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Essay

Niemand ist auf der sicheren Seite

Von Gustav Seibt

03.05.2002. Laudatio auf Götz Aly zum Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste in Berlin am 3. Mai 2002.

Vor dem Ersten Weltkrieg und nicht unbeeinflusst von der Morgenluft nach der Jahrhundertwende hat Heinrich Mann in einem kurzen Essay Goethe und Voltaire einander gegenübergestellt. Er verglich die kontemplative Haltung des deutschen Olympiers mit der Engagiertheit des französischen Aufklärers: "Goethe hat zur Menschheit die hohe ferne Liebe eines Gottes zu seiner Schöpfung; Voltaire kämpft für sie im Staub." Diese Gegenüberstellung passt, wie man sofort erkennt, mindestens ebenso gut auf die Historiker - Schriftsteller in einem realistischen Genre - wie auf die Dichter. Der erste, betrachtende Typus wird sich als Historist verstehen. Wer mit Ranke glaubt, dass alle Epochen unmittelbar zu Gott sind, schaut alle Zeiten mit der gleichen Freude an der Vielfalt des Menschlichen an; sein Gefühl ist das des Lynkeus im zweiten Teil des Faust, dessen glücklichen Augen alles schön wird. Der Gegentypus glaubt an den Weg der Menschheit vom Dunklen, Gebundenen ins Helle und Offene; Reformation, Revolution, Freiheit, Fortschritt - das sind seine Themen. Er glaubt mit Benedetto Croce, dass Historie nicht nur Gedanke, sondern auch Tat ist, dass er mitkämpfen muss in dem Drama, das er darstellt. Heinrich Mann war, als Schriftsteller und als Historiker, ein Vertreter des zweiten, des kämpferischen Typs. Heute ehren wir in seinem Namen den Historiker und Publizisten Götz Aly.

Doch ein Jahrhundert später ist Heinrich Manns Antithese eigentümlich mürbe geworden. Der geschichtsfrohe Historismus ist unglaubwürdig geworden im Zeitalter der Extreme. Niemand wird noch sagen wollen, die Epoche von Auschwitz sei unmittelbar zu Gott wie jede andere auch. Und wie sieht es mit dem Glauben an den Fortschritt und der mit ihr verbundenen Menschenliebe aus? Die Menschheit teilte sich im zwanzigsten Jahrhundert in Täter und Opfer, Verfolger und Verfolgte, Mörder und Ermordete; es ist schlechterdings unmöglich, beide gleichermaßen zu lieben. Der Fortschritt brachte nicht nur Freiheit, sondern oft genug auch jene sittlichen Enthemmungen, die das Grauen erst möglich machten. Die Antithese besteht fort, aber, so scheint es, nur in zwei Formen der Verzweiflung: einerseits in einer stoischen Haltung, die mit kaltem Herzen das Bestialische als menschliche Möglichkeit registriert; und andererseits in fassungsloser Betroffenheit, die glaubt, Schuld stellvertretend büßen zu können durch nachträgliche Identifikation mit den Opfern. Beide Haltungen sind begreiflich, doch bleiben sie abstrakt. Sie helfen der geschundenen, über sich selbst erschreckenden Menschheit nicht weiter.

Götz Haydar Aly gehört zur Generation von 1968. Er wurde 1947 als später Nachfahre des 1686 nach Berlin verschleppten und dort getauften königlich preußischen "Cammertürken" Friedrich Aly in Heidelberg geboren. Nach einer Journalistenausbildung in München finden wir ihn seit dem Wintersemester 1968/69 in Berlin als Student für Politische Wissenschaft. Es liegt nahe zu glauben, er habe auf ganz direktem Weg vom Studentenprotest zu seinem Lebensthema als Journalist und Geschichtsforscher gefunden, der nationalsozialsozialistischen Vernichtungspolitik gegen Behinderte, Geisteskranke, Asoziale und Juden. Doch der Weg war kurvenreicher und reicher an Erfahrungen. Seit 1973 arbeitete Aly als Jugendheimleiter im Falkenhagener Feld bei Spandau, an einem sozialen Brennpunkt Westberlins. Hier wurde, wie wir der sehr farbigen Dissertation, die Aly 1978 über seine Erfahrungen schrieb, entnehmen können, aus einem theoretisierenden Systemverbesserer ein Erzieher, der mit Einfühlung und nicht ohne Strenge seine Zöglinge dazu brachte, etwas Besseres aus ihrem Leben zu machen (1). 1976 ereilte ihn der Radikalenerlass, das, was man damals "Berufsverbot" nannte; es wurde ein Jahr später wieder aufgehoben, doch schon 1978 schied Aly freiwillig aus dem Staatsdienst aus. Kurz danach wurde in Berlin die Tageszeitung "taz" gegründet, zu deren ersten Mitarbeitern Götz Aly gehörte; er wurde bald einer ihrer auffälligsten Autoren und hat ihr in den achtziger und neunziger Jahren mehrere Jahre als Redakteur gedient. Von 1997 bis 2001 war Aly Redakteur und Autor bei der "Berliner Zeitung".

1979 wurde Aly Vater einer schwerbehinderten Tochter. Das gehört hierher nicht nur, weil er selbst zusammen mit Morlind Tumler und Monika Aly darüber in einem berührenden und überaus hilfreichen Buch berichtet hat (2), sondern weil es - offenbar mehr als andere Erfahrungen - dazu beitrug, ihn zum Zeitgeschichtsforscher zu machen. Bei einer journalistischen Recherche beschäftigte sich Götz Aly 1981 mit dem bis dahin umfangreichsten Ermittlungsverfahren zu den "Euthanasie"-Morden des Dritten Reiches. Die Aktenberge des Hamburger Verfahrens waren so ergiebig, dass sie Aly, wie er später mitteilte, dazu verführten, sich "hauptberuflich mit der deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945 zu beschäftigen". Das ist also der eigentliche Beginn dieser Lebensarbeit: ein linksradikaler, aus dem Staatsdienst ausgeschiedener Sozialarbeiter und Journalist, der mehr Realitätsschocks hinter sich hatte, als eine akademische oder publizistische Karriere sie normalerweise zu bieten hat, ergriff nicht ohne persönliche Betroffenheit einen denkbar grausamen historischen Stoff aus dem Dritten Reich - und wurde nicht einfach der Autor zorniger, vorwurfsvoller Bücher, sondern wirklich Forscher, ein Wissenschaftler mit echten Fragestellungen, ein Virtuose der Archive und der Quellenauswertung, am Ende ein Neugründer in seinem Fachgebiet.

Diese methodische Zügelung und Schärfung des Engagements ist vielleicht Alys größte Leistung, jedenfalls ist sie eine erste Antwort auf die Frage, wie die von Heinrich Mann geforderte Menschenliebe heute aussehen kann. Seit Mitte der achtziger Jahre publizierten Götz Aly und eine Gruppe ähnlich motivierter Mitstreiter Jahr für Jahr eine bis heute nicht abreißende Kette von Aufsätzen und Büchern zur Gesundheits- und Sozialpolitik, zu den bevölkerungspolitischen Ideologien, zur Judenpolitik und zur Kriegsführung des Dritten Reichs. Vergegenwärtigen wir uns die Zeit, in der er als Historiker aufzutreten begann: Es war das Umfeld des Historikerstreits, in dem zu einem moralischen Dogma wurde, der Holocaust sei unfassbar, unbegreiflich, dem Verstehen schlechthin entzogen, und als Ausnahmeereignis bleibe er eine Vergangenheit, die nicht vergehen könne. Dabei wusste man, wie sich vor allem im Rückblick von heute aus zeigt, noch erbärmlich wenig über ihn. Auf diese geistige Lage antwortete der Forscher Aly mit dem Aufdecken von Zusammenhängen. Ich nenne in aller Kürze einige der wichtigsten.

Aly wies erstens den Zusammenhang der Tötungspolitik gegen Behinderte, Geisteskranke und Asoziale mit Konzepten des medizinisch-hygienischen Fortschritts nach, die Gesundheit nicht mehr als individuelle Befindlichkeit, sondern als umfassendes soziales Ziel definierten und in planende Regie nahmen (3).

Zweitens entdeckte Aly zusammen mit Susanne Heim den engen Zusammenhang der rassistischen Mordpolitik gegen die Juden in Europa mit weitreichenden Planungen zu einer bevölkerungspolitischen Umgestaltung vor allem des ostmitteleuropäischen Raumes; er konnte zeigen, dass der Holocaust vor dem Hintergrund einer Politik ethnischer Säuberungen, Vertreibungen und Umsiedlungen verstanden werden muss, die mit der politischen Neuordnung Osteuropas und des Balkans seit den Pariser Vorortverträgen von 1919/20 einsetzte und bis zu den Jugoslawienkriegen der neunziger Jahre reicht (4).

Drittens kann Aly nachweisen, dass die staatlich gelenkte Entrechtung, Ausplünderung und Ermordung der Juden nicht einfach Ausdruck eines irrationalen Hasses war, sondern Teil einer Politik des Raubes und der sozialen Umverteilung, die vor allem während des Krieges dazu beitrug, die Lasten der breiten Bevölkerung zu erleichtern und die ihr so einen breiten Konsens sicherte. Dass dies nicht nur für die Deutschen, sondern auch für die Bevölkerungen der besetzten oder verbündeten Länder zutreffen konnte, zeigt das jüngst in dieser Akademie vorgestellte Werk Alys und Christian Gerlachs über die Ermordung der ungarischen Juden. (5)

Schon ganz früh, in einem Artikel in der "taz" vom 7. Mai 1984, der sich wie das Arbeitsprogramm der bis heute geleisteten Forschungen liest, wies Aly darauf hin, dass die Zuspitzung der Forschung auf die Judenpolitik deren Ermordung aus der Gesamtheit nationalsozialistischer Vernichtungsutopien und -realitäten herausnehme. Hinter diesen Utopien erkannte er bereits damals das umfassendere Ziel einer "Endlösung der sozialen Frage" im Sinne eines Normkollektivs, in dem Gleichheit in jeder Beziehung herrschen sollte: ethnisch, sozial, gesundheitlich, ideologisch.

Die wichtigste methodische Pointe und zugleich die schwerste moralische Zumutung von Alys Forschungen war von Anfang an, dass sie sich auf die Logik der Täter einließen und deren Intentionen mit langfristigen Tendenzen der Moderne im zwanzigsten Jahrhundert verknüpften. Im Historikerstreit war die Frage erörtert worden, ob man den Holocaust "historisieren" dürfe - eine Frage, die überhaupt nur begreiflich ist, wenn man einen sehr engen Begriff von Historisierung - das Ablegen in der Vergangenheit - unterstellt. Götz Alys Blickpunkt erlaubt eine denkbar umfassende Historisierung der nationalsozialistischen Verbrechen, die auf eine ebenso umfassende Vergegenwärtigung hinausläuft.

Denn machen wir uns nichts vor: Dass Gesundheitspolitik auch und vor allem Sozialpolitik ist, gilt bis heute und wird bei der demnächst bevorstehenden Überalterung der Gesellschaft an Gewicht wieder zunehmen; Umverteilung ist die wichtigste Aufgabe des Sozialstaats geblieben, und sie orientiert sich wie je am gesellschaftlichen Durchschnitt; ethnische Säuberungen und Bevölkerungspolitik sind inzwischen zwar schlecht angesehen, doch auch wir sorgen uns um die Integration von Ausländern und wollen das Entstehen von "Parallelgesellschaften" verhindern, weil wir glauben, dass Staat und Demokratie ohne eine gewisse kulturelle Homogenität nicht funktionieren können.

All das ist noch nicht Vernichtungspolitik, aber es zeigt doch, dass diese keineswegs aus dem Nichts, gar einem schwarzen Loch des Verstehens kam. Der schmerzhafteste (und als Forschungsleistung brillanteste) von Alys Befunden ist die Nachzeichnung der aufwendigen Konsensbildung vor dem Entschluss zum Judenmord in seinem Buch "Endlösung" von 1995. Die Entscheidung zur Vernichtung entsprang eben nicht einfach einem ideologisch motivierten Durchgriff von oben, sondern, nachdem seit Kriegsbeginn enorme Bevölkerungsverschiebungen in Gang gesetzt worden waren, einem beständigen Hin und Her zwischen leitenden und untergeordneten Stellen. Wir sehen die üblichen Prozeduren einer allerdings schwer ins Trudeln geratenen Bürokratie. Bis in die jüngste Zeit wurde die Forscherdebatte über den Weg zum Mord zwischen sogenannten "Intentionalisten" und "Funktionalisten" geführt, also zwischen jenen, die alle Verantwortlichkeit dem Führer und seinem irrationalen Wollen zuschrieben, und den anderen, die die stufenweise Radikalisierung der Apparate betonten. Inzwischen hat sich der Streit, nicht zuletzt dank der Forschungen Alys, erledigt. Man ist versucht, von einem breit gestreuten Intentionalismus zu sprechen, wenn man den Eifer auf allen Ebenen registriert, mit dem die Vernichtung angesteuert wurde.

All das ist verstörend in höchstem Grad. Diese Art der Historisierung macht Schluss mit dem Weiterreichen des Schwarzen Peters zwischen aufgeputschten Massen und herrschenden Klassen, Finanzkapital und Kleinbürgern, Reaktionären und Fortschrittlern, Gebildeten und Aufgehetzten. Niemand ist auf der sicheren Seite. Das Dritte Reich war, darauf beharrt Götz Aly mit Strenge, das Regime, das den höchsten, durchaus klassen- und milieuübergreifenden Zustimmungsgrad in der deutschen Geschichte erreichte. Wir können den Holocaust nicht mehr in ein Nirwana der Unbegreiflichkeit abschieben, wenn wir verstanden haben, dass er Tendenzen entsprang, an denen wir bis heute Anteil haben. Wie schmerzhaft das sein kann, hat eine der umstrittensten Entdeckungen Alys spürbar gemacht: der Nachweis, dass einige Kirchenväter gerade der kritisch-innovativen deutschen Nachkriegshistorie, Theodor Schieder und Werner Conze, als Experten und Gutachter der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik in Ostmitteleuropa vorgearbeitet haben. Dankbare Schüler verehrter Meister mussten erkennen, dass sie aus akademischen Zusammenhängen stammten, in denen auch der Massenmörder Theodor Oberländer tätig war (6).

Aus seinen niederschmetternden Befunden ist dem Publizisten Götz Aly eine große Kraft und eine einzigartige Stellung im deutschen Journalismus zugewachsen. Es gibt kaum eine Frage der Gegenwart, zu der Aly nicht einen Vorlauf aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nachweisen und ein Fundstück aus den Quellen vorzeigen kann - ob es sich um Volkszählungen (7) oder das Rabattgesetz handelt, unsere Neigung zum sozialen Quotieren oder die Verteilung ausländerfeindlicher Übergriffe in der deutschen Kulturgeographie. Der journalistische Stil, den Aly für seine Interventionen entwickelt hat, unterscheidet sich dabei denkbar stark vom branchenüblichen moralisierenden Tremolo; er ist von einer ungemütlichen, durchweg interessanten, sogar unterhaltsamen Faktendichte, einer immer ins Herz des Konsenses treffenden Schärfe, einer sperrigen, schmucklosen Brillanz und einem Pathos, das sich ganz in Sachlichkeit gekleidet hat. Es ist ein Vergnügen, diesen Autor zu lesen, der lieber ein weiteres schlagendes Zitat vorführt, als dass er sich irgendeine Eitelkeit gestatten würde. Wir lernen eine Humanität kennen, die völlig frei von Rhetorik ist; ihre höchste Tugend ist Genauigkeit. Dabei findet Aly immer wieder Bilder, in denen die schreckliche Ambivalenz der Epoche gleichsam epigrammatisch gefasst ist. 1997 wogte in deutschen Schriftstellerkreisen die Debatte über die angeblich fehlende Literatur zum Luftkrieg gegen deutsche Großstädte. Damals hatte Aly seine Kritik an einem verheuchelten Gedenken der Stadt Dresden schon publiziert. Nach dem 13. Februar 1945 wurden Tausende Leichen der Bombenopfer auf dem Altmarkt über großen, mit Straßenbahnschienen errichteten Rosten verbrannt. "Wo gibt es eine Parallele?", fragte erschüttert ein Dresdner Chronist. Mit Kälte wies Aly darauf hin, dass jene Dresdner Roste von Fachleuten eines SS-Bataillons errichtet worden waren, die ihre Technik in den Vernichtungslagern des Ostens entwickelt hatten (8).

Der voltairische Schriftsteller, den Heinrich Mann gegen den Quietismus der deutschen Tradition in Stellung brachte, kämpft für die Menschheit im Staub. Das hat Götz Aly immer wieder getan. Viele seiner Vorträge waren von Tumulten begleitet - zuletzt auf dem Frankfurter Historikertag von 1998. Etliche Gerichtsverfahren erwuchsen aus seinen Aktenfunden. Er konnte mitbewirken, dass die zu Forschungszwecken konservierten Überreste von Euthanasieopfern bestattet wurden. Eine Erinnerungstafel für die medizinischen Vernichtungsopfer der T4 bei der Philharmonie geht auch auf seine Initiative zurück.

Wie steht es mit Humanität und Menschenliebe hundert Jahre nach Heinrich Manns Essay? Götz Alys Antwort ist, wie könnte es anders sein, gebrochen. Nachdenklich verweist er auf den Humanitätsvorsprung, den katholische Gebiete bei der Statistik von ausländerfeindlichen Gewaltakten aufweisen, auf den Zusammenhang eines unbedingten Lebensschutzes in der Abtreibungsfrage mit dem Widerstand gegen die Euthanasie. Wichtiger noch erscheint, dass Alys Forschungen uns mit uns selbst bekannt machen - mit all der Kaltherzigkeit, Selbstgerechtigkeit und ideologischen Hemmungslosigkeit, die uns in einer abstrakten Welt zugewachsen sind. Dagegen setzt Aly die konkreten Geschichten und anschaubaren Gesichter einzelner Opfer, nicht zufällig oft die von Kindern. 1991 beobachtete er für die "taz" den Prozess gegen Erich Mielke. Alys Bericht läuft zu auf das Schicksal einer der Leidtragenden der großen ideologischen Jahrhundertauseinandersetzung, an die man wohl am wenigsten gedacht hätte: die Tochter des von Mielke 1931 erschossenen Polizisten. Er zitiert aus einer Zeitung von damals: "Nach der Schießerei am Bülowplatz kam das elfjährige Töchterchen, das sich allein in der Wohnung befand, zum Polizeirevier und erkundigte sich nach seinem Vater. Keiner der Polizeileute hatte den Mut, dem Mädchen vom Tod des Vaters zu erzählen." "Diesem Mädchen", setzte Aly befriedigt hinzu, "verhalf die 23. Große Strafkammer des Berliner Landgerichte nach 62 Jahren zum Recht. L'affaire d'un seul est l'affaire des tous."

Der Redakteur Götz Aly kann ein gestrenger Kollege sein, der seine unverkennbare Gutartigkeit zuweilen in eine etwas sarkastische, stachelige Attitüde kleidet. Ist ein von ihm angeregter Text nicht völlig misslungen, pflegt er mit schütterer Stimme zu sagen: "Recht ordentlich." Das dürfen wir heute abend zurückgeben: Recht ordentlich, Aly!


*

Von Gustav Seibt erschien zuletzt "Rom oder Tod - Der Kampf um die italienische Hauptstadt".
(1) Götz Aly, Wofür wirst du eigentlich bezahlt? Möglichkeiten praktischer Erzieherarbeit zwischen Ausflippen und Anpassung. Rotbuch Verlag, Berlin 1977.
(2) Monika Aly, Götz Aly, Morlind Tumler, Kopfkorrektur oder Der Zwang gesund zu sein. Rotbuch Verlag, Berlin 1981.
(3) Vgl vor allem: Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, herausgegeben von Götz Aly u.a., Rotbuch, Berlin 1985 ff (10 Bände). Zusammenfassend: The Value of Human Being. Medicine in Germany 1918-1945, hrsg. von der Bundesärtztekammer, Berlin 1991. (Zusammen mit Christian Pross)
(4) Götz Aly und Susanne Heim, Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung. Hoffmann und Campe, Hamburg 1991.
Götz Aly
, "Endlösung". Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1995. Götz Aly, Dafür wird die Welt büßen. "Ethnische Säuberungen" - Die Geschichte eines europäischen Irrwegs. FAZ, 27. Mai 1995.
(5) Christian Gerlach und Götz Aly, Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden. DVA, Stuttgart 2002.
(6) Götz Aly, Theodor Schieder, Werner Conze oder Die Vorstufen der physischen Vernichtung. In: Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, hrsg. von Winfried Schulze und Otto Gerhard Oexle. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1999, S. 163-182.
(7) Götz Aly und Karl Heinz Roth, Die restlose Erfassung. Volkszählen, Identifizieren, Aussondern im Nationalsozialismus. Rotbuch, Berlin 1984.
(8) Den Journalisten Aly lernen wir am besten kennen in: Macht Geist Wahn. Kontinuitäten deutschen Denkens. Argon Verlag, Berlin 1997.



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