Bücherschau der Woche
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Klappentext
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Rolf Tiedemann. In Prosaminiaturen oder Momentaufnahmen beschreibt Benjamin seine Kindheit im Berlin der Jahrhundertwende, auf das im Rückblick bereits der Schatten des Exils fällt. Benjamin hat von 1932 bis 1938 an der Berliner Kindheit gearbeitet, aber keine der drei Fassungen lag für diese erste Buchfassung vor, die Theodor W. Adorno aus verschiedenen Manuskripten, Typoskripten und Teilabdrucken zusammenstellte. Erst 1981 wurde in der Bibliotheque Nationale in Paris ein Typoskript der 1938 entstandenen Fassung letzter Hand wiedergefunden. Eine weitere, noch später zugänglich gewordene Fassung ist bis heute unveröffentlicht geblieben. Sie erscheint zum Jubiläum des Verlages. Ihr beigegeben sind historische Photographien aus dem Berlin der Jahrhundertwende und Dokumente aus dem Nachlaß Walter Benjamins.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.11.2000
Die Neueditionen von Benjamin-Texten reißen nicht ab. Gerade ist die Briefedition abgeschlossen, schon gibt es die 1988 entdeckte "Gießener Fassung" der "Berliner Kindheit um neunzehnhundert". Andrea Köhler hat sich in sie versenkt. Und kommt heraus mit dem bedrohlichen "bucklicht Männlein" und der Fee, seiner Verwandten aus der Märchenwelt, bei der alle einen Wunsch frei haben, dessen Erfüllung im späteren Leben aber "nur wenige erkennen". Darum geht es bei Benjamin, erklärt Köhler in ihrer sehr detaillierten Kritik. Sie beschreibt auch, wie sich in diesem vermutlich 1932/33 entstandenen Text hinter der "Würde des Bürgertums im 19. Jahrhundert" schon die Abgründe des 20. auftun. Und auch die akustischen Motive, die Benjamin beschreibt, sind bereits solche der Moderne: "Der unheimliche Schrei des Telefons und `das Klirren der Lampenglocke auf dem Messingreifen, wenn auf der Strasse ein Gefährt vorbeikommt`", zitiert sie Benjamin. Nach Köhler unterscheidet sich die "Gießener Fassung" von der in den 50er Jahren von Adorno herausgegebenen Textsammlung vor allem durch den "anders pointierten Auftakt" mit dem Titel `Die Mummerehlen`, der in Adornos Ausgabe an ganz anderer Stelle auftauche. Diese Verschiebung macht für Köhler vor allem auf faszinierende Weise deutlich, dass man das Buch sehr gut auch "kreuz und quer" lesen kann: Wie bei einem Kaleidoskop zeigten sich ständig neue Bilder. Gerade deshalb ärgert sich die Rezensentin darüber, dass die Imagination, durch die beigefügten historische Fotografien "ausgebremst wird". Der Text aber, so die Rezensentin, ist einer der "abgründigsten der autobiografischen Literatur."
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.09.2000
Auch wer schon soundsoviele Ausgaben dieses privatesten Benjamin-Textes hat, schreibt Jörg Drews, sollte sich die "Gießener Fassung" zulegen. Im Vergleich mit späteren, "endgültigeren" Versionen sind die von 1932/33 "weicher, labyrinthischer, fast liebevoller", meint der Rezensent. Allerdings bezweifelt er, dass die Beigabe alter Berlinfotos einem Text angemessen ist, der seine Qualität dem "beschwörenden" Wort verdankt. Am Ende seiner Kurzbesprechung geht Drews noch einmal auf den Tod Benjamins im spanischen Grenzort Port Bou ein, den ein anonymer Bericht in den American Jewish Archives in Cincinatti "jetzt erst" aufgeklärt hat: Polizei und Wirt hatten erpresserisch mit der Angst der Flüchtlinge gespielt, und Walter Benjamin sich daraufhin das Leben genommen.
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