Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Vladimir Sorokin

Ljod. Das Eis

Roman

Cover: Ljod. Das Eis

Berlin Verlag, Berlin 2003
ISBN-10 3827004934
ISBN-13 9783827004932
Gebunden, 350 Seiten, 22,00 EUR

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Klappentext

Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Ein Roman über die menschliche Suche nach dem verlorenen Paradies. Im zeitgenössischen Moskau ist eine geheimnisvolle Sekte auf der jagd nach Menschen, die ein "lebendiges Herz" besitzen. Nur diejenigen ihrer gekidnappten Opfer überleben, deren Herz zu sprechen beginnt, nachdem es mit einem Eishammer getroffen wurde. Schnell stellen diese fest, nach der ekstatischen Erfahrung des Herzkontakts kein normales Leben mehr führen zu können - im Vergleich sind alle anderen Empfindungen schal. Sie gehören nun zu einer geheimen Bruderschaft, die ihre spirituelle Kraft aus dem urzeitlichen Eis des sibirischen Tunguska-Meteoriten schöpft.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.10.2003

Für Jochen Jung besteht das "Markenzeichen" des russischen Autors Vladimir Sorokin in "Zumutungen". In diesem Fall werden den Lesern "Splatter-Szenen" zugemutet, die dem Rezensenten an Stephen King erinnern. Jung kann allerdings nicht recht verstehen, was der Autor mit dem Plot, in dem ein blondes und blauäugiges "Astral-Volk" aus Körpern von normalen Menschen befreit werden muss, indem diese "aufgeklopft" sprich mit einem "heiligen" Eispickel erschlagen werden, sagen will. Dabei sei die Handlung alles in allem durchaus "schlüssig" aufgebaut und der Roman handwerklich gut gemacht, räumt der Rezensent ein. Nur, dass die "Grenze zur Freiheit der Ironie" in diesem Roman nicht überschritten wird und man deshalb wohl davon ausgehen muss, dass Sorokin dies alles ernst gemeint hat, macht den Rezensenten etwas fassungslos.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.10.2003

Sehr angetan, geradezu angerührt ist Herrmann Wallmann von diesem Buch. Liebevoll erzählt er seine vier Teile nach, obwohl er findet, dass "eine Inhaltsangabe alt aussieht" angesichts des "schrill und schräg" komponierten Textes. Und am Ende seiner Besprechung biegt Wallmann den für ihn "wunderschönen, leisen Schluss" in der Art eines Kinderbuches zurück zur am Anfang stehenden Hiob-Frage. Es ist die Sinnfrage, der sich Sorokin in seiner oft "ostentativ geschmacklos" erzählten Sektengeschichte verweigert und dabei "die faschistischen wie die stalinistischen Totalitarismen" bewältigt, findet Wallmann. "Diametral entgegen" stellt sich Sorokin mit seinem "qua Un-sinn unvereinnahmbaren Buch" der anderen Art von Schweigen, lobt der Rezensent, nämlich dem aus harmlos-gutwilliger Betroffenheit. Nur dies sei das "Verbrechen" Sorokins, der in Moskau mit Anzeigen überhäuft wurde, und Wallmann zieht tief vor ihm den Hut.

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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.10.2003

Katharina Granzin nennt das neue Buch des russischen Skandalschriftstellers einen "echten Sorokin" und das scheint ein Kompliment zu sein. Jedenfalls ist sie beeindruckt von der Eindringlichkeit der Erzählung, die eine wilde Abhandlung über "Rassenwahn, Naziästhetik, politischen Fanatismus und kalte Menschenverachtung" ist: "Der Roman unterwirft uns seiner eigenen eisigen Moral". Granzin entdeckt in dieser Erzählung einige Parallelen zu seinem Roman "Der himmelblaue Speck", zum Beispiel dass eine "symbolhafte Substanz Katalysator der Handlung" ist. Die Handlung kommt nach Meinung der Rezensentin im ersten Teil des Buches jedenfalls sehr "mysteriös, aber spannend" daher. Dafür werden aber im zweiten Teil die Hintergründe umso ausführlicher erklärt und zu einem "kurzen Abriss des Totalitarismus" verarbeitet. Nur mit den beiden Schlussteilen kann Granzin nicht so viel anfangen - das Ende des vierten Teil des Buches erscheint ihr sehr kitschig und sie kommentiert leicht pikiert: "Das kann ja wohl kaum des Postmodernisten Ernst sein".

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2003

Für Rezensent Richard Kämmerlings bezieht dieser vierteilige, im zeitgenössischen Moskau spielende Roman seine Spannung aus einem "irritierenden Kontrast zwischen 'hard boiled Krimi' und New Age Propaganda", aus dem "nicht aufgelösten Widerspruch", dass mit Foltermethoden die Erlösung per Ritualmord blutig herbeigehämmert werden soll. Doch die Gegenwartshandlung, die der Rezensent zugleich als Panorama sozialer und seelischer Abgründe Russlands deutet, sieht er zwischendurch in eine Persiflage auf den Ton des russischen Volksmärchens wechseln. Seine Wurzeln habe dieser Roman einerseits in den gewalttätigen Utopien des zwanzigsten Jahrhunderts. Andererseits scheint er für Kämmerlings auch die in Russland populären Heilslehren und Verschwörungstheorien zu persiflieren. Angenehm berührt ist unser Rezensent von Sorokins Verzicht auf den "bekannten Griff ins Register des Slapsticks". Der Autor erzähle seine Geschichte vielmehr ganz ernst und unironisch. Der ganze Roman folgt einer Traumlogik, so Kämmerlings, er ist selbst eine Art Albtraum der Weltgeschichte und ihres inneren Motors: "der gnadenlosen Unterwerfung des einzelnen unter verabsolutierte Ideen und universalistische Fantasmen".

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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.10.2003

Karl-Markus Gauß kann so gar nichts mit Sorokins Kompilation diverser Trash-Genres anfangen und vermutet faulen Zauber. Das schwächste Buch Sorokins sei es auf jeden Fall - aber ist es noch als ernsthafte Literatur zu bezeichnen? Oder ist die Parodie der Stile auf das Niveau des Parodierten zurückgefallen und müsste eigentlich am "Bahnhofskiosk" verkauft werden? "Haarsträubend erfunden, rasant erzählt, auf wohlfeile Provokation kalkuliert" komme der Roman des brillanten "Stimmenimitators" Sorokin daher, der gleich im ersten Teil alles auffahre, was die Welt der pulp fiction hergebe: SF, Fantasy, Pornografie (sexuell und sozial), die Milieus der Gangster und der Superreichen sowie Verschwörungstheorien. Bloß wozu? Gauß jedenfalls vermutet, dass es Sorokin vor allem darum geht, seine sprachlichen Kunststückchen vorzuführen - doch wenigstens auf den letzten Seiten komme sein parodistisches Talent auf eine Art zum Einsatz, die mehr als nur Virtuosität sei, so dass sich der Rezensent letztlich zumindest unsicher darüber ist, "ob hier ein bedeutender Autor Trash verfassen wollte oder ein unbedeutender Autor große Literatur".

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.10.2003

Als "moderne Fortsetzung" von Michail Bulgakows "Der Meister und Margarita" begrüßt Thomas Steinfeld im Aufmacher der SZ-Buchmessenbeilage den jüngsten Roman Vladimir Sorokins, den er als "Manifest einer metaphysischen Sehnsucht" interpretiert. Den Roman handelt von Erlösungs-, Erweckungsphantasien, teilt Steinfeld mit, erzählt in einem ebenso märchenhaften wie grausamen, kindlichen und absurden Ton. Eine Mischung zwischen Science Fiction und mystischer Erlösungsliteratur, Parabel und Abenteuergeschichte, in der es um das buchstäbliche Aufklopfen versteinerter beziehungsweise vereister Herzen geht, die dann bei einigen Auserwählten wieder zum Leben erwachen und die Liebe entdecken, die Sprache des Herzens. Sorokin besitzt nun die dichterische Unverfrorenheit, schreibt Steinfeld mit Begeisterung, einerseits die Liebesbotschaft und Glücksverheißung als Kitsch zu geißeln und dennoch auf dieser Idee des Glücks zu beharren. Die politische Botschaft dahinter ist aber noch eine andere, vermutet Steinfeld; der Autor wünsche, dass wir erkennen, dass die Wandlung der Sowjetunion in ein kapitalistisches Land vor allem eine "Befreiung des Wahns", einen Ausverkauf der Seelen und Heilsideen bedeutet.

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