Bücherschau der Woche
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Klappentext
Übersetzt von Terezia Mora. Die Esterhazys, eine der großen Aristokratenfamilien Europas, haben sich über Jahrhunderte in die ungarische und habsburgische Geschichte eingeschrieben. Buch I dieses Romans heißt "Numerierte Sätze aus dem Leben der Familie Esterhazy". Es bietet ein barockes Füllhorn an Legenden, Chroniken, Registern, Mythen und Episoden, ein Mosaik aus Texten, in denen jede Chronologie aufgehoben ist, und die nur eine Hauptfigur kennen: "Mein Vater". "Die Bekenntnisse einer Familie Esterhazy" (Buch II) erzählen von dem Leben einer aristokratischen Familie im 20. Jahrhundert unter den Bedingungen der Diktatur, seit der Räterepublik 1919 bis in die jüngere Vergangenheit. Eine Geschichte von Enteignung, Aussiedlung und Verarmung, die Geschichte einer Familie vor dem Nichts. Zwischen diesen beiden Polen, dem Alles und dem Nichts, bewegt sich das Familienschicksal der Esterhazys.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.11.2001
Überaus ausführlich und sehr kritisch widmet sich Andreas Breitenstein der Familiengeschichte Esterhazys, die nun in einer hervorragenden Übersetzung von Terezia Mora vorliegt. Die in Ungarn hoch gelobte Geschichte des ungarischen Adelsgeschlechts sei vom ästhetischen Standpunkt her keinesfalls leichte Kost, befindet der Rezensent, und er meint dies durchaus nicht positiv. Dem Leser sei es unmöglich, in diesem monumentalen Werk Chronologie oder deutlich erkennbare Erzählstränge herauszulesen. Eine furiose Mischung von Elementen der verschiedensten literarischen Gattungen und von Sprach- und Stilebenen erschwere zudem das Verständnis in einem unnötigen Ausmaß. Der Rezensent kritisiert, dass die postmoderne Ironie in einem derartigen Übermaß dem Inhalt des Buches nicht mehr gerecht werden kann und dass der Leser nach den ständigen Witzeleien nicht mehr zum angemessenen Ernst zurückfinden könne. Breitensteins Fazit ist daher negativ: "Peter Esterhazy zerredet (s)eine Familiengeschichte."
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.10.2001
"Bedeutend kompliziert" - so kennzeichnet Jens Jessen das Werk des Autors, bedeutend kompliziert ist auch dieses Buch. Schon weil es allerhand Aufwand braucht, um dem bei einer "Wiedereroberung der Familienidentität" drohenden "Nostalgiepotenzial" auszuweichen, wird das so sein. Jessen zählt auf: Figuren, Schnurren, Anekdoten, Zitate, Anspielungen und Bildungsfrüchte die Fülle, ein "überbordender Aufbau", der an den großen lateinamerikanischen Roman der 60er, 70er erinnert, ein babylonisches Stimmengewirr. Aber auch was fehlt, benennt Jessen: der Wille zur Konstruktion eines Garcia Marquez etwa, der handwerkliche Aufwand eines Vargas Llosa, das realistische Prinzip, die Chronologie. Stattdessen dieses "kapriziöse, elliptische, sprachskeptische Nichterzählen," dieses dialektische Spiel aus Mythologie und Aufklärung - das dem Rezensenten immerhin recht bedeutend erscheint.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.10.2001
Esterhazys gab es viele. Der Autor schöpft aus dem Vollen - die Sippschaft ist groß, die Familiengeschichte lang, zumal wenn man es nicht so genau nimmt wie der hier besprochene Autor, den Lutz Hagestedt für einen ganz großartigen und eigenwilligen Erzähler hält. Man darf sich also keinen sentimentalen Epochenroman vorstellen, der die K.u.K.- oder Revolutionszeit wiederaufleben lässt, sondern vielmehr - im ersten Teil - eine Art "Springprozession durch die Geschichte der Gewalt". Mosaikförmig werden hier Namen, Anekdoten, Ereignisse der ungarischen Geschichte zusammengetragen - wie gesagt, der Esterhazys waren viele. Der zweite Teil, mit einem Ich-Erzähler im Alter des Autors, lässt eher schon lineares Erzählen zu, meint Hagestedt. Nichts dürfe man weniger vom Autor erwarten, als dass er um die große Vergangenheit trauere. Der Roman als spöttischer Befreiungsschlag, der die verschiedensten Genres, Jargons, Manierismen transportiert; mal mit Pathos, mal ironisch, mal volksnah. Die Übersetzerin jedenfalls, lobt der Rezensent, hat den andauernden Registerwechsel bravourös nachvollzogen. Und ausnahmsweise wird auch mal ein gutes Lektorat gelobt.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.09.2001
Der Tag, an dem dieses Buch in Deutschland erscheint, ist für Lothar Müller ein "Festtag für die europäische Literatur". Nun habe alle Welt damit gerechnet, dass "der große Roman, mit dem Europa vom zwanzigsten Jahrhundert Abschied nimmt", aus Amerika kommen würde - doch nun ist es ein Roman geworden, der aussehe wie die "Frucht eines Seitensprungs der avancierten Moderne mit dem Barock". Müller kann kaum genug lobende Worte finden, so begeistert ist er von diesem Band: Er lobt es als "unangestrengt durchtrieben" wie kaum eines sonst, voll mit Geschichte und Gegenwart, Witz und Trauer. Esterházy geht, wie der Leser erfährt, auch seiner Familiengeschichte nach, zu Recht, wie Müller findet, denn ergiebig ist diese wie kaum eine europäische sonst. Und so kommen die Türkenkriege hier genauso vor, wie Churchill, Wilhelm II. und die eigene Kindheit des Autors. Müller betont allerdings, dass Esterházy weit entfernt ist vom "neudeutsch-treuherzigen Entlangschreiben an der eigenen Kindheit und Jugend". Die Abschnitte seien eher die "Parodie einer Ordnung", und auch als historischen Roman könne man das Buch nicht verstehen. Nach Müller gleite der Erzähler eher wie ein "Luftgeist" durch die Generationen, was Müller ausgesprochen anregend findet. Auch die Übersetzung durch Terézia Mora findet der Rezensent "hervorragend".
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