Helmut Krausser

UC

Roman
Cover: UC
Rowohlt Verlag, Reinbek 2003
ISBN 9783498035112
Gebunden, 479 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

UC, Ultrachronos, bezeichnet eine Wahrnehmung, die angeblich unmittelbar vor dem Tod eines Menschen geschieht: Das ganze Leben läuft wie ein Film in extremem Zeitraffer vor einem ab. Darum geht es in diesem Buch: um den Erinnerungsfilm eines Mannes, der nur noch wenige Augenblicke zu leben hat. Ein Dirigent von vierzig Jahren, reich verheiratet, mit glänzenden Karriereperspektiven, wenige Monate zuvor noch eine scheinbar unerschütterliche Existenz. Vielleicht. Vor neunzehn Jahren. Aber daran erinnert er sich nicht mehr.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 01.07.2003

Die "manierierte Bildungshuberei" seiner Romane würde Susanne Messmer im Normalfall davon abhalten, die Bücher Helmut Kraussers gewissenhaft bis zu Ende zu lesen. Was Krausser aber kann wie sonst keiner, schwärmt die Rezensentin, ist, Figuren zu beschreiben, echte Typen, ekelhafte Typen, die "nicht geltungsbedürftig, aber genusssüchtig" seien, "zynische Rebellen ohne Ideale". Auch Kraussers jüngster Roman kann mit so einer herrlich abstoßenden Figur aufwarten, berichtet Messmer, nämlich mit einem Stardirigenten, der des Anstoßes wegen gerne mit Stripperinnen posiert und gelangweilt seiner Karriere frönt. Leider bleibt es nicht dabei, seufzt Messmer hörbar. Krausser begebe sich im Laufe des Romans und unter Hinzuziehung einer zweiten Hauptfigur in immer verquastere zeitphilosophische Überlegungen, wobei die Erzählstimmen laut Messmer gemischt und die Leser angewiesen werden, die eingestreuten Zitate und Motive literaturwissenschaftlich aufzudröseln - an diesem Punkt beginnt Messmer zu streiken. Schade, meint sie bedauernd, über all das hätte man ja hinweglesen können, wenn Krausser seinen Figuren diesmal mehr Eigenleben gestattet hätte.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.05.2003

Kurzer Titel, riesiger Ehrgeiz, meint der Rezensent Martin Krumbholz, und Doch sei das Buch, summa summarum, eine Enttäuschung. Die Konstruktion: Ein Ich-Erzähler zwischen Leben und Tod, dessen Vergangenheit abrollt vor den Augen des Lesers. Bis ein anderer das Erzählen übernimmt, ein Herr Sam Kurthes (das ist, mehr oder weniger, ein Anagramm des Autors), also handelt es sich um "Konzeptkunst", um "Experimentieren mit dem Erzählen". Wogegen nichts spräche, versichert der Rezensent, könnte das irgendwie fesseln. Es fesselt ihn aber nicht (wie Kraussers Roman "Thanatos" es noch getan hat). Obwohl auch ein Krimi-Plot drinsteckt, obwohl es höchst intelligent konstruiert ist und Anschluss sucht an romantische Ironie-Theorie. Woran liegt's? Zu "flach" und "flächig" sei Krausser die Hauptfigur geraten, zu austauschbar ziehen die Frauen vorüber. Am Oberflächenmenschen, den er sich zum Helden erkoren hat, könne der Autor, vermutet Krumbholz, kein rechtes Interesse entwickeln. So bleibt dem Roman nur die Flucht ins Experiment. Die dann auch nicht mehr hilft.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.03.2003

Wenig Gnade findet Helmut Kraussers neuer Roman vor den Augen von Rezensent Richard Kämmerlings. Erstens findet er die Ausschlachtung romantischer Motive (im vorliegenden Fall auf der Basis eines Andersen-Märchens) wie Künstlermythos und Doppelgänger nicht sonderlich originell. Auch manche Figurenzeichnung bleibt für ihn klischeehaft und die metaphysischen Windungen des Plots haben ihn auch nicht überzeugt. In gewohnter Manier lagere der Autor an die Knochen einer spannenden Krimihandlung das "üppige Fleisch seiner softpornografischen Exkurse" an. Ausgangspunkt ist, wie man den Ausführungen des Rezensenten entnehmen kann, ein Klassentreffen, in dessen Rahmen Umrisse eines lang zurückliegenden Verbrechens an einer Mitschülerin deutlich werden. Hier nun sah der Rezensent den Autor sich der analytischen Erzählstruktur eines Kriminalromans bedienen: einer der Verdächtigen sei gleichzeitig Erzähler, dessen Erinnerungsvermögen jedoch alles andere als zuverlässig sei. Dann jedoch versuche Krausser, die metaphysische Schraube höher zu drehen, ein Ehrgeiz, der laut Rezensent zum Stolperstein für den Roman wird.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.03.2003

"Viel mehr", schwärmt eine entzückte Andrea Gerk, "kann man von Literatur eigentlich nicht verlangen." Helmut Krausser hat seine Vorliebe für das Ineinanderfließen von Realität und Fiktion, von Wirklichkeit und Einbildung in seinem neuen Roman perfektioniert, schreibt Gerk, und zwar wie gewohnt auf "höchst poetische Weise". Sein Vexierspiel aus Erinnerung und Gegenwart erscheine nicht als "trockener Thesenroman", sondern als "geradezu süffig" erzähltes Stück Literatur, so komplex und doch stimmig komponiert "wie die Partitur einer großen Symphonie". Zudem beherrsche Krausser im Gegensatz zu vielen seiner zeitgenössischen Kollegen sein Handwerk perfekt - vom Spannungsaufbau über die Figurenführung bis zur Erschaffung glaubwürdiger Charaktere. Aber nicht nur von der erzähltechnisch gelungenen Verknüpfung der vielen Ebenen her findet die Rezensentin dieses Buch gelungen, Krausser erzähle auch und vor allem eine "wirklich phantasievolle Geschichte".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.03.2003

Dieser Roman ist auf der Grundlage eines Märchens von H. C. Andersen geschrieben, in dem ein Schatten sich über seinen Besitzer erhebt, weiß Tobias Rüther zu berichten. Allerdings findet er, dass der Roman gegenüber dem Märchen etwas blutleer wirkt. Kaum einmal klingt die Geschichte, in der ein Mord geschieht, von dem die Hauptfigur, der Dirigent Hermannstein, nicht weiß, ob er ihn selbst begangen hat, so "dunkel und böse" wie bei Andersen, so Rüther enttäuscht. Immerhin gesteht er dem Autor zu, seinen Stoff souverän zu beherrschen und "bravourös" mit Perspektiv- und Stimmwechsel zu operieren. Der Rezensent erkennt neben dem Märchen auch Anleihen an Motive aus Filmen von Fincher und Lynch. Wie immer bei Krausser ist der Roman "bildungssatt", stellt Rüther bei dieser Gelegenheit fest, aber das scheint nicht auszureichen, um ihn zu begeistern.
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