Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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Klappentext
Marcel Reich-Ranicki in Polen - aus Zeitzeugenberichten, bisher unbekannten Fotos und verschollenen Dokumenten erhalten diese "weißen" Jahre Konturen. Jahre der Todesangst: Ausweisung nach Polen 1938, Warschauer Ghetto 1940, Flucht auf dem Weg zur Deportation 1943, Unterschlupf bis September 1944... In höchster Not entkommen Marceli Reich und seine Frau Teofila; sie tauchen unter und können ein neues Leben beginnen. Er arbeitet ab Oktober 1944 für den polnischen Geheimdienst in Kattowitz, Berlin, London, Warschau. 1958 verlässt er seine erste Heimat Polen in Richtung Bundesrepublik, wo ihm eine unvergleichliche Karriere als Literaturkritiker gelingt. Seither nennt er sich Marcel Reich-Ranicki.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info):
Gerhard Gnauck: Wolke und Weide - Informationen und Leseprobe beim Klett-Cotta Verlag
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.06.2009
Das Leben keines Literaturkritikers dürfte mittlerweile so gut ausgeleuchtet sein wie Marcel Reich-Ranickis, und Karl Corino attestiert Gerhard Gnauck, sehr gründlich bei seinen Recherchen zu MRRs polnischen Jahren gewesen zu sein, bei denen es im Kern um die Mitarbeit für den polnischen Geheimdienst geht: Zwei Jahre lang hat MRR, der den Krieg zuerst im Warschauer Ghetto und später versteckt bei polnischen Bauern überlebte, in London für den Auslandsnachrichtendienst gearbeitet, zehn Jahre lang haben Gnaucks Recherchen in Anspruch genommen. Doch bei aller Gründlichkeit kann auch Gnauck nicht alle Hintergründe erhellen, wie Corino bedauert, etwa die Frage, warum MRR so plötzlich seine Arbeit in London beendete.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.03.2009
Der Mann kennt sich aus. Gerhard Gnaucks Rechercheleistung über Polen zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs findet Franziska Augstein tadellos. Doch das Buch hat eigentlich ein anderes Sujet: Marceli Reich alias Marcel Reich-Ranicki. Ganz froh, dass der Autor nicht mit den gleichen umstürzlerischen Absichten antritt wie Tilman Jens und den Kritiker respektiert, entwickelt die Rezensentin dennoch eine detektivische Erwartungshaltung. Was hat Ranicki zwischen 1939 und 1950 gemacht? Wie gelang die Flucht aus dem Warschauer Ghetto? Wer verfasste die Berichte über "linke Anschauungen" bei Angehörigen der polnischen Mission in Berlin? Möglicherweise jener Marceli Reich, möglicherweise auch jemand anders. Bei aller Akribie, die der Autor aufwendet, Belege habe er nicht zu bieten. Und so fühlt sich Augstein von einer Sackgasse in die nächste geleitet. Für eine Causa Reich-Ranicki, meint sie, reicht es bei aller Mühe nicht. Statt des biografischen Thrillers bietet das "gut geschriebene" Buch der Rezensentin anregende Informationen über die Zustände und Stimmungen im damaligen Polen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.03.2009
In seiner ausführlichen Besprechung der MRR-Biografie von Gerhard Gnauck charakterisiert Ulrich M. Schmid Marcel Reich-Ranicki als "modernen Wallenrod" (nach dem Gedicht des polnischen Nationaldichters Adam Miczkiewicz): Ein Patriot, der in einem fremden Land lebt, um Karriere zu machen, seinem Heimatland jedoch immer verbunden bleibt. Reich-Ranicki habe dabei gleichzeitig als Autor und Held seiner eigenen Biografie agiert. Was nicht in die Komposition passte, weil es problematisch war, sei ausgelassen worden. Gnauck versucht diese ausgelassenen Lücken zu füllen, so zum Beispiel MRRs Verhalten im Warschauer Ghetto oder seine polnische Geheimdiensttätigkeit in London Ende der vierziger Jahre. Erklären könne er diese "weißen Flecken" zwar nicht, meint der Rezensent. Trotzdem führe Gnaucks Recherche nicht nur zu einer Neubewertung von Reich-Ranickis Biografie, sondern böte auch "ein Lehrstück für die schwierige Selbstaufklärung eines Intellektuellen über seine eigene problematische Vergangenheit", ohne ihn mit dem ausgestreckten Finger abermals zu verurteilen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.03.2009
Martin Lüdke stellt gleich zu Anfang seiner Kritik dieser MRR-Biografie von Gerhard Gnauck klar, dass "sensationelle Enthüllungen" oder neuerliche Verurteilungen des Literaturkritikers darin nicht zu erwarten sind. Und er macht keinen Hehl daraus, dass er Vorwürfe gegen Marcel Reich-Ranicki wegen seiner Rolle bei der Vertreibung Deutscher aus Polen nach dem Zweiten Weltkrieg und seiner geheimdienstlichen Tätigkeit auch unangebracht fände. Auch wenn der Autor, Polen-Korrespondent der "Welt", trotz umfangreicher Archiv-Recherchen und Gesprächen mit Zeitzeugen nicht mit wirklich neuen Erkenntnissen aufwarten kann, ist der Rezensent dennoch zufrieden mit dieser Biografie. Das Buch zeichne nämlich fesselnd ein ungeheuer bewegtes Leben nach, lobt Lüdke, das "unendlich viel über polnische, jüdische und deutsche Geschichte" verrät, wie er zustimmend den Autor zitiert.
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