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zuletzt aktualisiert 19.03.2010, 14.00 Uhr

Bücher der Saison

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Jürgen Schreiber

Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter

Das Drama einer Familie

Cover: Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter

Pendo Verlag, München und Zürich 2005
ISBN-10 3866120583
ISBN-13 9783866120587
Gebunden, 304 Seiten, 22,50 EUR

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Klappentext

Gespenstisch miteinander verflochten sind die Lebensläufe von Gerhard Richters Tante Marianne und seinem früheren Schwiegervater, Professor Dr. Heinrich Eufinger, einem Nazi der ersten Stunde. Tante Marianne fällt in die Hände der NS-Psychiatrie, wird mit 21 Jahren zur "Unfruchtbarmachung" verurteilt und 1945 nach langem Leidensweg als eines von 250.000 Euthanasie-Opfern ermordet. Im gleichen Zeitraum hat SS-Obersturmbannführer Eufinger als Direktor der Dresdner Frauenklinik nahezu 1.000 Zwangsterilisierungen zu verantworten. Trotz seiner Nazi-Vergangenheit wird er angesehener Chefarzt, erst in der DDR, dann im Westen. Dies alles liegt für Richter im Dunkeln, als er sich in den fünfziger Jahren in Eufingers Tochter Marianne, genannt "Ema", verliebt. 1961 flüchtet Richter aus der DDR. Später porträtiert er seine Verwandten, ohne die schrecklichen Zusammenhänge zu kennen.

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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.03.2006

Im Reportagestil habe der Autor sein Gerhard Richter-Porträt verfasst, konstatiert Rezensent Georg Imdahl, und das habe Vor- und Nachteile zugleich. Dank der detektivartig nacherzählten Recherche zu Richters Leben und insbesondere zu den Hintergründen einiger seiner Bilder biete das Buch eine spannende Lektüre. Dieser "Reportagestil" neige auf der anderen Seite aber auch zu Spekulationen und "unnötig reißerischen" Passagen. Unnötig, weil der Autor viele historische Fakten herausgefunden habe, die auch Richter nicht bekannt waren, der aber gleichwohl den "Jargon" von Schreibers Darstellung als aufgebauscht kritisiert hätte. Der Autor habe speziell den Leidensweg von Richters Tante Marianne Schönfelder "minuziös rekonstruiert". Sie wurde 1945 in einem Lager ermordet, nachdem sie seit 1937 als so genannte Schizophrene in die "Mühlen der Euthanasie" geraten sei. Nach einem Foto habe Richter das bekannte Porträt "Tante Marianne" gemalt, auf dem er selbst als Baby zu sehen ist. Auf dem Bild "Familie am Meer" sei ein weiteres Familienmitglied zu sehen, der Naziarzt Heinrich Eufinger, der für bis zu tausend Zwangssterilisationen verantwortlich gewesen sei. Interessant sei nun, so der Rezensent, dass Richter diese historischen Zusammenhänge in seiner Familiengeschichte zur Zeit der Entstehung von "Familie am Meer" nicht gewusst habe. Richters auf dem Buchumschlag zitierter Satz: "Meine Bilder sind klüger als ich" sei deshalb mehr als ein "betörend geheimnisvoller Satz".

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.12.2005

Hohes Lob erhält Jürgen Schreiber für sein Porträt, wenn Rezensent Ernst Piper es als Fotobild im Sinne Richters bezeichnet. Richter habe als Künstler seine eigene Lebensgeschichte "bildlich rekonstruiert", bevor sie ihm mit all ihren auch historischen "Verstrickungen" bewusst war. So zeige der Buchumschlag eines von Richters berühmtesten Fotobildern, auf dem er selbst als Baby in den Armen seiner 14-jährigen Tante Marianne zu sehen ist. Als schizophren diagnostiziert und verurteilt wurde sie 1945 in einer NS-Klinik ermordet. Einer der an solchen Verbrechen beteiligten Klinikdirektoren wurde später Richters Schwiegervater. Auch ihn, SS-Obersturmbannführer Heinrich Eufinger, dessen Bild immer noch in der Dresdner Frauenklinik hänge, habe Richter malend erinnert, zusammen mit Frau und zwei Kindern in "Familie am Meer" von 1964. Mit seiner Biografie, so der Rezensent, vervollständige der Autor nun Richters bereits bildnerisch angelegte Recherche und Rekonstruktion um die Akteninformationen aus DDR-Archiven. So sei eine zugleich "dramatische" und "anrührende Nahaufnahme" eines der bedeutendsten lebenden deutschen Maler entstanden, die zudem "glänzend" geschrieben sei. Mitunter auch ein wenig zu glänzend für den Geschmack des Rezensenten.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2005

Eduard Beaucamp findet dieses Buch über den Maler Gerhard Richter aufregend, obwohl, nein, gerade weil es die Kunst Richters geradezu programmatisch verfehlt. Man darf also vermuten, und findet es auch bestätigt, dass Beaucamp dieser Kunst nicht gerade unkritisch gegenübersteht. So charakterisiert er Richter etwa als "Meister der Indifferenz, der Verweigerung und Neutralisierung jeder Aussage" - und sein Lob für Jürgen Schreibers Arbeit an Differenzierung, historischer Recherche und Herausarbeitung von Aussagen macht dann klar, dass er seine Zweifel auch an der künstlerischen Validität des Richterschen Vorgehens hat. Hinterrücks bekommen die bewusst offen gehaltenen unscharfen Bilder so ihre Botschaften. Und zwar vor allem als Zeugnisse für das Fortwirken des Nationalsozialismus in der demokratisierten Bundesrepublik. Schreiber recherchiert etwa die Geschichte der von Richter gemalten "Tante Marianne", den Euthanasie-Prozess um den Schwiegervater Eufinger und liest diese Recherche dann zurück auf die Bilder. Dies ist, soviel gesteht Beaucamp auch zu, kein Vorgehen nach den Regeln, die aus der Kunstwissenschaft vertraut sind. Gerhard Richter selbst hat entsprechend ablehnend reagiert. Das aber ändert nichts daran, dass der Rezensent den Band "mit fast atemloser Spannung und wachsender Beklemmung" gelesen hat.

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2005

Wenn im Klappentext dieses Buches steht, der Autor Jürgen Schreiber sei einer der "besten investigativen Journalisten" des Landes, weckt das zwar zunächst einmal den "Argwohn" von Burkhard Müller. Tatsächlich aber überrascht und begeistert ihn diese Untersuchung der Familienbilder des Malers Gerhard Richter. Müller haben sich unter dem genauen Blick des Autors und seinen gründlichen Recherchen "Tiefen" und Hintergründe der Bilder eröffnet, die selbst dem Maler nicht bekannt gewesen sein dürften. Das Familienfoto, mit dem Schreiber seine Studie beginnt und aus dem 1965 Richters Bild "Mutter und Kind" entstand, gibt unter der genauen Erforschung des Autors eine "unglaubliche Geschichte" preis, so der Rezensent beeindruckt. So wie am Beispiel dieses Bildes "zwingt" der Autor auch aus anderen Werken Richters jeweils die "Tiefe der Geschichte hervor", notiert der Rezensent fasziniert. Neben der "investigativen Hartnäckigkeit" preist er aber auch Schreibers Fähigkeit, das, was er auf Fotos und Bilder sieht, zu "versprachlichen" und so die Leser an seinen optischen Funden teilhaben zu lassen.

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