Wie wird Gewalt sich selbst und der Welt gegenüber gerechtfertigt? Kündigen Rechtfertigungen kommende Gewalt an? Sind sie wie ein Seismograph, an dem sich der Stand einer Gesellschaft ablesen lässt? Das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen ist ein historisch belastetes, ein lange von Gewalt geprägtes. Auch Geschichten über Gegenwärtiges lassen sich nicht erzählen ohne das Bewusstsein von Schuld, von Fragen nach Opfern und Tätern in historischen Prozessen, die bis heute fortwirken. Polnische und deutsche Künstler und Autoren waren eingeladen, sich mit diesen Fragen vor dem Hintergrund ihrer Biografien und ihrer geschichtlichen Erfahrungen auseinanderzusetzen. Volker Braun, Durs Grünbein, Matthias Göritz, Silke Scheuermann sowie Salinia Stroux beteiligten sich von deutscher Seite, Jacek Dehnel, Wojciech Jagielski, Marian Pankowski, Wojciech Tochmann, Olga Tokarczuk und Magdalena Tulli von polnischer.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2011
Marta Kijowska stellt bei der Lektüre der deutsch-polnischen Anthologie fest, dass der Zweite Weltkrieg nicht den alleinigen, aber immer noch einen wichtigen Bezugspunkt deutsch-polnischer Beziehung darstellt. Vier der zehn Texte, die von fünf polnischen und fünf deutschen Autoren verfasst wurden, beziehen sich auf diese Zeit, daneben wird aber auch vom Völkermord in Ruanda oder aus einem griechischen Flüchtlingslager oder einer deutschen Großstadt erzählt, stellt sie fest. Der überwiegende Teil des Bandes scheint ihr gefallen zu haben, sie hebt sieben Geschichten positiv hervor. Nur Durs Grünbeins enthaltene Dankesrede für den Samuel-Lind-Preis und Volker Brauns Geschichte um einen Mann, dem im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Polen der Landrover gestohlen wird, wirft sie "Banalität" oder fehlende Originalität vor. Als beeindruckendsten Text des ganzen Bandes aber hebt sie Wojciech Tochmans Essay über den Massenmord in Ruanda heraus, der nicht nur in grausamer Genauigkeit die Gräueltaten festhält, sondern auch die erschütternden weil indifferenten Reaktionen eines nordeuropäischen Publikums bei einer Lesung.
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