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Richard Sennett
Respekt im Zeitalter der Ungleichheit
Klappentext
Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff. Der Soziologe Richard Sennett stellt in seinem Buch die Frage, ob eine Gesellschaft, die von großer sozialer Ungleichheit, ja Ungerechtigkeit geprägt ist, Respekt noch zulässt - die Achtung vor dem anderen, vor allem vor den Gescheiterten.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 29.10.2002
Rezensent Warnfried Dettling erblickt in Richard Sennetts "Respekt im Zeitalter der Ungleichheit" ein "differenziertes und ebendeshalb anregendes Buch" über Respekt und Ungleichheit. Im Unterschied zu seinem Bestseller "Der flexible Mensch" mit seiner konsequenten Kritik des digitalen Kapitalismus liegen die Dinge in Sennetts neuestem Werk nach Ansicht Dettlings etwas komplizierter. Als Kritiker von Ungleichheiten, die ihren Ursprung in der sozialen Organisation haben, sucht Sennett nach gangbaren Wegen, die Klienten des Sozialstaates als bedürftige Menschen zu behandeln und zugleich ihre Autonomie zu respektieren, hält Dettling fest. Er hebt hervor, dass Sennttes Ton durchweg skeptisch ist, der Autor oft einfach ratlos. Entschädigt werde der Leser nicht nur durch allerlei überraschende Einsichten und Perspektiven, sondern auch durch eine angenehme Lektüre, deren Reiz aus der Leichtigkeit komme, mit der sie sich zwischen theoretischer Reflexion, anschaulicher Erinnerung und erlebter Zeitgenossenschaft hin und her bewegt. Als Schwäche des Buches kritisiert Dettling, dass Sennett nicht einmal andeutet, wie man die Fehler der von ihm kritisierten Reformen vermeiden könnte.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2002
Richard Sennett ruft nach "Respekt": für sich und seine beispiellose Karriere, aber auch für andere "Ghettokinder", die den Sprung über die kulturellen und sozialen Barrieren womöglich nicht schaffen. Das neue Buch des Kulturwissenschaftlers Sennett ist nämlich eine verkappte Autobiografie, behauptet Alexander Kissler, der zunächst nichts dagegen einzuwenden hat, dass Sennett seine eigene Geschichte zum Angelpunkt seiner Erörterung über soziale Ungleichheit und die Möglichkeiten ihrer Überwindung macht. Als Patentrezept empfiehlt Sennett eben "Respekt", auch wenn sich damit soziale Ungleichheit - an Vermögen, Talent, Herkunft - nicht wirklich aus dem Weg schaffen lassen. Das weiß auch Sennett, meint der Rezensent. Allerdings ist es ihm dann doch zu wenig, wenn sich 350 Seiten schließlich auf die eine Handlungsanweisung "Übt Respekt" reduzieren, ohne dass das "Rätsel namens Wirklichkeit" auch nur annähernd geknackt werde. Zumindest hätte Sennett den Versuch machen können, findet der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.10.2002
In seine neuen Studie über Respekt unter Ungleichen hat der Soziologe Richard Sennett viel "autobiografisches Material" einfließen lassen, ist er doch selbst in den vierziger Jahren als Sohn einer Sozialarbeiterin in einer ursprünglich mit guten Absichten geplanten Siedlung für sozial Schwache inmitten Chicagos aufgewachsen, berichtet Hilal Sezgin. Dass sich der Autor selbst aus diesem Umfeld befreien konnte und als Soziologe so erfolgreich wurde, habe er seiner Liebe zur Musik zu verdanken, so die Rezensentin. Musik habe denn auch in dieser Studie stets "das letzte Wort", was Sezgin deutlich auf die Nerven geht. Denn "Selbstvertrauen", "Talent" oder "Aufstieg" ließen sich nun mal nicht allein, ist die Rezensentin überzeugt, mit Musik bewerkstelligen. Und so, warnt Sezgin, entpuppe sich das ganze Buch als "Kuddelmuddel", bei dem trotz aller Mühen nicht klar werde, was der Autor eigentlich aussagen will. Mit viel Wohlwollen hat Sezgin aber trotzdem noch drei mutmaßliche Anliegen Sennetts gefunden: einmal die Erkenntnis, dass das "Ideal der Gleichheit" als "Korrektiv" zur realen Ungleichheit nicht weiterhelfe, zum zweiten die Forderung nach mehr "Autonomie" der "Ungleichen" und zum dritten der Verweis auf das Scheitern des politischen Liberalismus, sinniert die Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.10.2002
Genau die Tugend, um die es ihm angeblich zu tun ist, lässt Richard Sennett in seinem Buch vermissen, findet Michael Schefzyk: Respekt nämlich vor den Schwächeren. Der Rezensent zitiert Passagen, in denen der Autor nach "Lust und Laune" aus seinem Leben plaudert, also aus dem Leben eines Amerikaners, der sich durch "Talent" aus der Abhängigkeit vom Sozialsystem befreit hat. Solcher "Klatsch", meint Schefzyk, ist unerheblich und höchstens "unterhaltsam" für Akademiker. Biografische Anekdoten führen durch die Diskussion, weil es ein "ehrliches" Buch sein sollte, referiert Schefzyk und merkt an: "Ob tatsächlich mehr Sachlichkeit, mehr philosophische Reflexion und sozialwissenschaftliches Material ein unehrliches Buch zur Folge gehabt hätte, das sei dahingestellt." Das Thema hat den Rezensenten offensichtlich interessiert, die Ausführung jedoch enorm verärgert.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2002
In Richard Sennetts autobiografisch angehauchter Abhandlung fallen zwei Gattungen zusammen, berichtet Andreas Rosenfelder: Als Bildungsroman führt sie den Erwerb von Respekt durch Selbstentfaltung vor Augen, als Sozialstudie fordert sie Respekt für die Gescheiterten der Gesellschaft. Der Kulturwissenschaftler zollt dabei insbesondere dem Sozialstaat Respekt, den er als die wichtigste Quelle von Achtung ansieht, hält Rosenfelder fest. Ausgerechnet das terminologische Kapitel im Buch wirkt auf ihn wie ein "unsortierter Zettelkasten" - Begriffserklärungen und Lebensweisheiten im planlosen Wechsel. Trotzdem geht das Buch für Rosenfelder über eine sozialpsychologische Verhaltenslehre weit hinaus. Sennett vollzieht nach Ansicht des Rezensenten einen Bruch mit der Institutionenfeindlichkeit seiner Generation. Gegen Foucault mache er geltend, dass Überwachen nicht notwendig Strafen sei, der Staat nicht allein aus Macht bestehe. So trage das Sozialamt eher zur Einbindung seiner Klientel in das Gemeinwesen bei als zu deren Ausschluss. "Jedes ausgefüllte Formular", bringt Rosenfelder Sennetts Anliegen bildlich auf den Punkt, "dient zugleich als Notenblatt, das den Antragsteller zum Ehrenmitglied im großen Staatsorchester macht."
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.09.2002
Es ist das "Prinzip der Gegenseitigkeit", so referiert Rezensent Ulrich Greiner, in dem Richard Sennet die Möglichkeit eines Ausgleichs ungleicher Chancen sieht. Der Hauptaugenmerk des Soziologen gilt der Frage, wie gegenseitiger Respekt und gegenseitige Anerkennung zu erreichen sind. Zwar findet der Rezensent dies eine lohnende Frage, aber da Sennet, anders als der von Greiner anfangs zitierte Norbert Elias, keine These beziehungsweise zu viele Thesen hat, empfindet der Rezensent die Lektüre dieses Buchs als "verwirrende Mühsal". Die soziologisch schwammigen Begriffe, mit denen Sennet arbeitet, werden selten durch Ausflüge in Empirie oder Geschichte wirklich erhärtet, findet Greiner. Ihn stört, dass der Gebrauch verschiedener Gattungen - autobiografisch-narrative Passagen wechseln sich ab mit Analyse und Reflexion - den Autor meist nur ausweichen lässt vor der Strenge philosophischer Begrifflichkeit. Für Greiner erklärt sich der Erfolg des Wissenschaftsautors Sennet denn auch vor allem damit, dass dieser "Stichworte zur geistigen Situation der Zeit liefert", jedoch über eine kluge Beschreibung unser aller Ratlosigkeit nicht hinaus geht.
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