Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
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Klappentext
Herausgegeben von Hanno Loewy. "Ich bin ein ungarischer Dichter, die seit 20 Jahren deutscher Schriftsteller ist", umschrieb im Winter 1940 Bela Balazs (1884-1949) seine literarische Existenz. Damals, im Moskauer Exil, vergegenwärtigt sich der Jude und romantische Kommunist, Jugendfreund des Georg Lukacs, Filmkritiker, -theoretiker und -regisseur, Drehbuchautor und Erzähler seiner Kindheit in der k.u.k. Provinz vor dem Hintergrund des nahen Kriegs: "Tausende von Flugzeugen streuen Bomben aus den Wolken aller Himmelsstriche. Ich aber sitze auf der einzigen sicheren Insel ... und maße mir an, die Aufmerksamkeit der Leser für die Erzählung eines Privatlebens zu erwerben." Die Jugend eines Träumers, deutsch geschrieben, erschien nicht mehr in Moskau, sondern erst nach dem Krieg in Wien (1947) und in Budapest.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.12.2001
Der später als Filmtheoretiker und Kritiker zu Ruhm gelangte Béla Bálazs (Pseudonym für: Herbert Bauer) beschreibt in diesem "autobiografischen Roman" seine Jugendjahre im Karpatenstädtchen Löcse. Der Rückblick endet mit den "ersten Achtungserfolgen des angehenden Dichters" in Budapest. Der Rezensent Alexander Honold schlägt erläuternd einen weiteren Bogen: er zählt die Lebensstationen Bálazs' auf, von der Mitarbeit an Leni Riefenstahls Film "Das blaue Licht" bis zum Moskauer Exil (in dem dieses Buch entstand) und dem baldigen Tod nach der Rückkehr nach Budapest. Obgleich in der Autobiografie (zu einer Fortsetzung kam es nicht mehr) nur eine, so Honold, "Allerwelts-Kindheit" geschildert wird, mit Episoden beim Schlittschuhlaufen oder im Schwimmbad, gelingt es Bálazs doch, von den "Erfahrungen kindlicher Schwermut berückend schön" zu erzählen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.11.2001
Kennern der Filmtheorie ist der 1884 in dem ungarischen Städtchen Szeged geborene und 1949 verstorbene Bela Balasz alias Herbert Bauer neben seinem Landsmann Georg Lukacs als bekennender Vertreter des Kinos, "der Volkskunst des 20. Jahrhunderts" und Verfasser des ersten umfassenden Entwurfs zur Ästhetik des Films, "Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films", erschienen 1924, ein Begriff. Seine Autobiografie "Die Jugend eines Träumers", 1947 in deutscher Sprache in Wien und Budapest erschienen, geriet hingegen in Vergessenheit, schreibt Rezensentin Veronika Rall. Der Verlag "Das Arsenal" hat sich nun vorgenommen, in einer fünfbändigen Reihe nicht nur den Filmkritiker Balasz, sondern auch den Literaten zu würdigen. Das Buch, der "programmatische Auftakt" der Reihe, verbindet, so Rall, Poesie und Kino und beschreibt das rastlose Leben eines Pendlers zwischen der ungarischen Steppe und den Weltstädten Europas, der seine Zugehörigkeit einzig in den bewegten Bildern des Kinos fand.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.10.2001
Der Erzähler Balazs blieb stets im Schatten des Librettisten und Theoretikers Balasz, zu Unrecht - meint Laszlo F. Földenyi. Er ist hingerissen von dem autobiografischen Roman "Die Jugend des Träumers", der 1947 erstmals auf Deutsch erschienen ist. Kein Memoirenband, betont Földenyi, kein Tagebuch, und auch keine fiktive Literatur, sondern eben ein "autobiografischer Roman", der für ihn ganz märchenhafte Seiten hat. Der Reiz der geschilderten Kindheits- und Jugenderlebnisse aus der ungarischen K.u.K.-Zeit liegt für Földenyi in der "Balance zwischen den Erlebnissen des Kindes und den Worten des Erwachsenen": kein Anbiedern an eine kindgerechte Sprache trotz kindgerechter Sicht der Dinge. Die Kindheit nannte Balasz selbst "das metaphorische Alter", berichtet Földenyi, weil das Kind die Metaphern unmittelbar erlebe und nicht auf eine andere Ebene abspalte. Im übrigen erscheint ihm die K.u.K.-Zeit, wie sie auch Joseph Roth, Sandor Marai, Robert Musil oder Ferenc Molnar geschildert haben, auf diese Weise in neuem Licht.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2001
Wie ein "literarisches Cinemascope" erscheint Felicitas von Lovenberg der Text dieses erste Bandes einer geplanten Werkausgabe, die dem ungarischen Filmtheoretiker gewidmet werden soll. Aufgewachsen zuerst in Lötsche, dem heutigen slowakischen Levoca, nach dem frühen Tod des Vaters in seiner Geburtsstadt Szeged, sind die im Moskauer Exil 1940 begonnenen autobiografischen Aufzeichnungen für den Autor Mittel später Selbsterkenntnis, meint die Rezensentin. Dass das eigene Leben "ein deutliches und sinnvolles Gebilde werden will", hat der halbjüdische, halbdeutsche Autor, der zunächst leidenschaftlicher Ungar wurde, erst als alter Mann erfahren. Sein Text über eine Jugend, die noch vom 19.Jahrhundert geprägt war, stimmt weder heiter noch "wehmütig", soll weder Rätsel lösen noch Rechtfertigung für den späteren Kommunisten sein, schreibt von Lovenberg. Vielmehr sieht sie das Faszinosum dieses Buches in der Qualität der Sprache von einem, der "in der deutschen Sprache nicht ganz zu Hause ist" und deshalb umso größere Mühe darauf verwendet, "die Wörter zum Träumen zu bringen".
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