Was ist Wahnsinn? Wie wurden Geisteskrankheiten im Lauf der Zeit wahrgenommen? Welche Behandlungsmethoden wurden angewandt? Edward Shorters "Geschichte der Psychiatrie" beantwortet diese Fragen auf ebenso spannende wie anschauliche Weise. Von ihren Anfängen in den finsteren Verliesen des 18. Jahrhunderts bis hin zu den diskret verborgenen Sanatorien unserer Tage verfolgt er die Entwicklung der Psychiatrie - und legt damit eine Kulturgeschichte der menschlichen Seele vor.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 09.12.1999
Einen ausführlichen und wütenden Verriss hat Ludger Lütkehaus diesem Buch gewidmet, denn ihm zu Folge lässt der Autor weder die Antipsychiatrie der 60er und 70er Jahre noch überhaupt Psychoanalyse oder psychotherapeutisches Arbeiten dieser oder jener Richtung gelten: Freud sei unwissenschaftlich und gefährlich, die Analyse eine jüdische Erfindung für hysterische Jüdinnen. Ein weiterer "Lieblingsgegner" Shorters, so Lütkehaus, ist Foucault; und alle Arten und Abarten feministischer und antikapitalistischer Kritik sind ihm nur noch Hohn und Spott wert. Zwar sind nach Meinung des Autors in den alten Anstalten der Psychiatrie die "maximal invasiven Techniken" - sprich Lobotomie, Insulinkoma, Elektroschocks - auch nicht immer der vernünftigste Umgang mit dem Wahnsinn gewesen, aber durch die "Revolution der zweiten biologischen Psychiatrie", sprich Psychopharmakologie, sind und werden sie längst ersetzt und zusammen mit der hirnphysiologischen Diagnostik daher alle lösbaren Probleme auch lösen. Eine "Festschrift der Psychopharmakologie", empört sich Lütkehaus, der sich selbst durchaus kritisch zu Antipsychiatrie und Psychoanalyse stellt. Warum eine so ausführliche Beschäftigung mit Shorter, wenn sein Buch passagenweise zum reinen "Pamphlet" abgleitet? Offenbar, weil der Autor in ernstzunehmender Weise - bisher jedenfalls - in der Fachliteratur zitiert wird. Man ahnt: er repräsentiert einen Trend des Revisionismus und hätte vom Rezensenten hierzu gerne mehr gehört.
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