Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Jobs
Historische Tage
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Klappentext
Ausgehend von einer Fahrt in seine Heimatstadt Hamburg, lässt Hermann Kant die Leidenschaften und Irrtümer der 50er Jahre Revue passieren. Aus dem "Aufenthalt" kennt man diesen Niebuhr, der in polnischer Gefangenschaft von den Gräueltaten der Nazis und der Wehrmacht erfuhr. Jener Lebensabschnitt behält sein Gewicht auch für den Erzähler dieses Romans, zumal ihn seinerzeit Stalin in den Kreml holen ließ, zu seinem "Ideengefäß" ernannte und auf einer Okarina spielte - Flötentöne, die lange in Niebuhr nachhallen. Aber auch eine Begegnung mit Norma-Marilyn geht ihm nicht aus dem Kopf...
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.08.2002
Rezensent Hans Christian Kosler kann sich nicht recht anfreunden mit Hermann Kants "Rechtfertigungsroman". Kant verwendet seine Erlebnisse in der DDR von 1947 bis zur Gegenwart als Grundlage und versetzt sie mit fiktiven Elementen. Daraus entsteht für den Rezensenten eine Mischung aus "beklemmender Zeitgeschichte" und "lächerlichen" wie "originellen" Szenen. Kants Versuch aber, dem Leser seine Stasi-Vergangenheit als Zufall und Fügung des Schicksals zu verkaufen, nimmt Kosler ihm nicht ab. Vereinzelte Gewissenbisse gebe es zwar, auch Beispiele von "Rechtfertigungsversuchen" oder Anflüge von Selbstmitleid", grundsätzlich aber demonstriere Kant seine "Unbelehrbarkeit". Kosler rechnet den Autor zu den "sprachmächtigsten und geistreichsten" Deutschlands, aber "seine Sprachverliebtheit und sein Gefallen am Wortspiel stehen ihm als Romancier im Wege". Kant kommt nie zum Punkt, moniert Kosler, und erst gegen Ende verzichte er auf jeden "Tüttelkram".
Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 21.03.2002
Schon der Beginn des Romans beschreibt auf langwierige Art eine Autofahrt, bei der der Erzähler ständig die Richtung wechselt. Nur zu symptomatisch ist das, bedauert Rezensentin Evelyn Finger, für den ganzen Roman, der in einer ziellosen "Zickzackfahrt" Autobiografisches und Fiktionales "bis zur Unlesbarkeit" vermischt - und es dennoch schafft, sich an allem, was die Geschichte interessant hätte machen können, vorbeizumogeln. Ständig gibt es unmotivierte politische Kommentare, klagt Finger, aber weder zur "politischen Satire" noch zur "Rechtfertigungsschrift" taugt das im Ganzen. Schwer auf die Nerven gegangen sind der Rezensentin einerseits des Autors allzu ausgeprägtes "Faible fürs Wortspiel", aber andererseits auch viele Anspielungen, die nirgends hinführen. Nur gelegentlich dürfe man sich hier daran erinnert fühlen, dass Kant "famos schreiben kann", denn zumeist tut er es in "Okarina" nicht. Das Ergebnis, so Fingers gnadenloses Verdikt, ist "spätsozialistischer Manierismus".
Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.03.2002
Kristina Maidt-Zinke möchte die "Akte Kant" in ihrer Besprechung geschlossen lassen. Dennoch empfindet sie die Lektüre des Romans als "ungemein anstrengend", da die Sätze und Wörter die sichtbare Mühe erkennen lassen, immer wieder auf ihre Tauglichkeit abgeklopft zu werden. Die "in Jahrzehnten erworbene Praxis des Drumherumredens und Verklausulierens" könne der ehemalige Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbandes nicht mehr ablegen. Die Rezensentin attestiert ihm wohlwollend gute szenische Einfälle und einen "handfesten Erzählwitz". Doch hätten diese Einfälle gegenüber dem ständigen Rechtfertigungsdruck des Autors keine Chance. Die Entwicklung von Kants Helden, die Rezensentin nennt ihn boshaft einen historisch gewendeten Hans Albers, sowie das historische Geschehen berühren sie nicht. Selbst Erotisches zwinge der Autor "unter die Knute seiner Wortklaubereien". Der Rezensentin bleibt die Feststellung, wie schwer es der Sozialismus, vor allem der deutsche, mit der Sinnlichkeit hatte und wie wenig kurzweilig es ist, die Stalinsche Okarina-Flöte auf Ober- und Untertöne abzuhören.
Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2002
Der Autor leidet unter "grammatikalischem Beziehungswahn", stellt Stephan Maus fest und nimmt dies als Beweis für Kants fortgesetztes dialektisches Denken, das sich selbst in seinen Stilfiguren niederschlage. "Okarina" sei ein sprachgewaltiges, beinahe barockes Werk, das formal den Gesetzen des klassischen Bildungsromans folge: Junger deutscher Wehrmachtssoldat entwickelt sich zum überzeugten Antifaschisten. Soweit entspricht die Handlung auch Kants persönlicher Geschichte, behauptet Maus; Kant bringe das ganze wiederum auf eine Metaebene, indem er den jungen Mann zum Ideenträger und ideellen Gefäß des großen Genossen Stalin mache: er tanzt fortan ideologisch nach der Flöte Stalins, der Okarina. Nun wird damit keinesfalls eine kritische Stimme laut, warnt Maus, die sich am Sozialismus abarbeiten würde. Vielmehr erzähle Kant seine verschlungene Geschichte, die weit in die DDR hinreicht, aus der unerschütterten Perspektive eines überzeugten Altkommunisten. Dies einmal akzeptiert, kann man sich laut Maus an Kants "polemischer Verve" erfreuen, denn er sei zwar heutzutage ein Mann ohne gesellschaftliche Macht, verfüge aber über sehr viel "Sprachmacht".
Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.03.2002
Andre Meier hat nicht nur Hermann Kants neues Buch gelesen, er hat den Autor besucht. Dieser wohnt in seiner schlecht heizbaren Datsche im Mecklenburgischen, und es sieht dort genau so aus, wie es Kant in seinen letzten Romanen beschrieben hat, versichert Meier. Trist. Kant weiß nach wie vor die Leseerwartungen seiner Anhängerschaft zwischen Thüringen und Rostock zu erfüllen - und auch zu irritieren, so der Rezensent. Die Geschichte des Romans geht so, wie sie sich für Kant gehört: junger Wehrmachtsoffizier genießt nach Kriegsende russische Umerziehung sowie Stalins persönliche Aufmerksamkeit und wandelt sich "vom Wehrmachts-Saulus zum SED-Paulus". Diese Geschichte habe Kant im Grunde schon mehrfach erzählt, stellt Meier fest, man hält sie - nicht zu Unrecht - für Kants eigene Geschichte. Und doch lässt Kant seiner Meinung nach "Literatur und Leben nach Belieben zusammen- und auseinanderlaufen", so etwa, wenn im jüngsten Roman eine Stasi-Anwerbungsgespräch geschildert werde. Meier fühlt sich ertappt, als er Kant, dem man Spitzeltätigkeit nachsagt, aber nicht hat nachweisen können, darauf anspricht. Auf den Leim gegangen, sagt Meier - aber so genau weiß man oder weiß er es eben nicht. Kant sitzt jedenfalls in seiner Datsche, friert und feixt.
Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Mehr Bücher aus dem Themengebiet
Bücher von Lesern empfohlen
Shahriar Mandanipur: Eine iranische Liebesgeschichte zensieren
Aus dem Englischen von Ursula Ballin. Ein iranischer Schriftsteller ist es leid, immer nur düstere Romane ...
Javier Marias: Dein Gesicht morgen
Aus dem Spanischen von Elke Wehr. "Wollte Gott, dass niemand uns jemals um etwas bittet oder auch nur fragt, ...
Archiv: Bücherschauen
Vexierspielkünstler
20.03.2010: Die FAZ hat Denis Johnsons Thriller "Keine Bewegung!" gelesen und freut sich über das Gespür des Autors für kriminelle Loser. Die FR folgt der zehnjährigen Dora durch Jacques Roubauds Abenteuer und Geheimnis verheißenden "Verwilderten Park". Sehr anregend findet die NZZ Eric Hobsbawms Buch über "Globalisierung, Demokratie und Terrorismus". Die taz spürt einen Hauch von Erlösung in Don DeLillos Roman "Der Omega-Punkt". Mehr lesen
Archiv: Vorgeblättert
Francois Walter: Katastrophen
15.03.2010: Für die Natur gibt es keine Katastrophen, nur für die Menschheit. Der Schweizer Historiker Francois Walter hat eine Kulturgeschichte ihrer Bewältigung geschrieben und der Sinnsuche des Menschen: Strafe Gottes, Prüfung der Gottesfürchtigen sowie Ansporn zu neuen technischen Entwicklungen. Hier eine Leseprobe aus "Katastrophen". Mehr lesen
Betina Gonzalez: Nach allen Regeln der Kunst
11.03.2010: Im Erstlingsroman der Argentinierin Betina Gonzalez begibt sich eine Tochter auf die Suche nach den Spuren ihres Vaters, eines mittelmäßigen Bildhauers, und nimmt Kontakt mit seinen Geliebten auf. Hier eine Leseprobe aus "Nach allen Regeln der Kunst". Mehr lesen
Necla Kelek: Himmelsreise
08.03.2010: Passend zum 8. März: Necla Kelek kämpft in ihrem neuen Buch für eine aufgeklärte Lesart des Koran, informiert über Entstehung und Hintergründe und stellt fest: Auf den Koran kann sich nicht berufen, wer für Kopftuch und fünf Pflichtgebete am Tag plädiert. Lesen Sie hier ein Kapitel aus "Himmelsreise". Mehr lesen


Folgen Sie uns auf Twitter


