Stefan Weidner

Mohammedanische Versuchungen

Ein erzählter Essay
Cover: Mohammedanische Versuchungen
Ammann Verlag, Zürich 2004
ISBN 9783250600749
Gebunden, 237 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Als 17jähriger von den Mysterien des Islams angelockt, bereit, sich während einer abenteuerlichen Reise durch Nordafrika vom Koran begeistern zu lassen und Muslim zu werden, stößt der Erzähler rasch an die Grenzen seines Einfühlungsvermögens. Schon die Respektsbekundungen durch die erforderlichen Waschungen vor Lektürebeginn schüren seinen Widerstand. Will das autoritäre Regelwerk des Korans die Erkundung durch einen Nichtgläubigen überhaupt zulassen? "Mohammedanische Versuchungen" ist eine Auseinandersetzung mit dem Islam, die sich über weltanschauliche Tabus hinwegsetzt. Changierend zwischen Erzählung und Essay, schärft sie den Blick dafür, dass jede ernsthafte Begegnung mit dem "morgenländischen" Anderen auch den eigenen Standpunkt zutiefst in Frage stellt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.04.2005

Rolf-Bernhard Essig spricht eine uneingeschränkte Empfehlung an alle freigeistigen Leser aus: Stefan Weidners Buch, schreibt er, ist ein eigenartiger Genre-Mix aus "Reisebericht, Erzählung, historischer Abhandlung, Reportage, Polemik und eben dem Essay", der dennoch nicht seinen inneren Zusammenhalt verliert, dafür aber viel gewinnt - nämlich einen Blick auf den Islam, der auf Grund seiner subjektiven Prägung frei ist von "abendländischer Besserwisserei". Zugleich, so Essig, bewahrt Weidner seine Perspektive als westlicher Wissenschaftler bei, scheut sich aber eben nicht, sie mit Faszination und dem Eingeständnis von Ratlosigkeit zu verbinden. Und bei all dem verliert er sich eben nicht im Dickicht des Nebensächlichen, sondern nähert sich immer wieder neu den Fragen, die im aktuellen Diskurs über Islam, Islamismus und das Verhältnis der Kulturen dringlich sind. Nur das er die konstruktive Verwirrung dem abschließenden Diktat vorzieht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.10.2004

Eine "komplexe Erkundung der islamischen Welt" erblickt Rezensentin Angela Schader in Stefan Weidners "erzähltem Essay", der aus Erlebnisberichten und imaginierten Szenen, theoretischen Exkursen und rapportierten Debatten zusammengestellt ist. Als Klammer um Weidners Essay nennt sie das erste Zusammentreffen des damals siebzehnjährigen Weidner mit dem Koran, das die Verlegenheit und Verwirrung spiegele, die wohl die meisten hiesigen Leser bei einer unvorbereiteten Konfrontation befalle. Davor berichtet Weidner von seinen Reisen nach Algier und Annaba, Beirut, Aleppo und Kairo, wobei Abhandlungen und Reflexionen, die im Buch als während dieser Aufenthalte gehaltene Vorträge präsentiert werden, thematische Schwerpunkte setzen, erzählt die Rezensentin. Neben Unerwarteten - etwa der Würdigung von Huntingtons These vom Zusammenprall der Kulturen - biete Weidner Anregendes - etwa die Ausführungen zu wissenschaftlichen und religiös geprägten Auffassungen des Möglichen - sowie Irritierendes wie die Bilanzierung der Weltanschauung des Koran als "krud und hässlich". Insgesamt zeigt sich Schader jedenfalls recht angetan. Allerdings hätte sie sich da und dort eine "etwas zurückhaltendere Präsenz des Autors" gewünscht. "Das", so die Rezensentin, "hätte den Inhalten des kenntnis- und facettenreichen Buches noch mehr Gewicht und den schönsten Prosapassagen mehr Glanz verliehen."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2004

Ein exzellentes Buch über den "Kampf' der Kulturen", lobt Rezensent Wolfgang Jürger Lerch diesen Essayband, in dem es auch um den Verlust der islamischen Mitte gehe. Das Buch sei nach dem 11. September 2001 entstanden und Stefan Weidners Schilderungen von Aufenthalten in Algerien, Syrien, Tunesien, Kairo und Beirut werden Lerch zufolge beim Leser durch die Bilder von New York geprägt, selbst wenn nicht ausdrücklich auf sie angespielt werde. Eingeflochten in die Reportagen findet der Rezensent Reflexionen über Geschichte und Kulturgeschichte, über Harvardprofessor Samuel Hunington und seine These vom "Clash of Civilisations", über die Orientalistik oder Polemiken von Edward Said und Bernard Lewis. Auch werde der Chef der Al Azhar-Moschee und -Hochschule Scheich Tantawi entzaubert, der im Ausland gemäßigter spreche als zu Haus, wo er Juden als Nachkommen von Affen und Schweinen bezeichne.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 06.10.2004

Renee Zucker hat sich in die Verliebtheit Stefan Weidners verliebt. Wenn nicht noch etwas Sensationelles passiert, so die Rezensentin, dann ist "Mohammedanische Versuchungen" für sie das Buch des Jahres: faszinierend, erregend, ärgerlich. Aber was macht nun das Berückende des "erzählten Essays", wie Weidner sein Werk gattungsmäßig einordnet, aus? Es ist die fast bedingungslose Leidenschaft, die der Autor für seinen Gegenstand, die arabische Welt, aufbringt. Diese Leidenschaft kann sich, befindet Zucker, durchaus mit der kaltblütigen Heißblütigkeit messen, mit der die Absolventen der "berühmt-berüchtigten" Kairoer Azhar-Universität in der Diskussion die westliche Lebensweise ablehnen - übrigens nicht pauschal, sondern durchaus reflektiert und sehr gut informiert. Weidner macht sich nachdrücklich für Samuel Huntingtons These vom "Clash of Civilisations" stark, hält ihn für "einen der kühnsten politischen Denker". All diese Betrachtungen aus erster Hand verfolgte Zucker, wie sie berichtet, mit "hochgradiger Spannung".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.09.2004

"Inspirierend", aber auch als "streitbar" findet Helmut Böttiger dieses Buch, in dem Stefan Weidner beschreibt, was ihn an der islamischen Welt fasziniert. Die Form des Buches - Selbstreflexionen, tagebuchartige Aufzeichnungen und analytische Passagen wechseln sich hier ab - beurteilt Böttiger als "gleichermaßen verlockend wie riskant". Schließlich könne man sich so im Zweifel auf die eigene Subjektivität als entscheidende Instanz zurückziehen, aber zugleich immer einen objektiven Anspruch mitformulieren. Die "orientalische Sehnsucht" des Autors wurzelt seiner Ansicht nach in den als entleert erfahrenen Strukturen der westlichen Zivilisation, der ein Leben entgegensetzt werde, das noch in einem gewissen Sinnzusammenhang zu stehen scheine. Insofern mutet ihn Weidners Buch über weite Strecken als ein "durchaus spannender Entwicklungs- und Bewusstseinsroman" an. Als "sehr gute Einführungen" in den Islam lobt Böttiger dann drei Vorträge Weidners, die in den Text eingearbeitet sind. In den theoretischen Passagen des Buches sieht er vor allem die gegenwärtige Konfliktlage thematisiert, das Aufeinanderprallen des zweckrationalen westlichen und des religiös bestimmte islamische Denken. Er hebt hervor, dass der Geist der Aufklärung für Weidner kein Bezugspunkt mehr ist, und dass dieser sich das Ende der westlichen Hegemonie über das Denken durchaus vorstellen kann.

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