Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
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Klappentext
In Briefen an einen Jugendfreund, an seine Schwester und an eine unerreichbare Geliebte schildert Enrico Türmer, verhinderter Schriftsteller und angehender Zeitungsredakteur, sein Leben in der DDR und zur Zeit der Wende. Alle Briefe wurden im ersten Halbjahr 1990 geschrieben und dokumentieren Türmers ganz persönliche Lebenswende in den Zeiten des Umbruchs.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.10.2005
Rezensent Martin Krumbholz kann es kaum fassen, dass sich der wunderbare Erzähler Ingo Schulze in die Fußnoten seines neuen Romans verbannt habe. Die formale Grundidee, einen Briefroman mit kommentierenden Anmerkungen zu schreiben, ist aus Sicht des Rezensenten "wenig plausibel" und darüber hinaus nur ein "Alibi für ausbleibende sprachliche Anstrengungen". Den Hauptteil des auf 800 Seiten "aufgeblähten" Buches mache der in "glanzlosen" Briefen verfasste Lebensbericht der Hauptfigur Enrico Türmer aus. Trotz der doppelten Faustanspielung des Namens, so der Rezensent, bleibe die Lebensgeschichte Türmers bis zum Juli 1990 die eines "durchschnittlichen" Menschen und die Prosa der Briefe "pomadig". Auch sei die Faust-Analogie von Schulzes Wende- und Kapitalismusroman insgesamt zu wenig ausgearbeitet, um wirklich zum Tragen zu kommen. Mit "Neue Leben" sei Ingo Schulze leider nicht der von vielen gelobte Balzac der deutschen Wendezeit geworden und das Romanprojekt auf "hohem Niveau" gescheitert, urteilt der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.10.2005
Obwohl Ingo Schulzes neuer Roman mit 750 Seiten ein "gewaltiges" Buch ist, hat sich Rezensent Jörg Magenau zu keinem Zeitpunkt gelangweilt. Zwar sei der Autor kein "Wortmagier", dennoch wolle man immer "wissen, wie es mit dem Protagonisten Enrico Türmer weitergeht", dessen Leben dem des Autors ähnelt. In Briefen an drei Personen erzählt Türmer von seinem Leben, das sich durch den Mauerfall verändert hat. Der Leser erfährt Details aus Kindheit, Jugend und NVA-Zeit, erlebt, wie Türmer Theaterdramaturg wird und nach der Wende Redakteur einer Wochenzeitung und schließlich Macher eines florierenden Anzeigenblattes wird. Schulze zeigt, dass die Wende nicht nur eine politische war, sondern sich jeder "in den veränderten Verhältnissen neu zu erfinden" hatte. Ein besonderer Clou liegt nach Ansicht des Rezensenten darin, dass Schulze einen fiktiven Herausgeber kreiert, der Türmers Briefe sammelt und veröffentlicht. Und obwohl die Prosa des Autors zunächst ein wenig "spröde" wirke, gelinge es Schulze, mit jedem Brief ein Stück mehr "Spannung" aufzubauen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.10.2005
Ursula März bemüht den Begriff der "Wendejacke", um den jüngsten Roman von Ingo Schulz im Aufmacher der Buchmessenbeilage angemessen zu beschreiben, denn wie bei dem mittlerweile aus der Mode gekommenen Kleidungsstück hat auch in diesem Buch alles "zwei Seiten", erklärt sie. Man könne es als Darstellung historischer und biografischer Ereignisse lesen, gleichzeitig aber auch als "riesige Geschwätzmaschine", der man besser kein Wort glaubt, so die Rezensentin fasziniert. Es handelt sich in erster Linie um die Briefe eines gewissen Enrico Türmer an seine Schwester, seinen Freund Johann und an seine Verlobte Nicoletta. Türmers Biografie hat auffällige Ähnlichkeit mit der von Ingo Schulz, erklärt die Rezensentin. Diese in der ersten Hälfte des Jahres 1990 verfassten Briefe wiederum werden von einem Herausgeber publiziert und kommentiert, der sich als Ingo Schulz zu erkennen gibt, und der sich für den spurlos verschwundenen Türmer interessiert. Er hat dem Briefkonvolut auch noch einige literarische Werke Türmers beigelegt, die ihn als erfolglosen "Möchtegernschriftsteller" ausweisen, der sich an literarisch überkommenen Formen orientiert, so die Rezensentin, die aber versichert, dies alles klinge "komplizierter" als es sich lese. Das Buch ist ein "toller literarischer Coup", der mit "szenischem Humorismus" brilliert, "dramaturgisch tragfähig" ist und dabei auch noch Leichtigkeit ausstrahlt, schwärmt die Rezensentin. Es handelt davon, wie Osten und Westen sich selbst und gegenseitig "abhanden kamen" und erfindet für dieses nicht neue Sujet die Form des "polyvalenten, polymorphen Romans", womit Schulz schlechterdings ein "Geniestreich" gelungen ist, so März überwältigt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2005
Recht umwegig nähert sich Richard Kämmerlings einem Urteil über diesen großen, jedenfalls sehr umfangreichen und, wie in allen Interviews zu erfahren, in langen Jahren ästhetischer Verunsicherung entstandenen Roman des Erfolgsautors Ingo Schulze. Der Rezensent beginnt mit einer Warnung vor einem allzu raschen negativen Urteil, denn Schulze sei ein "Meister der Finten und Fallen" - und der erste Eindruck, man habe es mit einem "verwirrend, verschroben und sperrig" angelegten Werk zu tun, der täusche. Die Geschichte sei im Grunde recht einfach. Aufgefächert wird sie in die von Januar bis Mitte Juli 1990 verfassten Briefe des Enrico Türmer an drei Adressaten, an seine Schwester, an einen Jugendfreund und an die Frau, um die er wirbt. Letztere bleibe leider ganz schlecht fassbar - jedenfalls ergeben sich durch die unterschiedlichen Adressaten Perspektiven in die Ost-Vergangenheit Türmers ebenso wie auf die Gegenwart des politischen Umbruchs. Ein harmonisches Ganzes füge sich aus all dem aber nicht, bedauert Kämmerlings. Manche Passage über die Jahre im Osten gerate arg lang, die Einführung der nicht realistisch zu nehmenden Figur des Unternehmensberaters Clemens von Barrista überzeuge nicht und die umständliche Herausgeberfiktion, die dazu führt, dass ein gewisser Ingo Schulze in ständigen Fußnoten das Geschehen noch einmal kommentiert, sei bei Lichte besehen ziemlich überflüssig. Keineswegs will der Rezensent bei aller Kritik dem Autor das Talent absprechen, im Gegenteil, er hält ihn immer noch für einen "unserer besten Erzähler". Mit diesem Roman, der streckenweise "virtuos" sei, insgesamt aber "heillos überfrachtet", hat Schulze vielleicht genug Ballast abgeworfen, um die nachfolgenden Bücher dann zu weniger zwiespältigen Angelegenheiten zu machen, hofft der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2005
Mit Begeisterung hat sich Thomas Steinfeld durch Ingo Schulzes Roman "Neue Leben" gelesen, den er trotz der 800 Seiten Umfang für "keinen Schmöker" hält, wie er versichert. "Neue Leben" beschreibe die "Metamorphose einer Gesellschaft", die Umwandlung der DDR zur BRD, der Transformation einer Gesellschaft, wie Steinfeld drastellt, in der "persönliche Beziehungen" wichtiger waren als die "Zahlungsfähigkeit", in eine Gesellschaft, die durch Geld definiert werde. Schulze bedient sich - nach romantischem Vorbild - der altmodischen Form des Briefromans; überhaupt spielen die Romantik, Faust, Thüringen, Grimmsche Märchenmotive eine besondere Rolle in diesem Deutschlandmärchen aus jüngster Vergangenheit, meint Steinfeld. Bei Schulze sei die Verwendung romantischer Motive jedoch stets mehr als kundiges Zitat, da sie "aus demselben Stoff gebildet" seien, "aus dem auch die Verwandlung selbst besteht" - literarische Währungskonvertierung. "Neue Leben" erzählt die Geschichte eines ehemaligen Ost-Dramaturgen, der zunächst als kritischer Journalist arbeitet und schließlich zum Macher eines Anzeigenblatts mutiert. Ein zweiter Erzählstrang rekapituliert DDR-Kindheit und Jugend dieses Mannes, so Steinfeld, und dabei würden auch ein paar "sehr unangenehme, aber wahre Dinge" gesagt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.10.2005
Ingo Schulzes Briefroman ist das "bisher beste" Buch zur deutschen Wiedervereinigung, findet Rezensentin Iris Radisch. Schließlich kommt der Autor ohne die "Bescheidwisserei" eines Günter Grass aus und hat statt eines "Wende-Kasperletheaters" a la Thomas Brussigs "Helden wie wir" ein richtig "sympathisches" Buch geschrieben. Erstaunlich aber ist, dass man dieses Werk über das Leben des Enrico Türmer nicht gerne liest, warnt Radisch. Schulze nämlich lege seine eigene Geschichte einem Helden in dem Mund, der den Leser nicht "fesselt". Türmer erzählt in Briefen von seiner Pubertät, Schul- und Militärzeit und davon, wie er nach dem Mauerfall eine Wochenzeitung gründet - alles ohne einen einzigen Satz, der aus dem "allgemein bewährten Durchschnittsdeutsch" hervorragen würde. Und doch: Gerade die "demonstrative Kunstlosigkeit" gefällt der Rezensentin wiederum. Denn Schulze sei es gelungen, der entzauberten "gewendeten" Welt einen ebenso "entzauberten" Roman entgegenzustellen.
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