Perlentaucher - Das Kulturmagazin

Anmelden | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 18.03.2010, 20.18 Uhr

Bücher der Saison

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Derek Walcott

Mittsommer/Midsummer

Zweisprachige Ausgabe

Cover: Mittsommer/Midsummer

Carl Hanser Verlag, München 2001
ISBN-10 3446201025
ISBN-13 9783446201026
Kartoniert, 143 Seiten, 15,24 EUR

Bestellen bei Buecher.de

Klappentext

Aus dem karibischen Englisch übersetzt von Raoul Schrott. Mittsommer, ein Poem in vierundfünfzig Sequenzen, ist das lyrische Logbuch eines Jahres, von Sommer zu Sommer. Es ist Derek Walcotts Mitte des Lebens, eine Bestandsaufnahme des karibischen Dichters und Malers.

Möchten Sie dieses Buch kommentieren?

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.01.2002

Ach je. Da stellt Bruno von Lutz fest, dass es die "schiere Lust der Sprache" ist, die Derek Walcott antreibt, die Lust auch, eine Art "colonisation in reverse" zu betreiben, indem er sich des Englischen als der Sprache der Kolonisatoren seiner karibischen Heimat bedient. Stellt fest, dass es neben den in den Gedichten eingefangenen Sinneswahrnehmungen vor allem "eine nicht zu bändigende Sprachgewalt" ist, die diese Eindrücke befeuert - und dann? Dann wird dieser ursprüngliche Lesegenuss im deutschen Teil der zweisprachigen Ausgabe durch Aufgeblasenheit, Oberflächlich- und Schludrigkeiten derart vereitelt, dass der Rezensent richtig sauer wird und es eindrückliche Beispiele für "Schrotts umständliche Satzbildungen und Aufbauschungen" und hässliche Übersetzungsfehler (hallo, Lektorat!) nur so hageln lässt. Poetischer, kommentiert Lutz sehr freundlich, werde die Sprache dadurch jedenfalls nicht. Fragt sich bloß, wieso Schrott sich so programmatisch so umständlich ausdrückt, wenn es auch eleganter ginge. Lutz hegt einen scheußlichen Verdacht: Der Übersetzer hält den Leser für unfähig, poetische Bilder zu entschlüsseln. Der Gipfel.

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2001

Rezensent Thomas Poiss hält Derek Walcotts Platz auf "jener imaginären Wolke", wo Homer, Dante und Shakespeare "diejenigen empfangen, die kein Neid mehr erreicht", für ziemlich gesichert. Der zweisprachigen Ausgabe von "Midsummer", die 1984 zuerst erschienen sei, gehört sein höchstes Lob. Die lyrische Technik wird mit der Malerei Cezannes verglichen: wie dieser Farbflächen zu "höchster Wirklichkeit" ordne, versuche Walcott "aus der Komposition von Worten und Laute, aus der Verbindung von Bild- und Metaphernfeldern verbale Gegenstände von höchster Intensität" entstehen zu lassen. Mit einer gründlicheren Analyse von "Gedicht XXI" versucht der Rezensent, einen Vorgeschmack auf die komplexe Kunst des gesamten Bandes zu geben. In wenigen Worten entwickele Walcott hier ein Tableau "postkolonialer Religiosität und Säkularisierung". Der Rezensent bewundert besonders die Perfektion, mit der "das Allgemeinste, die Form des Glaubens, ins ganz Konkrete" transportiert wurde. Übersetzer Raoul Schrott wird auch bewundert, und zwar für die "kongenialen Entsprechungen", die er für Walcotts rhythmischen und lautlichen Reichtum gefunden hat. Allerdings hat die Bewunderung Grenzen, denn bisweilen hat die Suche nach Reimen auch zu "prosaischer Umständlichkeit" und manchmal sogar zum "Schnitzer" geführt.

Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.10.2001

Eine positive Auseinandersetzung mit dem Gedichtzyklus des Nobelpreisträgers Derek Walcott und eine kritische mit der deutschen Übersetzung ist diese Rezension Hannelore Schlaffers. Die Rezensentin setzt sich vor allem mit der Tatsache auseinander, dass "der Mensch und die Landschaft bei Walcott ... derselben Körperwelt" angehören, was für einen Leser mit europäischem literarischen Hintergrund ungewohnt sei, dadurch aber auch eine große Faszination ausübe. Die Beurteilung der Übersetzung Raoul Schrotts hingegen ist vernichtend, da er nach Meinung der Rezensentin häufig mit seinen Ambitionen über das Ziel hinausschießt, wenn er zum Beispiel sämtliche Metaphern in Vergleiche ummodele oder das Lesen durch einen wenig sinnvollen Gebrauch von Satzzeichen erschwere. Daher klassifiziert Schlaffer die Übersetzung als "Interpretationsvorschlag", was sie immerhin als "Versuch gelten" lässt - mehr allerdings nicht.

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.08.2001

Für ein paar "Unschärfen in den Randzonen" dieser Poesie (Klischeeseligkeit beim Thema Holocaust), entschädigt den Rezensenten Lothar Müller der Reichtum im Zentrum, ein "unendlicher Vorrat an Wolken, Sonne, Fregattvögeln ... rostigen Schiffen." Schon in Ordnung, wenn Walcott an seiner "Überblendung von Ägäis und Karibik" feilt, er den Zeitpfeil der westlichen Historiographie eintauscht gegen "den Zyklus und die Landschaft." Und auch an der Übersetzung von Raoul Schrott mit ihrem Willen zur Nachbildung gelehrter Untertöne und selbst beiläufiger Reimbildungen und Assonanzen findet Müller Gefallen, vermisst er auch die Anmerkungen, "die das Dickicht der Anspielungen lichten."

Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Bücher von Lesern empfohlen

Buch: Eine iranische Liebesgeschichte zensierenShahriar Mandanipur: Eine iranische Liebesgeschichte zensieren
Aus dem Englischen von Ursula Ballin. Ein iranischer Schriftsteller ist es leid, immer nur düstere Romane ...

Buch: Dein Gesicht morgenJavier Marias: Dein Gesicht morgen
Aus dem Spanischen von Elke Wehr. "Wollte Gott, dass niemand uns jemals um etwas bittet oder auch nur fragt, ...

Archiv: Bücherschauen

Dichtung und Tischtennis

18.03.2010: Als tieftraurig und hochkomisch zugleich preist die SZ Jan Faktors Roman mit dem Monster-Titel "Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag". Die FR lobt den Roman ebenfalls, aber mit Vorbehalten gegen seine Lustigkeit. Hingerissen ist sie auch von Nicholson Bakers Lyriker-Roman "Der Anthologist". Die FAZ schwärmt von Hans-Ulrich Treichels Berliner Heimatlosigkeitsroman "Grunewaldsee". Für die heute erschienene Literaturbeilage der Zeit werden wir noch ein paar Tage brauchen.
Mehr lesen

Archiv: Vorgeblättert

Francois Walter: Katastrophen

15.03.2010: Für die Natur gibt es keine Katastrophen, nur für die Menschheit. Der Schweizer Historiker Francois Walter hat eine Kulturgeschichte ihrer Bewältigung geschrieben und der Sinnsuche des Menschen: Strafe Gottes, Prüfung der Gottesfürchtigen sowie Ansporn zu neuen technischen Entwicklungen. Hier eine Leseprobe aus "Katastrophen". Mehr lesen

Betina Gonzalez: Nach allen Regeln der Kunst

11.03.2010: Im Erstlingsroman der Argentinierin Betina Gonzalez begibt sich eine Tochter auf die Suche nach den Spuren ihres Vaters, eines mittelmäßigen Bildhauers, und nimmt Kontakt mit seinen Geliebten auf. Hier eine Leseprobe aus "Nach allen Regeln der Kunst". Mehr lesen

Necla Kelek: Himmelsreise

08.03.2010: Passend zum 8. März: Necla Kelek kämpft in ihrem neuen Buch für eine aufgeklärte Lesart des Koran, informiert über Entstehung und Hintergründe und stellt fest: Auf den Koran kann sich nicht berufen, wer für Kopftuch und fünf Pflichtgebete am Tag plädiert. Lesen Sie hier ein Kapitel aus "Himmelsreise". Mehr lesen

Archiv: Buchautoren