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Klappentext
Gespenstisch miteinander verflochten sind die Lebensläufe von Gerhard Richters Tante Marianne und seinem früheren Schwiegervater, Professor Dr. Heinrich Eufinger, einem Nazi der ersten Stunde. Tante Marianne fällt in die Hände der NS-Psychiatrie, wird mit 21 Jahren zur "Unfruchtbarmachung" verurteilt und 1945 nach langem Leidensweg als eines von 250.000 Euthanasie-Opfern ermordet. Im gleichen Zeitraum hat SS-Obersturmbannführer Eufinger als Direktor der Dresdner Frauenklinik nahezu 1.000 Zwangsterilisierungen zu verantworten. Trotz seiner Nazi-Vergangenheit wird er angesehener Chefarzt, erst in der DDR, dann im Westen. Dies alles liegt für Richter im Dunkeln, als er sich in den fünfziger Jahren in Eufingers Tochter Marianne, genannt "Ema", verliebt. 1961 flüchtet Richter aus der DDR. Später porträtiert er seine Verwandten, ohne die schrecklichen Zusammenhänge zu kennen.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.03.2006
Im Reportagestil habe der Autor sein Gerhard Richter-Porträt verfasst, konstatiert Rezensent Georg Imdahl, und das habe Vor- und Nachteile zugleich. Dank der detektivartig nacherzählten Recherche zu Richters Leben und insbesondere zu den Hintergründen einiger seiner Bilder biete das Buch eine spannende Lektüre. Dieser "Reportagestil" neige auf der anderen Seite aber auch zu Spekulationen und "unnötig reißerischen" Passagen. Unnötig, weil der Autor viele historische Fakten herausgefunden habe, die auch Richter nicht bekannt waren, der aber gleichwohl den "Jargon" von Schreibers Darstellung als aufgebauscht kritisiert hätte. Der Autor habe speziell den Leidensweg von Richters Tante Marianne Schönfelder "minuziös rekonstruiert". Sie wurde 1945 in einem Lager ermordet, nachdem sie seit 1937 als so genannte Schizophrene in die "Mühlen der Euthanasie" geraten sei. Nach einem Foto habe Richter das bekannte Porträt "Tante Marianne" gemalt, auf dem er selbst als Baby zu sehen ist. Auf dem Bild "Familie am Meer" sei ein weiteres Familienmitglied zu sehen, der Naziarzt Heinrich Eufinger, der für bis zu tausend Zwangssterilisationen verantwortlich gewesen sei. Interessant sei nun, so der Rezensent, dass Richter diese historischen Zusammenhänge in seiner Familiengeschichte zur Zeit der Entstehung von "Familie am Meer" nicht gewusst habe. Richters auf dem Buchumschlag zitierter Satz: "Meine Bilder sind klüger als ich" sei deshalb mehr als ein "betörend geheimnisvoller Satz".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.12.2005
Hohes Lob erhält Jürgen Schreiber für sein Porträt, wenn Rezensent Ernst Piper es als Fotobild im Sinne Richters bezeichnet. Richter habe als Künstler seine eigene Lebensgeschichte "bildlich rekonstruiert", bevor sie ihm mit all ihren auch historischen "Verstrickungen" bewusst war. So zeige der Buchumschlag eines von Richters berühmtesten Fotobildern, auf dem er selbst als Baby in den Armen seiner 14-jährigen Tante Marianne zu sehen ist. Als schizophren diagnostiziert und verurteilt wurde sie 1945 in einer NS-Klinik ermordet. Einer der an solchen Verbrechen beteiligten Klinikdirektoren wurde später Richters Schwiegervater. Auch ihn, SS-Obersturmbannführer Heinrich Eufinger, dessen Bild immer noch in der Dresdner Frauenklinik hänge, habe Richter malend erinnert, zusammen mit Frau und zwei Kindern in "Familie am Meer" von 1964. Mit seiner Biografie, so der Rezensent, vervollständige der Autor nun Richters bereits bildnerisch angelegte Recherche und Rekonstruktion um die Akteninformationen aus DDR-Archiven. So sei eine zugleich "dramatische" und "anrührende Nahaufnahme" eines der bedeutendsten lebenden deutschen Maler entstanden, die zudem "glänzend" geschrieben sei. Mitunter auch ein wenig zu glänzend für den Geschmack des Rezensenten.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2005
Wenn im Klappentext dieses Buches steht, der Autor Jürgen Schreiber sei einer der "besten investigativen Journalisten" des Landes, weckt das zwar zunächst einmal den "Argwohn" von Burkhard Müller. Tatsächlich aber überrascht und begeistert ihn diese Untersuchung der Familienbilder des Malers Gerhard Richter. Müller haben sich unter dem genauen Blick des Autors und seinen gründlichen Recherchen "Tiefen" und Hintergründe der Bilder eröffnet, die selbst dem Maler nicht bekannt gewesen sein dürften. Das Familienfoto, mit dem Schreiber seine Studie beginnt und aus dem 1965 Richters Bild "Mutter und Kind" entstand, gibt unter der genauen Erforschung des Autors eine "unglaubliche Geschichte" preis, so der Rezensent beeindruckt. So wie am Beispiel dieses Bildes "zwingt" der Autor auch aus anderen Werken Richters jeweils die "Tiefe der Geschichte hervor", notiert der Rezensent fasziniert. Neben der "investigativen Hartnäckigkeit" preist er aber auch Schreibers Fähigkeit, das, was er auf Fotos und Bilder sieht, zu "versprachlichen" und so die Leser an seinen optischen Funden teilhaben zu lassen.
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Jürgen Schreiber
Jürgen Schreiber ist Journalist. Er arbeitete für die Stuttgarter Zeitung, Frankfurter Rundschau und das SZ-Magazin und war Gründungsmitglied der Woche. Seit 2001 ist er Chefreporter beim Berliner Tagesspiegel. Für seine ... mehr lesen
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