Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 05.04.2000
In einer Doppelrezension befasst sich Hans-Dieter Gondek mit zwei Bücher zum Thema "Trauma" bzw. "Psychotraumatologie".
1) Elisabeth Bronfen, Birgit R. Erdle und Sigrid Weigel (Hrsg.): "Trauma - Zwischen Psychoanalyse und kulturellem Deutungsmuster". (Böhlau-Verlag)
Dieser Band hält nach Ansicht Hans-Dieter Gondeks nicht in jedem Punkt, was er verspricht. Die Ausweitung des "originär psychopathologischen" Begriffs Trauma auf ein "kulturelles Deutungsmuster" findet Gondek grundsätzlich problematisch. Zwar begegnen die Autorinnen, wie Gondek einräumt, diesem Vorbehalt teilweise durch eine Differenzierung vor allem in Bezug auf den Holocaust, Film, Musik und Philosophie. Bei genauerer Betrachtung erweise sich jedoch, dass die begriffliche Differenzierung, beispielsweise in Bezug auf das spezielle Verständnis eines Traumas bei Levinas, nicht ausreichend herausgearbeitet sei. Fragen dieser Art werden nach Gondeks Ansicht in dem Buch gar nicht gestellt. Abgesehen davon merkt er an, dass die Autoren sich - wie er findet - in "psychoanalytischer, aber auch in medizinischer und psychiatrischer Theorie" nicht auf dem neuesten Stand befinden.
2) Gottfried Fischer und Peter Riedesser: "Lehrbuch der Psychotraumatologie". (Verlag Ernst Reinhardt)
Auf diesen Band geht Hans-Dieter Gondek nur mit wenigen Worten ein, merkt aber an, dass - anders als im Band "Trauma - Zwischen Psychoanalyse und kulturellem Deutungsmuster" sich die Autoren hier durchaus auf dem neuesten Stand der Forschung befinden. Darüber hinaus lobt er, dass - obwohl die Nähe der Autoren zu Freud und der "nachfreudianischen Psychoanalyse" unübersehbar sei - auch "behavioristische und lerntheoretische Theorien" berücksichtigt werden.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 09.12.1999
Mit erfrischender Deutlichkeit wehrt sich Hans-Dieter Gondek in seiner Diskussion dieses Buches gegen die allzu ausufernde Verwendung des Wortes "Trauma". Willkür und Konstruiertheit wirft er vor allem denen vor, die sich in ihren Beiträgen (aus Anlaß einer 1996 stattgefundenen Tagung in Zürich) auf "literarische oder filmische Szenarien" konzentriert haben. Psychoanalyse und Philosophie sind am wenigsten hier vertreten, bedauert Gondek und würdigt umso mehr jeden Autor, der sich mit "tatsächlichen Traumatisierungen" befasst, so der Architekt Daniel Libeskind und die Mitherausgeberin Birgit R.Erdle mit dem Holocaust und seinem Gedenken oder der israelische Psychologieprofessor Dan Bar-On, der über Kriegsfolgen bei israelischen Soldaten geforscht hat. Bemerkenswert und provokativ ist die Vermutung des Rezensenten, mit der Konjunktur des Begriffes "Trauma" solle womöglich eine "Art Partizipation mit den Opfern erreicht werden"; gerade davor warne aber auch Birgit Erdle implizit in ihren Beiträgen.
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