Bücherschau der Woche
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Klappentext
1998 erschien eine kurze Meldung in deutsche Tageszeitungen: "Jeder zweite Mord bleibt unentdeckt." Was Sabine Rückert herausgefunden hat, bestätigt die Meldung: Der gewaltsam herbeigeführte Tod wird häufig gar nicht als solcher erkannt, und das liegt nicht daran, dass wir es mit besonders raffinierten Mördern zu tun haben, sondern am "staatlichen System des Nicht-wissen-Wollens". Ein Sachbuch über die Misere der Rechtsunsicherheit...
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 03.07.2001
Ulrike Hermann hat am Ende die Nase voll: von all den Leichen, Fallgeschichten, echten und verhinderten Autopsien, mit denen man ganze Akten und viele Buchkapitel füllen kann. Zwei Bücher sind zum Thema 'gewaltsamer Tod und Obduktionen' erschienen: das eine ein Beinahe-Plagiat des anderen, findet sie.
1.) Sabine Rückert: "Tote haben keine Lobby"
Für Hermann ist Rückerts Buch eindeutig das sachlichere, kompetentere Stück, auch wenn sich die Autorin manchmal von den Fallgeschichten mitreißen lasse und darüber die politische Analyse aus den Augen verliere. Rückert hat laut Hermann viele und auch makabre Fakten zusammengetragen: höchstens die Hälfte aller Tötungsdelikte, so schätzten Rechtsmediziner, würden überhaupt erkannt. Das liegt unter anderem, schließt die Rezensentin aus Rückerts Ausführungen, auch an einer politisch geduldeten und falschen Praxis der Leichenschau, die hierzulande vom normalen Haus- oder Amtsarzt durchgeführt werde, der von Pathologie keine Ahnung habe. Und selbst wenn die Todesursache ungeklärt bleibt, komme es höchst selten zur Obduktion. Ganz anders und beispielhaft verhalte sich Österreich: dort gibt es amtlich bestellte Leichenbeschauer in jeder Gemeinde.
2.) Fred Sellin/ Klaus Weber: "Todesursache: natürlich"
Schnell ein Buch hinterhergeschoben: für fast eine Kopie hält Hermann das Buch der beiden Journalisten, die das gleiche Thema wie Rückert bearbeiten und ihre Behauptungen durch Verschwörungstheorien aufpeppen. Was ihre Seriosität allerdings auch nicht gerade steigere. Sellin/Weber vermuten, so Hermann, dass es vonseiten der Polizei und Justiz gar kein Interesse an einer höheren Obduktionsrate gebe: denn dann könne die Polizei ja keine "Rekordaufklärungsquote von 95%" mehr vorweisen. Außerdem sei es im Interesse des Staates, die Folgekosten, d.h. die Kosten für die Gefängnisaufenthalte zu reduzieren. Angesichts der Tatsache, dass viele Menschen im Gefängnis sitzen, weil sie ihre Geldstrafen nicht bezahlen können, für Ulrike Hermann eine ziemlich absurde Vermutung.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2000
Mit durchaus erzählerischem Geschick, findet Milos Vec, hat die Autorin Statistiken, Analysen und Fallbeispiele zusammengebracht, um sich mit der weitaus niedriger als offiziell zugegebenen Aufklärungsrate von Tötungsdelikten in Deutschland zu beschäftigen. Vec zeigt am Beispiel einer Mordserie in Altenheimen, wie sich Rückert ihrem Thema nähert und findet trotz einiger Ausrutscher ins Reißerische, dass sie immer wieder Schwachstellen von Institutionen und Interessenkonflikte von Ämtern ins rechte Licht rückt, um ihre Analyse zum Kernpunkt voranzutreiben, nämlich der Forderung an den Staat zur Verbesserung beispielsweise des Obduktionsverfahren u.ä.m. Hierin aber folgt der Rezensent der Autorin nicht mehr und argumentiert mit der von Rückert selbst zitierten Studie von Heinrich Popitz `Über die Präventivwirkung des Nichtwissens`; seiner Meinung nach hat Popitz darin gezeigt, dass die sozialen Kosten vollständiger Verbrechensaufklärung schlechterdings nicht zu tragen sind. Rückert will mit ihrem `Empörungsjournalismus` und in `zeittypischer` Weise jedoch mehr `Strafverfolgung` und mehr Staat, und das, findet Vec, macht ihre Arbeit `etwas einseitig` in Bezug auf die Erklärungen, die sie für die Nichtaufklärung von Verbrechen anbietet.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.09.2000
In einer sehr spannend zu lesenden Rezension zeigt sich Rolf-Bernhard Essig geradezu hingerissen von diesem Band, der für ihn "ohne Zweifel zu den besten politischen Sachbüchern der letzten Zeit" gehört. Ihm gefällt nicht nur die präzise Recherche der Autorin, ihr Eintreten für die Würde der Toten sowie ihre eigenen Verbesserungsvorschläge, um den Missständen bei der Todesermittlung abzuhelfen. Besonders aufschlussreich und geradezu schockierend findet er die Fakten, die Rückert zusammengetragen hat. So erfährt der Leser beispielsweise, dass von 350 von Gerichtsmedizinern untersuchten "natürlichen" Todesfällen sage und schreibe 97 ganz und gar nicht natürlich waren. Besonders lobenswert findet Essig, dass die Autorin sehr klar und deutlich aufzeigt, dass diese Fehlerquote keineswegs Zufall ist, sondern Methode dahinter steckt. Denn Obduktionen sind teuer und mit viel Arbeitsaufwand verbunden, vor dem selbst die Staatsanwälte bisweilen zurückschrecken. Und so scheint Essigs Verdacht, dass ein Volk wie die Finnen, das statistisch gesehen wesentlich mehr Morde zu verzeichnen habt, möglicherweise keineswegs krimineller ist, sondern lediglich eine "wesentlich höhere Obduktionsquote" vorweisen kann. Rückerts Untersuchungen und Fallstudien, von denen er mehrere aufzählt, können einen "das Gruseln lehren", so der Rezensent.
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