Herausgegeben von Wolfgang Schuller in Zusammenarbeit mit Gerd Giesler. Die Tagebücher Carl Schmitts aus den Jahren 1930 bis 1934 zeigen einen zutiefst ambivalenten Menschen: selbstbewusster Ehrgeiz und Hochstimmung über das Erreichte, dann wieder Selbstzweifel und Depressionen; konzentriertes Arbeiten an zum Teil epochemachenden Aufsätzen, Vorträgen und Büchern, abgelöst von Phasen der hilflosen Inaktivität; peinlich genaue Erfüllung seiner vielfältigen Pflichten als Hochschullehrer neben ausgedehntem Gasthausbesuch und starkem Weinkonsum; sein Leben als glücklicher Ehemann und Vater zugleich mit erotischen Abenteuern und Leidenschaften. Besonders auffallend und zum Teil bedrückend ist das Nebeneinander von Hochachtung und Herzlichkeit gegenüber Juden und Katholiken und dann wieder von bis zum Hass gehender tief sitzender Abneigung. Hinzu kommen die Versuche, bis zum letzten Moment an der Verhinderung einer nationalsozialistischen Regierung mitzuwirken, und intensive, sogar teilweise begeisterte Mitarbeit nach deren Machtantritt, wobei dennoch immer wieder Zweifel aufkommen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2011
Für Patrick Bahners ist diese Tagebuch-Edition eine Frage des moralischen Geschmacks. Wobei sich fragen ließe, ob Moral und Geschmack nicht zwei völlig verschiedene Dinge sind. So respektvoll Bahners die mühsame Entzifferung von Carl Schmitts Gabelsberger Kurzschrift durch den Herausgeber Wolfgang Schuller in Augenschein nimmt, so abstoßend erscheint ihm der Inhalt von Schmitts Aufzeichnungen. Nicht als großer Bekenner, wie Schuller es sich wünscht, steht Schmitt für ihn dar, sondern als großer Säufer und Ehebrecher im antisemitischen Dauerdelirium. Die Leistung des Herausgebers beschränkt sich laut Bahners im Wesentlichen auf eine Euphemisierung des Schmittschen Judenhasses im Nachwort.
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