Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Klappentext
"Isis entschleiert" ist ein großangelegter Mosaikroman zum Thema Schleier und Entschleierung. Eine Romanfigur namens ausgerechnet Ulrich Holbein verlässt seine hausbackene Geliebte Rosi, um solo auf Reise zu gehen. Er schreitet Richtung Orient, um im Tempel der Isis die nackte Wahrheit zu sehen, d. h., den hierfür zuständigen Schleier zu lüften. Hierzu werden mehrere Entschleierungsvarianten durchgeführt: sieben an der Zahl. Einige Entschleierungen verlaufen glücklich und führen zu ekstatischer Einswerdung und Erleuchtungserlebnissen, doch auch das Gegenteil, die Apokalypse im Guckkasten, nimmt seinen Lauf. Holbein operiert in der "Isis" mit dem Zitat. Damit entsteht eine überschwappende Großcollage aus Literatur-, Film-, Gebrauchstext-, Volksmund-, und Selbstzitaten, Paraphrasen und Bildern - ein internationales Kollektivgebräu aus 5437 Zitaten von etwa 732 teilweise sehr unvereinbaren Dichtern, Denkern, Religionsstiftern, Obergurus, Ekstatikern, Ghostwritern und Illustratoren verschiedener Zeiten und Zonen, von Graf Zeppelin bis Albertus Magnus. Mit Index.
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.01.2001
Ein Roman, der sich als Parodie einer wissenschaftlichen Arbeit ausgibt. Ein Kollektivroman, an dem der Leser gar mitarbeiten muss. Eine Kompilation aus Texten, von denen der Autor wahrscheinlich viele nicht selbst verfasst hat. Wer weiß das schon so genau oder will das noch wissen, fragt Dieter Borchmeyer, den die Lektüre von Holbeins "postmodern-alexandrinischem Verwirrspiel" amüsiert hat. Holbein schreibt, collagiert und kompiliert sich laut Borchmeyer durch die verschiedensten Literaturgattungen; festzuhalten bleibt dem Rezensenten, dass man in Holbeins Buch alles über Schleier erfahre: vom muslimischen Kopftuch bis zur Vermummung bei Demonstrationen oder die Kopfbedeckung der Maya. Holbein geht es nicht darum, das Erhabene in den Mysterien nachzuinszenieren, bemerkt Borchmeyer, sondern sein Ziel ist "die Dekonstruktion der Metaphysik von Transzendenz und Schleier". Wer sich mit den klassischen Tüchern und der Transzendenz nicht auskennt, wird von Borchmeyer auf eine kürzlich herausgekommene Untersuchung zu Schillers Ballade "Das verschleierte Bild zu Sais" verwiesen, worin der Ägyptologe Jan Assmann dem Isis-Kult von Schillers Ballade ausgehend nachspürt.
Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2000
Am Anfang ist Rezensent Joachim Kalka noch frohen Mutes und führt in die Geschichte des Isisbildnisses von Sais ein, das schon Schiller und Novalis beschäftigte. Ulrich Holbein, "ein Mann von hoher Belesenheit", habe nun mit seinem Isisbuch eine "Initiationswanderung" angetreten, und auf der "großen Suche nach der Wahrheit durch die große und kleine Literatur aller Zeiten geführt." Das heißt, er hat eine Erzählung ausschließlich aus Zitaten montiert. Zuerst wandert unser Kritiker noch wacker mit. Freut sich an aphoristisch aneinandergereihten Zitaten verschiedener Autoren, an hübschen Kunststücken und dem "Arrangement von heterogenen Fragmenten". Aber schnell lassen seine Kräfte nach. Die Lektüre kommt ihm vor wie ein Bankett, bei dem man immer hungriger wird: "Es ist alles überreichlich da, aber es schmeckt rasch nach nichts." Ärgerlich auch, dass so gut wie jeder Verdacht des ästhetischen Scheiterns vom Autor mit einem launigen "Quod erat demonstrandum est" abgewiesen werden könne. Kalka kommt auch auf die Vorläufer der Holbeinschen Montagetechnik zu sprechen, nennt Benjamins "Passagen-Werk" oder Oswald Wieners "Die Verbesserung von Mitteleuropa". Aber an die will der inzwischen schwer atmende Kritiker das Buch nicht herankommen lassen, weil es bloß stumm auf Bedeutsames zeige. Irgendwann hat Kalka dann die Geduld verloren, spricht von "Holbeins pompösem Isiskaufhaus", aus dem er manches geliebte Zitat sogar mit Waffengewalt befreien möchte. Schließlich ist dann bloß noch von "Holbeins Ratatouille" die Rede. Ein seufzender, gequälter Leser tritt gegen Ende auch noch auf. Und das Erzählen? Es schleppt sich nachgerade am Leser vorbei wie tot.
Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.09.2000
Das hört sich nach einem dicken Brocken Kompliziertheit an, auch wenn Lutz Hagestedt sich alle Mühe gibt, das Buch verständlich zu machen. Der Rezensent widmet sich ausführlich dem Verfahren des Autors, eine "Autobiografie zweiter Ordnung herbeizuschreiben", indem er alle Ulrichs der Weltliteratur und allen Holbeins samt anverwandten Namensvettern (wie Hohler, Holl, Holk etc) zu einer biografischen Collage zusammenschneidet. Der "Isis-Kult" scheint dabei eine Metapher für den Ich-Kult des Autobiografen zu sein; und der wird auf so phantastische Weise ausgespielt, dass, meint Hagestedt, am Ende der "Schleier" zerreißt und den Blick freigibt auf die Egomanie des Egomanen: ein System von "Doppelgängerfiguren" fügt sich zusammen zum "fiktiven Ego" des Ulrich Holbein. Dem Rezensenten hat das Lust gemacht auf eine eigene Egomanie; er bittet um Bücher, in denen der Name Lutz vorkommt.
Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.09.2000
Der Autor schreibt ein Buch, das nur aus Sätzen anderer Autoren besteht: Seltsam - obwohl wenn kein Satz vom hoch geschätzten Autor selbst stammt, mag der Rezensent Martin Ebel das Buch trotzdem. Sogar der Titel sei Zitat, teilt Ebel mit. Die Lektüre des Buchs veranlasst ihn allerdings zu fragen: "Was ist noch Zitat, wenn alles Zitat ist?" Zitiert wird aus den unterschiedlichsten Quellen, werden wir informiert, hohe Philosophie sei ebenso vertreten wie Groschenhefte. Auch formal ist alles vertreten: Epik, Dramatik, Lyrik. Das Thema ist die Methode zugleich: Verhüllen und entschleiern, zitieren, verstecken - entdecken. Für Martin Ebel ist das Buch ein großer und kurzweiliger Lesespaß, der hinter der Komik immer auch den Ernst der Fragen (siehe oben) durchscheinen lässt. Darum schließen wir ausnahmsweise mit einem Zitat: "Nichts ist origineller, (...) , als sich von anderen zu nähren." So zitiert Ebel Holbein, zitiert Holbein Valéry. Etwas später heißt es bei Valéry: "Allerdings muss man sie auch verdauen." Jetzt wissen wir, wie es in der Literaturkritik zu der Formulierung "gut verdaulich" gekommen ist.
Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Mehr Bücher aus dem Themengebiet
Von Lesern empfohlene Bücher
Lukas Hartmann: Räuberleben
Geächtet, verteufelt, gejagt das ist das Schicksal des Räuberhauptmanns Hannikel und seiner Familie. Ein historischer ...
Theodor W. Adorno: Philosophie und Soziologie (1960)
Herausgegeben von Dirk Braunstein. Die Vorlesung über "Philosophie und Soziologie" aus dem Sommersemester ...
Archiv: Bücherschauen
Krisen des modernen Ichs
26.05.2012: FAZ und NZZ sind beeindruckt von Drastik und Zartheit in John Cheevers neu übersetztem Roman "Willkommen in Falconer". Ganz groß findet die FAZ auch Alexander Garcia Düttmanns neues Buch "Naive Kunst". Die SZ guckt Safaa Fathys Film über Derrida. Die taz staunt über Germán Kratochwils spätes Debüt "Scherbengericht", in dem das Wien der Kaiserzeit mit dem Patagonien der Gegenwart verbunden wird.
Mehr lesen
Archiv: Vorgeblättert
Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Band 3
07.05.2012: Der Band 3 der Edition "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945" dokumentiert die Judenverfolgung im Protektorat Böhmen und Mähren seit März 1939 und im Deutschen Reich vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis zum September 1941. Lesen Sie hier einige Dokumente. Mehr lesen
Goncalo M. Tavares: Die Versehrten
19.04.2012: Mylia trotzt seit Jahren den Prognosen der Ärzte über ihren bevorstehenden Tod; Ernst, ihr ehemaliger Geliebter, ist seit seinem Aufenthalt in der Nervenklinik ein gebrochener Mann, und Hinnerk ist ein vom Krieg Gezeichneter. In einer schicksalhaften Nacht treffen all diese Personen aufeinander. Hier eine Leseprobe aus Goncalo M. Tavares' Roman "Die Versehrten". Mehr lesen
Laszlo Vegel: Sühne
12.04.2012: Ausgehend vom Vielvölkerstaat Jugoslawien beginnt László Végel eine Erkundung Europas und macht sich auf die Suche nach einem Ort, an dem eine sinnvolle Existenz möglich ist. Im Mittelpunkt der Vermessung der europäischen Möglichkeiten steht der wiederaufkommende Faschismus in Südosteuropa. Lesen Sie hier einen Auszug aus "Sühne". Mehr lesen








