der Antike statt, sondern im 19. Jahrhundert: es geht um die Eroberung Roms zur Gründung der italienischen Nation. Seibts Ziel ist es dabei, Verständnis zu wecken für die "politische Ideen- und Gefühlswelt" dieser Epoche, "in der bestimmte Wertvorstellungen die Kraft hatten, Geist und Herz ganzer Gesellschaften zu bewegen". Da habe er auf jeden Fall, bescheinigt ihm der Rezensent Thomas Brechenmacher, das rechte Beispielt gewählt. Ein weniger glückliches Händchen jedoch hatte Seibt nach Brechenmachers Ansicht bei seinen wiederholten Versuchen, Parallelen zur Gegenwart und zur deutschen Hauptstadtfrage zu ziehen: das "gelingt nämlich nicht". Sonst aber hat der Rezensent vorwiegend Positives zu vermelden. Er lobt, dass Seibt "insgesamt gut informiert, ausgewogen, differenziert und höchst anschaulich" argumentiert". Und auch wenn seine Lösungsvorschläge gelegentlich etwas "anachronistisch" daherkommen, und wenn er sich vom "Pathos seiner liberalen Gewährsleute" hin und wieder zu sehr mitreißen lässt, Brechenmacher wünscht dem Buch "viele Leser".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.10.2001
Volker Reinhardt zieht ein etwas ambivalentes Fazit über dieses Buch, dass sich mit der Eroberung von Rom durch das Königreich Italien und dem Entstehen des italienischen Nationalstaates in den 1860er und 1870er Jahren, dem Risorgimento beschäftigt. Einerseits hat er einiges zu kritisieren, sowohl was die Aufbereitung des Materials angeht - er findet, die Darstellung der Ereignisse trage stark opernhafte Züge - als auch was inhaltliche Bewertungen angeht. Er bemängelt eine unzureichende Darstellung der ideologischen Strömungen der Zeit und bewertet auch die Rolle einiger Protagonisten der Geschehnisse anders als der Autor Gustav Seibt. Andererseits zeigt sich Reinhardt sehr beeindruckt von Seibts Recherchearbeit und nennt das Buch „eine beispiellos ausführliche, extrem faktengesättigte Chronik“ - Vergleichbares ist seiner Meinung nach noch nicht auf Deutsch erschienen. Zudem ist das Buch in seinen Augen eine sehr interessante und aussagekräftige Fallstudie über den „homus nationalisticus“ und über die ihm eigene „Sicherheit, mit dem geeinten Nationalstaat das selige Endstadium einer entschlüsselten Geschichte erreicht zu haben“.
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