Bücherschau der Woche
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Imre Kertesz
Detektivgeschichte
Klappentext
Aus dem Ungarischen von Angelika und Peter Mate. Ein Umsturz, irgendwo in Lateinamerika. Eine Diktatur wird errichtet. Dem Polizisten Antonio Martens bietet sich eine Chance zu unverhofftem Aufstieg: Er wird zum Corps berufen, wo er auf den ebenso charismatischen wie undurchsichtigen Vorgesetzten Diaz und seinen sadistischen Spießgesellen Rodriguez trifft. Mit harmlos anmutenden Beschattungen fängt es an, mit der Aufnahme zahlloser unbescholtener Bürger in das Register. Doch Rodriguez hat eine Foltermaschine in Auftrag gegeben, die er zu nutzen gedenkt. Martens verschließt davor die Augen. Während überall nach Aufständischen gefahndet wird, kämpft er mit Gefühlen, die zu schwach für echten Zweifel, aber zu stark für reine Bedenkenlosigkeit sind.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.12.2004
"Kein noch so hart gesottener, originärer Krimi ist schauerlicher als diese 'Detektivgeschichte'", schreibt Gerrit Bartels. Ein früherer Folterknecht eines lateinamerikanischen Regimes sitzt im Gefängnis und versucht sich zu erklären, wie er zum Täter wurde. Das Buch gibt die Antwort: Es ist die Logik des Bösen und der Macht, die den Menschen verwickelt und schuldig werden lässt. Und ist er einmal so weit, dann greift das "Verhängnis" und versperrt der Weg zurück. "Souverän, nüchtern und auf knappstem Raum erzählt Imre Kertesz", urteilt Bartels und vergisst nicht zu erwähnen, dass der kleine Text eigentlich nur auf die Schnelle entstanden ist, um die Veröffentlichung eines Buches voranzutreiben.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.11.2004
Imre Kertesz' "Detektivgeschichte", die nun erstmals auf Deutsch vorliegt, entstand 1976 innerhalb von zwei Wochen, berichtet Ina Hartwig amüsiert, da der Autor das sozialistische Plansoll erfüllen musste, damit eine andere - zu kurz geratene - Geschichte publiziert werden konnte. Was Kertesz dann aus dem Ärmel schüttelte, ist keine klassische "Detektivgeschichte", so Hartwig, sondern eine Parabel auf einen Diktaturstaat, angesiedelt in einem imaginären lateinamerikanischen Land. Das Erstaunliche hierbei sei, formuliert Hartwig ihr Erstaunen, dass Kertesz die Opferperspektive verlasse und sich auf die Täterseite begebe. "Ein philosophisches Schelmenstück" schreibt die Rezensentin, wie er sich in die Folterer einzudenken und einzufühlen wage. Literarisch meistert Kertesz die Situation, indem er ein Tagebuch eines der Folterer auftauchen lässt, das wiederum mit Tagebuchausschnitten eines seiner Opfer kontrastiert wird. Die Logik der Folterer, der man mit Hilfe dieser Technik auf die Spur zu kommen glaubt, so Hartwig, sei eine "der Rationalität entgegengesetzte Logik". Die Welt der Diktatur, wie Kertesz sie beschreibe, basiere ausschließlich auf Furcht und Schuld; Unschuld sei keine existente Kategorie, weshalb eine Diktatur alles daran setzen würde, den Unschuldigen zum Schuldigen zu machen, filtert Hartwig als Essenz aus dieser keineswegs harmlosen "Detektivgeschichte".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.11.2004
Imre Kertesz' "Detektivgeschichte" entstand in den 70er Jahren als Lückenfüller, weiß Andreas Breitenstein und zeigt sich fasziniert von der souveränen Meisterschaft, mit der Kertesz diese kleine Fingerübung absolvierte. Weil sein ungarischer Verlag in Zeiten sozialistischer Kontingentierung mehr Papier zugewiesen bekommen hatte als für eine andere Geschichte benötigt, bat dieser den Autor um einen kleinen Roman. Es entstand die "Detektivgeschichte", die insofern untypisch für Kertesz sei, meint Breitenstein, als sie nicht in sein "organisch gewachsenes System autobiografischer Variationen" gehöre. Dennoch hat diese "Detektivgeschichte" nichts von einem klassischen Suspense-Roman. Vielmehr handelt es sich um ein parabelhaftes Kammerspiel, das die absurde Logik eines totalitären Systems, die Folgen von Verrat, Haft und Folter thematisiert, so der Rezensent. Obwohl Kertesz Partei ergreife für die Opfer, denke er sich relativ weit in die Täter hinein, stellt Breitenstein fest; die Grenzen, wer Opfer und wer Täter sei, verschwimmen. Zugleich stelle Kertesz klar, dass niemandem, der einmal solche staatliche Gewalt erfahren habe, noch Heilung zuteil werden könne. So unspektakulär und vor allem undogmatisch habe selten jemand über ein solches Thema geschrieben, schwärmt Breitenstein.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.11.2004
Iris Radisch vermag nicht zu entscheiden, ob diese "Detektivgeschichte" ihrem Titel wirklich gerecht wird. Es ist die etwas komplizierte Geschichte eines südamerikanischen Folterknechts, der nach einem Regimewechsel selbst im Gefängnis sitzt und seine Gräueltaten "in Ordnung" findet. Eine moralische Parabel hat Imre Kertesz mit dieser bereits 1976 entstandenen Erzählung abgeliefert, die an die "uralte Geschichte von der Verletzlichkeit des Recht" eindringlich erinnert und die sich heute wie ein "konzentriertes Lehrstück über die Selbstverständlichkeit und Alltäglichkeit des Amoralismus" liest, schreibt die nicht gerade überschwängliche, aber respektvolle Rezensentin.
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