Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Julien Green

Julien Green: Tagebücher 1996-1998

Cover: Julien Green: Tagebücher 1996-1998

List Verlag, München 2000
ISBN-10 3471794255
ISBN-13 9783471794258
Gebunden, 437 Seiten, 50,11 EUR

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Klappentext

Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Mit einem Vorwort von Eric Green. Der letzte Band der Tagebücher. Julien Green starb am 13. August 1998 in seiner Pariser Wohnung.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.01.2001

Milo Rau ist erstaunt, dass dieser siebte und damit letzte Tagebuch-Band des - "wie kaum ein anderer nach französischen Begriffen" Klassikers - Julian Green noch vor einer französischen Ausgabe im Deutschen erschienen ist. In der "gekonnten Manier des humanistischen Diaristen", so der Rezensent, hat Green für die Öffentlichkeit ein `journal intime` seiner letzten beiden Lebensjahre geschrieben, das dem Leser "culture générale" bietet. Seine Schriften zeigten einmal mehr die umfassende Bildung des "herzensklugen Flaneurs", der sich weniger auf die Spuren der Eigendynamik von Politik und Wirtschaft begeben habe als vielmehr "wahren unsichtbaren Schriftsinn" vorführe. Greens Tagebücher erzählen aber auch vom eigenen Tod, so Rau. Tag für Tag schreite der körperliche Verfall des fast Hundertjährigen voran. Und doch seien die in diesem Band zusammengetragenen Dokumente alles andere als wehleidig. In der ihm eigenen "undramatischen Diskretion" hat Green ein Werk hinterlassen, in dem Tagesgeschehen, Erinnerungen und transzendentale Reflexionen zusammenfließen, resümiert der Rezensent.

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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.12.2000

Julien Green, der Letzte - damals noch lebende - der "legendären Amerikaner in Paris", war 96 Jahre alt, so Iris Radisch, als er den letzten Band seiner Tagebücher begann. Ein Alter, in dem man sich ständig die Frage nach den letzten Dingen stellt. Und dabei zu seinen Anfängen zurückkehrt, wie Radisch bemerkt. Einfache Kinderfragen seien es, die Green beschäftigt hätten: Wer bin ich? Warum bin ich hier? Nur das Wesentliche zählte für Green - aber was ist wesentlich? In Greens Gedankenreich haben nach Radisch nur wenige Dinge, Personen, Bücher noch einen Platz gehabt: Novalis und Heine etwa, die selbstverständlich auf Deutsch gelesen und rezitiert wurden. Green sei angewidert gewesen vom Materialismus seiner Zeit, von der alles aufsaugenden und egalisierenden Postmoderne. Ein konservativer Geist, der laut Radisch "hinter roten Tapeten" in die "hoch kulturelle Sicherheitszone" seiner Wohnung emigriert sei, die er bemerkenswert radikal und luzide verteidigt habe.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2000

`Die Tagebücher sind weithin ein Glücksbericht und ein Staunen darüber, dass es ihn gibt und gegeben hat`, schreibt Arnold Stadler, der kein Kritiker, sondern ein Schriftsteller ist. Sein Text ist sehr persönlich und voller Faszination über Greens Hellsichtigkeit, die kindliche Unschuld, die er sich bis zum letzten Augenblick seines fast hundertjährigen Lebens bewahrte. `Ich muss nun damit leben`, schreibt Stadler schließlich, `dass es keine Tagebücher mehr geben wird von Julien Green.` Dies Tagebuch, das 1926 einsetzt und erst mit dem Tod des Schrifstellers1998 endet, sei das umfangreichste, dass im 20. Jahrhundert veröffentlicht wurde. Dialogisch mit dem Text durchmisst Stadler an Greens Seite nun dieses Jahrhundert noch einmal - oft beeindruckt, manchmal beinahe verstört von Greens Frömmigkeit. `Ich kann auch nichts dafür, dass das Tagebuch so geistlich ist`, entschuldigt sich Stadler einmal. Aber Green sei ja nicht als Katholik berühmt geworden, sondern als Romanautor, `dessen Bücher Abgründe und Höllentore öffneten`. Und während des Schreibens gerät Stadler immer tiefer in Greens Universum hinein, dass er mit tiefer Ergriffenheit vor uns aufblättert. Elisabeth Edls Übersetzung wird mit einem schlichten, aber eindringlichen `wunderbar` beschrieben.

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.09.2000

In einer Sammelrezension bespricht Ute Stempel folgende Publikationen des kürzlich verstorbenen Schriftstellers Julien Green:
1) "Adrienne Mesurat. Roman"
Das "höllische Geisterdunkel", in dem der zeitlebens in Frankreich lebende Amerikaner seine Romane getaucht hat, meint Ute Strempel, prägt auch diesen Roman. So lässt sich die in der Provinz lebenden Adrienne Mesurat einerseits von ihrem Vater tyrannisieren, andererseits von einer "erotischen Obsession", die sie für Liebe hält. Einen Ausweg daraus gibt es nicht, selbst der Mord am Vater ist keine "Erlösung", da sie letztlich in die "geistige Umnachtung" führt. Die "Seelendramen" Julien Greens erinnern die Rezensentin an Dostojewski und Kafka. Auch hier werden die "bedrohlich muffigen Szenerien" bedroht von einer verzehrenden "Glut des Bösen".
2) "Wenn ich du wäre. Roman"
Ein Büroangestellter schlüpft in die Körper anderer, von ihm beneideter Menschen, z.B. seines Chefs oder auch eines Mörders und eines Frauenhelden. Da er dadurch jedoch auch "mit der Seele des anderen gestraft" wird, zeigt sich der Ich-Verlust als zu hoher Preis. Mit einem "platten Schluss", findet Ute Strempel, nimmt Green hier die Unheimlichkeit und Radikalität seines Romans wieder zurück: alles war nur ein Fiebertraum. Interessant findet sie, dass die Psychoanalytikerin Melanie Klein schon 1947 diesen Roman als "Beleg für eine Studie über die Identitätsproblematik" nahm, was dem Autor durchaus nicht recht war.
3) und 4): "Tagebücher 1990 - 1996" und "Tagebücher "1996 - 1998"
Erstaunlich ist der Gegensatz, meint Strempel, den die "human gefilterten" Tagebücher des sehr zurückgezogen lebenden Green bilden zu den finsteren Leidenschaften, die seine Romane beherrschen. Hier gruselt sich Green, bei aller Gottesgewissheit, die ihn als zum Katholizismus Konvertierten auszeichnete, vor der Welt der Politik, vor Atomkraftwerken und Kinderarbeit, Schändung jüdischer Friedhöfe und kalten Kameraaufnahmen von sterbenden Kindern in Afrika. Diese Tagebücher, merkt Strempel an, gehören zu "den ausführlichsten und an Jahren umfassendsten der Literaturgeschichte". Erstaunlich findet sie, dass der Autor mit den Jahren nicht milder sondern eher immer schonungsloser mit der Welt ins Gericht gegangen ist. Jedoch "öffnen Greens Tagebücher keine Fenster in seine geheimsten Lebensträume", schreibt Strempel und zitiert seine Selbstaussage hierzu: `Mein wirkliches Tagebuch steckt in meinen Romanen.`

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