Die Konzepte und Praktiken des Erbes geben darüber Auskunft, in welcher Weise die Lebenden mit den vorausgegangenen und kommenden Generationen verbunden sind: durch Schrift oder Leib, Familie oder Gedächtnis, Hinterlassenschaften oder Gene. Dabei ist die kulturelle Überlieferung nicht unabhängig davon, ob sie im Zeichen von Tradition, Evolution oder etwa Genetik gedacht wird. Genea-Logik, die Rede über Überlieferung und Erbe, verbindet Literatur, Kunst, Philosophie und Wissenschaft. Etliche Begriffe wie Generation, Gattung, Geschlecht und viele Wissensfiguren und Narrative wie Stammbaum, Entwicklungsmodell, Familienroman und Verwandtschaft kommunizieren zwischen den zwei Kulturen und belegen eher deren Nähe und Austausch als den vielbeschworenen Science War. Welche konkreten Vorstellungen von Überlieferung mit diesen Figuren hervorgebracht werden, das zeigt sich im Detail der Bilder und Konzepte. Indem sie zentrale Linien und Umbrüche des genealogischen Wissens in Literatur und Wissenschaftsgeschichte verfolgt, untersucht Sigrid Weigel deren manchmal unheimliche Bedeutungsstrukturen: die Tendenz zur Angleichung kultureller Prozesse an das Reproduktionsgeschehen, die Rolle familialer Metaphern, die Spannung zwischen genealogischen und klassifikatorischen Operationen und die Nähe genealogischer Vorstellungen zur Konstruktion von Einheiten: von der Generation über die Gattung bis zur Nation.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.09.2006
In ihrem Buch zum genealogischen Diskurs wirft Sigrid Weigel einen überzeugenden Blick über den Tellerrand der Kultur- und Literaturwissenschaft hinüber zu den Naturwissenschaften, stellt Hartwin Brandt bewundernd fest. Die Autorin untersucht die Begriffsfelder Genealogie, Tradition, Gattung und Evolution, wobei sie historisch nicht weiter als bis zum 18. Jahrhundert zurück geht. Furchtlos schalte sich Weigel auch in naturwissenschaftliche "Fachdiskurse" ein und könne plausibel die Übereinstimmung zwischen geistesgeschichtlichen und naturwissenschaftlichen Gedankengängen darlegen, so der Rezensent beeindruckt. Wenn auch nicht alle Versuche Weigels überzeugen, Natur- und Geisteswissenschaft in ein Deckungsverhältnis zu bringen, ist Brandt insgesamt begeistert von dieser Studie, die er als höchst gelungene interdisziplinäre Arbeit preist. Nicht nehmen lässt er es sich schließlich, die große "Belesenheit" und terminologische Sattelfestigkeit der Autorin herauszustreichen.
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