Bücherschau der Woche
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Klappentext
Auswahl, Übertragung und Nachwort von Susanne Lange. In seiner Dichtung entscheidet sich Cernuda gegen das Geläufige, Erprobte, Eingängige und wählt einen eigenen komplexen Rhythmus, jenseits klangvoller oder folkloristischer Metaphern. Über die englische Lyriktradition holte er die Geschichte ins spanische Gedicht, und über die deutsche eignete er sich die kunstvoll geformten Bildgedanken eines Hölderlin an und verwandelte sie in einen Sturzbach von Worten, schroff und elegant zugleich. Abseits von allen literarischen Strömungen und im Wissen um die Singularität seines Werks hat Cernuda seine gesamte lyrische Produktion aus vier Jahrzehnten unter dem Titel "Wirklichkeit und Verlangen" zusammengefasst, eine im deutschen Sprachraum noch kaum erforschte Insel, deren Reichtum mit dieser starken Auswahl neu zu entdecken ist.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.01.2005
Eigentümlich unvertraut ist die Kultur- und Literaturgeschichte des Westens mit der einstmals sehr berühmten Autorengruppe der "Generation von 27" geblieben. Während der Surrealismus und viele französische Autoren der zwanziger Jahren dem gebildeten Europa nach wie vor ein Begriff sind, kenne man, stellt der Rezensent Albrecht Buschmann fest, bedeutende Autoren wie eben Luis Cernuda heute kaum noch. Gründe gibt es dafür viele, vor allem natürlich die langen Jahre des Franco-Faschismus in Spanien, in denen die literarische Avantgarde mit Fleiß aus dem Gedächtnis getilgt wurde. Und Cernuda hat es, wie Buschmann, einräumt, seinen potenziellen Bewunderern auch nicht immer leicht gemacht. Sein Menschenbild war von "radikaler Skepsis" geprägt, gerne gab er sich als Unverstandenen und Unverständlichen. Über die Lyrik selbst ist - von Zitaten abgesehen - in der Rezension leider nicht viel mehr zu erfahren als dass sie "zwischen dem Verlangen nach Annäherung und Erkenntnis der Wirklichkeit, dass dieses Verlangen nie zu stillen ist" schwanke.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.07.2004
Es wurde höchste Zeit, atmet Walter Haubrich erleichtert auf, dass dieser herausragende Vertreter der spanischen "Generation von 1927" endlich in Deutschland mit einer zweisprachigen Ausgabe gewürdigt würde. Cernuda ist nicht etwa 1927 geboren, erklärt Haubrich das Etikett, sondern nahm in diesem Jahr - gemeinsam mit seinen Kollegen Rafael Alberti, Jorge Guillen, Federico Garcia Lorca, Pedro Salinas, Damaso Alonso, Gerardo Diego - an einem Gedenkakt für den spanischen Lyriker Luis de Gongora teil. Dem 300 Jahre älteren Kollegen fühlte sich Cernuda innerlich verwandt, sagt Haubrich; auch er ein Außenseiter. Der Rezensent zählt einige Eigenschaften auf, die Cernuda von seinen Kollegen ab- und herausheben: er war der europäischste unter ihnen, aber er hatte ein polemisches Verhältnis zu Spanien; er war in anderen Sprachen und Literaturen zuhause und brachte dies in seine Lyrik ein; er bekannte sich klar zu seiner Homosexualität und ließ Männer als die Objekte seines Begehrens in seinen Texten nie verkleidet als Frauen auftreten; er schrieb abstrakter als die anderen und vermied jede Anlehnung an volkstümliche Lyrik; er bezog klar für die spanische Republik Stellung und ging nach Francos Sieg ins Exil nach Mexiko, aber er handelte keine politischen Themen ab. Die von Susanne Lange hervorragend übersetzte Werkauswahl orientiert sich an einem von Cernuda selbst betreuten gleichnamigen Band, der nach Haubrich eine Art lyrische Biografie des Dichters nachvollziehen lässt: von der andalusischen Leichtigkeit über die Nähe zum Surrealismus bis hin zu den düsteren und bitteren Texten der Spätzeit.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.03.2004
Dass Luis Cernuda als einer der ersten Vertreter der Moderne in der spanischen Dichtung gelten kann, das hatte schon Octavio Paz erkannt, als er ihn einen "Moralisten" im Sinne von Nietzsche nannte, erklärt die Rezensentin Cornelia Jentzsch gleich zu Anfang. Umso wichtiger also, dass nun eine "breit gefächerte" Auswahl seiner Gedichte in Neuübersetzung vorliegt. Paz' Analyse, dass Cernudas Werke "unsere Werte und Glaubensanschauungen" kritisch durchleuchten, indem sie "Zerstörung und Schöpfung untrennbar miteinander verbinden", scheint die Rezensentin zuzustimmen. Sie spinnt diesen Gedanken weiter, und erklärt den ganzen Band zu einem "einzigen großen Gedicht", in dem der Mensch - von Gott desertiert - beginnt mit sich selbst zu reden. Doch sie stellt Cernudas Lyrik auch in einen anderen Zusammenhang, in dem "Verlangen und Wirklichkeit" zwei "einander suchende Teile eines Ganzen" bilden. Diese Ausgabe, so Jentzsch, ist in doppelter Hinsicht fruchtbar: Zum einen, weil Susanne Langes "nüchterne" Übersetzung "das Bild eines genaueren, schlagartigeren und desillusionierteren Cernudas" vermittelt und zum anderen, weil sie Cernudas Werk neu gewichtet, indem sie sich auf die "späteren Zyklen" konzentriert.
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