Der Missbrauch hatte System. Im Frühjahr 2010 wurde bekannt, dass geistliche Erzieher am Kloster Ettal ihnen anvertraute Internatsschüler über Jahrzehnte seelisch wie körperlich misshandelt und sexuell missbraucht hatten. Die Mönche kündigten an, alle Fälle gnadenlos aufzuklären. Wie sieht die Wahrheit aus? In ihrer Dimension stellten die Berichte über die bayerische Benediktinerabtei einen traurigen Höhepunkt unter all den Schreckensnachrichten aus konfessionellen Erziehungseinrichtungen dar, die an die Öffentlichkeit gedrungen sind. Wie konnte es geschehen, dass sich ein scheinbar so gottesfürchtiges Idyll vor der malerischen Kulisse der Alpen für so viele Kinder und Jugendliche als Ort des Grauens entpuppte? Bastian Obermayer und Rainer Stadler haben mit mehr als 50 ehemaligen Schülern gesprochen, die teilweise bis heute unter dem Trauma ihrer Schulzeit leiden.
Die Ordensbrüder vom Kloster Ettal haben die SZ-Journalisten Bastian Obermayer und Rainer Stadler zwar nicht zum Reden über die Missbrauchsfälle gebracht, die es seit den 1950er Jahren im Benediktinerinternat gegeben hat, muss Nina Apin feststellen. Dafür haben sie in ihrem viel diskutierten Buch aber ausgiebig mit den Opfern gesprochen, so die Rezensentin. Zudem arbeiten die Autoren die Funktionsmechanismen heraus, die es den Klosterbrüdern über einen so langen Zeitraum ermöglichte, physische und sexuelle Misshandlung in derart großer Zahl auszuüben, ohne dass eingeschritten worden wäre. Für Stadler und Obermayer sind die Gründe hierfür zum einen in der "totalen Isolation" zu suchen, die den Mönchen in der systematischen Absonderung von Familie und Umgebung die vollständige Kontrolle über ihre Zöglinge gab, erklärt Apin. Zum anderen sehen die Autoren jahrhundertelange wirtschaftliche Abhängigkeit und die strenge Ordenshierarchie als maßgeblich dafür an, dass Missbrauch an der Klosterschule so lange ungestört betrieben werden konnte, so die Rezensentin.
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