Ein junger Mann in seinen späten Zwanzigern, gerade zugewandert aus Breslau. In Berlin bewegt er sich mit staunenswerter Freiheit, mit einer legeren Selbstverständlichkeit, die das Leben in der Metropole genießt und erkundet. Er sichtet all das Neue und hält es im Wort fest. Überall finden ja Revolutionen statt, nicht nur in der Politik, wo sich der alte Bebel und der junge Liebknecht aus der Arbeiterschaft eine Armee zurechtschmieden, sondern auch in der Kunst. Dort machen so unerhört neue Maler wie Liebermann, Lesser Ury und Baluscheck Furore.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 09.12.1999
Günther Rühle, seit zehn Jahren um die Edition der Schriften des Berliner Theaterkritikers Alfred Kerr bemüht, schiebt nach dem überraschend erfolggreichen Band "Wo ist Berlin?" einen zweiten Band seiner Berliner Briefe hinterher - und der ist "immer noch des Glücks genug", schreibt Dieter Hildebrandt in seiner Besprechung. Die Briefe des neuen Bandes sind überwiegend im Berliner Sommer entstandene Beschreibungen der Sauregurkenzeit, wenn die Menschen verreist und die Theater geschlossen sind: pointierte Beobachtungen des preußischen Freizeitverhaltens. Daneben stehen die "Briefe eines europäischen Flaneurs", so der Untertitel, die teilweise schon woanders veröffentlicht waren. Nicht nur, daß Kerr schon damals das Stöhnen der Bonner vorweg nahm mit seiner verblüffend aktuellen Frage "Warum fließt der Rhein nicht durch Berlin?", meint Hildebrandt, er lieferte vor allem "Ironie bis aufs Blut" - und damit sei er ganz auf der Höhe unserer Zeit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 24.11.1999
Jörg Plath findet den Titel des Bandes zwar etwas verschmockt, aber er freut sich doch sehr, dass diese verschollen geglaubten Briefe des Kritikers und Feuilletonisten an seine Breslauer Zeitung wieder aufgetaucht sind. Der erste Band von Kerrs Briefen hatte ja einen überraschenden Erfolg bei Publikum und Kritik. "Der frühe Kerr ist oft wunderbar", schreibt Plath, auch wenn er in seinen Schilderungen der Berliner guten Gesellschaft, der Neureichen und des Theaterlebens manchmal ein bisschen selbstgefällig sei. "Niemals langweilig" sei dieses Buch, das einen Blick auf die Hauptstadt vor genau hundert Jahren wirft.
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