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zuletzt aktualisiert 19.03.2010, 14.00 Uhr

Bücher der Saison

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Arno Geiger

Es geht uns gut

Roman

Cover: Es geht uns gut

Carl Hanser Verlag, München 2005
ISBN-10 3446206507
ISBN-13 9783446206502
Gebunden, 389 Seiten, 21,50 EUR

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Klappentext

Philipp Erlach hat das Haus seiner Großmutter in der Wiener Vorstadt geerbt, und die Familiengeschichte, von der er definitiv nichts wissen will, sitzt ihm nun im Nacken. Arno Geiger erzählt, als sei sie gegenwärtig: Von Alma und Richard, die 1938 gerade Ingrid bekommen und nichts mit den Nazis zu tun haben wollen. Vom fünfzehnjährigen Peter, der 1945 mit den letzten Hitlerjungen durch die zerbombten Straßen läuft. Von Ingrid, die mit dem Studenten Peter eine eigene Familie gründen will, und von Philipp, dem Sohn der beiden.

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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.10.2005

Der Rezensent Gustav Mechlenburg scheint auf unspektakuläre Art verzaubert von diesen "wunderbar in sich abgeschlossenen Tragödchen", die sich der Mit-Dreißiger Philipp ausdenkt, als er die geerbte Familienvilla entrümpelt und dabei feststellen muss, dass er eigentlich kaum etwas über seine Vorfahren weiß. Nach Meinung des Rezensenten sind Familiengeschichten ein dankbares Genre , weil Autoren die sozialen Geflechte nicht "lang und breit" schildern müssen. Dementsprechend funktioniert Arno Geigers Roman auch mit schwer reduziertem Material und ergibt trotzdem eine "überzeugende Chronik". Wichtig ist nach Mechlenburgs Meinung vor allem eine "verwundert-ironische Distanz zum Gegenstand" - und die ist Geiger mit seinen "dramatisch, komischen und mitreißenden" Geschichten gelungen.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.10.2005

Mit seinem Familienroman, der anhand von drei Generationen österreichische Geschichte rekapituliert, macht der Autor Arno Geiger eine "rundum gute Figur", lobt Anton Thuswaldner. Der Autor will Geschichte nicht mittels Daten und historischer Ereignisse, sondern am Alltag der Familienmitglieder nachzeichnen und die individuellen Irrungen und Wirrungen als "repräsentativ für eine Generation" darstellen, stellt der Rezensent klar. Und so stehen der in der Nachkriegszeit als Minister mit den Russen verhandelnde Großvater, seine Tochter, die Ärztin Ingrid, und der "Versager" Philipp als prägnante Beispiele für den Wandel der Zeit, aus deren Perspektive in 21 Kapiteln erzählt wird, so Thuswaldner weiter. Philipp wird schließlich die gesamte Familiengeschichte in Form von verrottenden Briefen und Dokumenten vom Dachboden entsorgen lassen, während Geiger die Geschichte nicht so respektlos behandelt, sondern sie "nüchtern wie ein Dokumentarist" in Augenschein nimmt, meint Thuswaldner, der mit diesem Roman den Autor in die "vorderste Reihe der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur" rücken sieht.

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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.10.2005

Arno Geiger hat hier mehr als einen Österreich- und Familienroman geschrieben, weiß Rezensentin Verena Auffermann. Der Bregenzer Autor widmet sich in seinem neuen Buch zwar einer Familie, die er von 1938 bis 2001 begleitet; aber in Wirklichkeit gehe es ihm darum, das "Leben eines Beobachters" darzustellen. Geigers Interesse gelte den "unausgesprochenen" Gedanken, dem unbewussten Material. Ohne viele Worte zu machen, sondern mit wenigen, aber dafür "niederschmetternden" Gedanken beschreibt er, wie eine klassische Familie - Eltern und zwei Kinder - "auseinanderdriftet". Leben als "absurdes" Aufeinanderfolgen von "Kettenreaktionen" - das ist es, was Geiger einzufangen weiß, lobt der Rezensent. "Raffiniert" springe er dabei durch die Jahre und zeichnet doch ein genaues Bild von über 60 Jahren österreichischer Geschichte.

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.10.2005

Zuerst geht Robin Detje seine Kritik von Arno Geigers allgemein sehr gelobtem Roman "Es geht uns gut" entspannt an. Beinahe so entspannt, wie das Buch selbst ist in Stil und Personalauswahl. Alles geht so seinen Gang, und das ist ganz gut, und wenn's mal nicht so gut ist, weil etwa Krieg ist - na, das ist auch ganz gut, im Grunde! So in der Art stellt man sich Geigers Werk vor, wenn man Detje liest. Aber Detje bleibt noch ruhig. Zwar ist die Formulierung: "kitschselige Erzählung von mittlerem Glanz" nicht wirklich nett, aber Geigers eigene Nettigkeit reicht noch aus, um die Spitzen zu verbergen. Dann aber schlägt Detje zu. Alles in diesem Buch - von Begebenheiten oder Handlung kann man offenbar nicht sprechen, denn Detje stellt bündig fest: "Es passiert aber nichts" - alles in diesem Buch läuft, so der Rezensent missmutig, hinaus auf "einen sentimentalen Moment von Selbstzufriedenheit". Erst im letzten Absatz dann kocht dem Rezensenten die Galle hoch. Er möchte am liebsten herausschreien: "Natürlich ist solcher Konsensschrott im Grunde widerlicher als ehrlicher Trash oder ehrliches Scheitern." Aber er verkneift sich das. Verbeißt sich das. Denn er muss sich ja auch den Fakten beugen: "Die Anerkennung für Arno Geigers Buch zeigt uns, mit wie wenig wir Menschen oft schon zufrieden sind."

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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.09.2005

Vollauf begeistert zeigt sich Franz Haas von diesem "großen Roman" Arno Geigers, der von drei Generationen einer Wiener Familie von 1938 bis 2001 erzählt. Von der gegenwärtigen Flut von Familienromanen hebt sich Geigers Roman zur Freude des Rezensenten wohltuend ab. Das liegt seines Erachtens nicht zuletzt daran, dass Geiger "Klischees zur Geschichte" ebenso vermeidet wie "abgedroschene giftige Urteil über die Gegenwart". Er bescheinigt dem Roman zudem eine "phantasievolle Fiktion", die auf keinen "autobiografischen Fundus" angewiesen sei. Beeindruckend findet Haas die "verblüffende Feinfühligkeit", mit der Geiger die Figuren seines Romans in einem genau recherchierten historischen Rahmen von siebzig Jahren "lebendig und glaubhaft" mache. Dabei erzähle er die Vergangenheit nur anhand von acht einzelnen Tagen. "Die Personen sind trotzdem fest verankert in den Zeitläufen", hebt Haas hervor, "sie sind durch das kontinuierliche Erzählen im Präsens von einer fabelhaften Leichtigkeit und Nähe." Generell überzeugen Haas die psychologischen und sprachlichen Fertigkeiten des Autors, er spricht von einer "Synthese aus Menschenkenntnis und Sprachzauberei". Das Resümee des Rezensenten: "Mit meisterhafter Beiläufigkeit erzählt Arno Geiger Privates und Historisches, aus der Epoche der Väter und Großväter mit ebensolcher Sensibilität wie aus neuerer Zeit, unscheinbare Details, die erst durch den Wortwitz ihren Glanz bekommen."

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2005

Rezensent Kolja Mensing lobt Arno Geigers Familienroman als "sehr überzeugenden Beweis", wie es mit den Mitteln der Literatur gelingen kann, etwas von der sprichwörtlich gewordenen "verlorenen Zeit" zurückzugewinnen. Im Zentrum des Romans steht Mensing zufolge ein wenig erfolgreicher Schriftsteller, der die Villa seiner Großmutter geerbt hat, bei deren erstem Durchstreifen er anhand von Bildern, Briefen und Möbeln die Geschichte seiner Familie zu Tage fördert. Für den Rezensenten ist es keine große Überraschung, dass diese Geschichte im August 1938, also mit dem Nationalsozialismus einsetzt. Die Qualität dieses Romans besteht für Mensing darin, dass der 1968 geborene Autor als Angehöriger der "Enkelgeneration" nicht versuche, die "letzten dunklen Familiengeheimnisse bis in die Jahre des nationalsozialistischen Sündenfalls" zurückzuverfolgen. Vielmehr evoziere er die Vergangenheit in Form von "Rückblenden" aus der Sicht verschiedener Erzähler. Dann lasse er diese Vergangenheit aus dem Gedächtnis seiner Protagonisten, "einfach so" wieder verschwinden, und das ganz ohne "historisch motivierte Verdrängungsleistung", etwa als Folge einer banalen Altersdemenz. Aus dieser Dialektik zwischen Erinnern und Vergessen bezieht der Roman für den Rezensenten seine Hauptanziehungskraft.

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